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Wer in Görlitz lebt, dessen Herz schlägt hier

Porträt. Eine Kultur-(Haupt)-Stadt wird von Menschen gemacht. In Görlitz gibt es viele. Zum Beispiel Gerd Weise.

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Von Ines Eifler

Als ich 2001 nach Görlitz kam, bin ich erstmal durch die hiesigen Etablissements gezogen, um zu erfahren, wer hier lebt und wie die Menschen denken.“ Läuft er durch die Straßen, grüßt fast jeder Zweite und Gerd Weise grüßt zurück. Kontakte hatte er genügend, als er im zweiten Semester seines Kultur-und-Management-Studiums das erste Campus-Open-Air organisierte, und die nutzt er auch noch heute, während er das vierte vorbereitet. Ein dreitägiges Festival der Hochschule, ein Markenzeichen, um den Standort Görlitz, vor allem aber seinen Studiengang Kultur und Management weithin strahlen zu lassen.

Für das reguläre Studium hat Weise allerdings kaum Zeit. Nicht nur für das Campus-Festival, auch für das Altstadtfest und die Pressearbeit der Internationalen Sommerschule der Künste verwendet er fast jede Stunde seines Tages, denn er will etwas bewegen. „Gerade die Studenten waren doch seit jeher diejenigen, die neue Wege fanden, erkundeten und wiesen.“

Nach seiner Kindheit und Jugend in Dresden wäre er schon kurz nach der Wende beinahe in Görlitz gelandet, zu einer Stelle als „Gebrauchswerber“. Doch dann vergingen zehn Jahre, bis er wirklich hier ankam. In diesen wurde er Raumausstatter in Süddeutschland, leistete seinen Zivildienst in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt und arbeitete mit autistischen Kindern, war dann in einem Unternehmen beschäftigt, das die Interieurs der Barockschlösser in Dresden, Rammenau, Großsedlitz oder der Dresdner Albertina restaurierte. Nachdem er das Abitur für Gestaltung abgelegt und ein Jahr lang Jugendprojekte betreut hatte, war es Zufall, dass Gerd Weise im Internet auf sein Studienfach aufmerksam wurde. Die deutschlandweit einmalige Kombination aus Ökonomie und Kultur zog ihn nach Görlitz: „Ich hatte ein wenig gepokert: Eine Bewerbung, und das hat geklappt.“

Im Jahr 2002 hatten Gerd Weise und sein Kommilitone Benedikt Hummel die Idee, ein studentisches Open-Air-Festival auf dem Campusgelände zu initiieren. „Zuerst hatten wir jeder eine eigene Band, die wir unbedingt auftreten lassen wollten.“ Bis sieben weitere Gruppen herangeholt waren, vergingen Monate für die beiden. „Stress, Stress, Stress für uns KuMa-Frischlinge, und wir dachten, nie wieder tun wir uns diesen Riesenaufwand an, zumal das Studium sehr darunter litt.“ Auch nach dem zweiten, erst recht dem verregneten dritten Campusfest 2004 wollte Gerd Weise aufgeben, doch weil es „eine Art Sucht ist, Events zu inszenieren und hier ein solches Projekt zu etablieren“, sind im Gegenteil Anspruch, Qualität, aber auch Kosten des Festivals von Jahr zu Jahr gestiegen. Bis heute spielen immer elf regionale und internationale Bands, je fünf an Freitag und Sonnabend, eine letzte am „Familiensonntag“ mit Brunch, Jazz und vielen Kinder- und Jugendaktionen.

Finanziell rentiert sich das Fest zwar nie, doch es ist sicherlich eine der besten Marketing-Aktionen der Hochschule, und dank der Eigeninitiative vieler Studenten, dem Möglichmachen seitens der Verwaltung und der Unterstützung der Landskronbrauerei, vom Autohaus Klische, das „unheimlich viel für die Görlitzer Kultur“ tue, und anderen privaten Sponsoren ist es auch in diesem Jahr wieder möglich.

Neu in diesem Jahr ist das große Kino über die Neiße an jedem der drei Tage, eine Zusammenarbeit mit dem Kulturhauptstadt-Büro. Als Gerd Weise etwas über den Sonnabend-Film „Station Woodstock“ erzählt, eine Reportage über das größte Open-Air-Festival Polens mit 500 000 Besuchern, beginnt er leidenschaftlich zu schwärmen. „Je weiter man in den Osten Europas kommt, desto unmittelbarer ist auf Festivals die Spannung zwischen Musikern und Publikum. Hier geht oft der Wille unter, etwas zu entdecken, in dieser bunten Welt. Für die Leute im Osten gibt es noch ein Leben nach der Arbeit.“

Auch wenn Gerd Weise sich an solche magischen Momente während der früheren Campus-Open-Airs erinnert und zuversichtlich ist, in diesem Jahr die Grenze von 1 500 Besuchern pro Tag zu brechen, sieht er generell für Görlitz noch ein Problem. „Im Stadtbild scheint manchmal die Lebensfreude zu fehlen, aber genau diese Lethargie sollten gerade wir Studenten aufbrechen.“ Aber leider hätten viele so gut wie keinen Kontakt nach draußen, seien nicht bereit, sich von ihrem gewohnten Umfeld zu lösen. Da sei oftmals die Trägheit, zu riskieren, zu diskutieren, zu motivieren, etwas zu verändern, neue Wege zu finden. „So etwas gibt es nur in meiner Stadt“, solle ein jeder Student sagen können, und das Campus-Festival ist ein Anfang.

„Wir haben zwar wirtschaftlich gesehen nicht die blühendsten Landschaften, dafür aber glühende Herzen. Selbst wenn wir nicht Kulturhauptstadt werden, am spannendsten ist sowieso der Weg. Man sieht jetzt schon, was für Energien hier genutzt werden.“ Gerade weil es hier viele nicht in naher Zukunft sähen, „in Lohn und Brot zu kommen“, seien sie kreativer, würden flexibler über Ideen nachdenken und Varianten in Betracht ziehen, was man tun könne. Trotzdem ist für ihn selbst die Frage noch offen, ob er hier bleiben wird. „Am Ende kommt es darauf an, ob es hier etwas gibt, für das es sich zu bleiben lohnt und von dem man leben kann. Ob man eine Lücke findet, dauerhaft selbst etwas aufzuziehen.“

Campus-Open-Air-Festival 3. bis 5. Juni.