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Wer hat die Steine auf das Gleis gelegt?

Zwei demolierte Züge waren die Folge von zwei Anschlägen im November 2013. Ein junger Mann wurde nun freigesprochen.

Von Alexander Schneider

Die Lokführer, zwei erfahrene Männer jenseits der 50, seit Jahrzenten im Dienst, werden sich noch lange an den November 2013 erinnern. Als sie abends vom Hauptbahnhof kamen, um ihre leeren Züge, einen ICE und einen Intercity, zur Abstellanlage Reick zu fahren, krachten sie über Steinbrocken, die ein Unbekannter zuvor auf die Gleise gelegt hatte. Beine Male im Bereich des Haltepunktes Reick. Am Montag, 18. November, war es ein 50 mal 40 mal 50 Zentimeter großer Quader, drei Tage später eine Granitplatte, wohl ein Fenstersims. Zur Katastrophe kam es vor allem deshalb nicht, weil die Züge nicht schneller als 60 Sachen fuhren. Bei der nächsten Weiche sollten sie vom Ferngleis Richtung Bahndepot abbiegen. „Fernzüge dürfen dort schon 140 Stundenkilometer fahren“, sagt ein Lokführer. „Bei diesem Tempo wären die Züge wohl entgleist.“ Dennoch ist der Schaden enorm: mehr als 80 000 Euro am ICE, weitere 20 000 am Intercity.

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Am Dienstag musste sich ein 22-jähriger Mann vor dem Amtsgericht Dresden wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr in zwei Fällen verantworten, zweieinviertel Jahre nach den beiden Anschlägen. Der Angeklagte hat einen zerrütteten Lebenslauf. Mit drei in die Pflegefamilie, erste Drogenerfahrungen mit elf, in der Pubertät ging es endgültig auf die schiefe Bahn. Schulabbruch, Rauswurf bei der Pflegefamilie, abgebrochene Berufsausbildungen, noch mehr Drogen, Crystal. Gerichtserfahren ist er auch. Zurzeit verbüßt er eine achtmonatige Jugendstrafe wegen Diebstahls und zigfachen Schwarzfahrens.

Beweislage ist nicht wirklich gut

Hat er die Steine auf die Gleise gelegt, wie es ihm die Anklage vorwarf? Er bestritt die Vorwürfe bis zuletzt, schwieg aber zur Sache, was sein gutes Recht ist. Die Beweislage ist nicht wirklich gut. Die Staatsanwaltschaft stützte sich auf die Aussagen zweier Mädchen und ein paar wenige Indizien.

Kriminalistisch ist es interessant: Nach der zweiten Tat setzte die Bundespolizei einen Fährtenhund ein. Er folgte an einem Trampelpfad am Haltepunkt Reick einer Spur und führte die Polizei bis zum städtischen Kinder- und Jugendnotdienst im Rudolf-Bergander-Ring. Dort wurden die beiden Zeuginnen angetroffen. Sie hatten ein Alibi, waren aber zuletzt vor der Tür, was die Beamten aus dem feuchten Schuhwerk der Teenager schlossen. Sie machten kaum Angaben. Nach Weihnachten meldeten sie sich jedoch bei der Jugendsachbearbeiterin der Bundespolizei und berichteten, dass der Angeklagte, er war der Ex-Freund von einer, ihnen gegenüber mit den Taten geprahlt habe. Vor Gericht wollten sich die nun 16 und 17 Jahre alten Zeuginnen kaum an ihre Aussagen erinnern. Auch mehrfache Nachfragen brachten nichts.

Dennoch war der Staatsanwalt überzeugt: Die Teenager sagten Dinge, etwa die Formen der Steine, die nur der Täter gekannt haben konnte. Ganz anders Verteidiger Dino Lang. Er argumentierte, das vermeintliche Täterwissen könnte auch über die Befragungen durch die Beamten bekannt geworden sein. Das Jugendschöffengericht sprach den Angeklagten schließlich frei. Es habe zu viele Zweifel gegeben, um den 22-Jährigen verurteilen zu können.