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Wer hat Schuld am tödlichen Unfall?

Viel Kritik erntete die Stadt für die ausgeschalteten Ampeln am Lutherplatz. Doch die spielen im Gutachten keine Rolle.

Von Jens Ostrowski

Riesa. Sie kommen aus einer Shisha-Bar, bringen eine Freundin nach Hause und wollen anschließend mit einem Kumpel noch durch die Stadt cruisen, gibt der Beifahrer später zu Protokoll. Es ist die Nacht auf den 3. November 2013. Auf der Kreuzung Am Lutherplatz nimmt der Ausflug für die beiden jungen Männer ein jähes – und für Roberto Harz ein tödliches Ende. Doppelt so schnell als erlaubt fahren die beiden laut Gutachten in ihrem Audi A5 dem zweifachen Familienvater von rechts in die Seite, als der gerade die Pausitzer Straße Richtung Erdgasarena überqueren will. Der Passat schleudert 20 Meter weit gegen eine Laterne. Für den 38-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät. Er stirbt an seinen schweren Kopfverletzungen. Der Unfall erfährt in den darauffolgenden Wochen großes öffentliches Interesse, weil die Stadt trotz gegenteiliger polizeilicher Empfehlung an dieser Stelle die Ampeln nachts ausschalten lies. Jetzt liegt der SZ das ganze Gutachten vor.

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Wie schnell warendie Beteiligten?

Schon in der Unfallnacht soll ein Dekra-Sachverständiger dem heute 22-jährigen Audi-Fahrer widersprochen haben, als der wohl angab, etwa 50 Stundenkilometer schnell gefahren zu sein. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Dekra-Gutachten. So werden nach Auswertung aller Kriterien wie Spurenlage und Deformierungen der Fahrzeugteile eine Geschwindigkeitsober- und eine Untergrenze benannt. Demnach war der Audi mindestens 95, höchstens 118 Kilometer pro Stunde schnell. Die Optimalvariante aber kommt der Realität wohl am nächsten. Sie besagt, dass der Audi höchstwahrscheinlich mit 108 Stundenkilometer auf die Kreuzung zugerast sei, bevor er 33 Meter vor der Kollision eine Vollbremsung durchführte und schließlich mit Tempo 67 den Passat seitlich erfasste.

Welche Rolle spielen die ausgeschalteten Ampeln?

Dass die Signalanlage an der Kreuzung Am Lutherplatz zu diesem Zeitpunkt im Nachtbetrieb lief, spielt im Gutachten keine wesentliche Rolle, da die Verkehrslage durch andere Verkehrszeichen geregelt war. Deshalb gab es für die Gutachter keinen Anlass, die Vermeidbarkeit des Unfalls bei eingeschalteter Ampel zu prüfen. Und doch bleibt es dabei: Die Polizei hatte aufgrund des besonderen Gefahrenpotenzials an der Kreuzung Am Lutherplatz der Stadt bereits lange vor der tödlichen Kollision empfohlen, die Ampeln in den 24-Stundenbetrieb zu nehmen, was nach dem Unfall auch geschah.

Wäre der Unfall mit erlaubtemTempo zu verhindern gewesen?

Laut Gutachten wäre die Kollision nicht zu verhindern gewesen, wenn sich der 22-jährige Audifahrer in gleicher Situation an das vorgeschriebene Tempolimit von 50 Stundenkilometern gehalten hätte. Jedoch hätte sich die Aufprallgeschwindigkeit auf acht Stundenkilometer reduziert, wodurch es zu keiner nennenswerten Deformation an beiden Fahrzeugen und auch nicht zum tödlichen Kopfaufschlag des 39-jährigen Passat-Fahrers an der B-Säule seines Fahrzeugs gekommen wäre.

Fuhr der Audi-Fahrerohne Abblendlicht?

Dafür gibt es laut Gutachten zumindest Anzeichen. Beweisen können es die Experten jedoch nicht. Fotos aus dem Innenraum des weißen Audi zeigen zwar den Lichtschalter in Aus-Stellung. Die Experten können aber nicht ausschließen, dass der Schalter nach der Kollision noch einmal gedreht wurde.

Hat der VW-Fahrer dieVorfahrt missachtet?

Grundsätzlich war Roberto Harz nicht vorfahrtberechtigt. Und auch die Sicht sei nicht verdeckt gewesen. Die Entscheidung, inwieweit eine Fehleinschätzung von Roberto Harz durch die sehr hohe Geschwindigkeit des Audi Ursache für das Einfahren in die Kreuzung war, legt das Gutachten aber in die Hände des Gerichts.

Welche Fakten konntennoch festgestellt werden?

Das Gutachten hält weitere Fakten fest, die im Ergebnis aber keine Rolle spielen. So soll der Audi-Fahrer Anfang November noch mit Sommerreifen unterwegs gewesen sein.

Muss der Audi-Fahrer miteiner Anklage rechnen?

Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren übernommen und wird in den nächsten Wochen klären, ob es zur Anklage kommt. Die Polizei jedenfalls hat Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung, Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Tötung erstattet. Der Strafrahmen sieht dafür eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahre vor. Es ist wahrscheinlich, dass es zur Anklage kommen wird.