SZ +
Merken

„Wer nicht genießt, wird ungenießbar“

Zwei Ernährungsberaterinnen empfehlen fürs neue Jahr nicht den totalen Verzicht, sondern einen Mix.

 5 Min.
Teilen
Folgen
Gemüse ist wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährungsweise. Die haben sich viele Menschen für das neue Jahr vorgenommen, doch das Durchhalten fällt oft schwer.
Gemüse ist wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährungsweise. Die haben sich viele Menschen für das neue Jahr vorgenommen, doch das Durchhalten fällt oft schwer. © Symbolfoto: dpa/Christin Klose

Bautzen. Mehr Sport treiben, gesünder essen, häufiger an die frische Luft gehen – von den Vorsätzen, die manch einer für das neue Jahr gefasst hat, sind sicher so einige längst wieder zu den Akten gelegt. Zu groß war die selbst gestellte Aufgabe, zu schwierig ist es gewesen, den berühmten inneren Schweinehund zu überwinden. Doch gesünder leben – das geht, und zwar am besten in kleinen Schritten. Das erfuhr die SZ im Gespräch mit den Ernährungsberaterinnen Heidi Siegert und Cathleen Janotte vom Gesundheitszentrum in Bautzen.

Frau Janotte, wie sinnvoll sind gute Vorsätze fürs neue Jahr?

Die Menschen nehmen sich viel vor und sind Mitte Februar dann schon frustriert, weil sie nichts davon umgesetzt haben. Das stellen wir in dem Team von Spezialisten, in dem wir zusammenarbeiten immer wieder fest. Deswegen haben wir die Initiative „One simple change“ – „Eine kleine Veränderung“ entwickelt. Dabei geht es darum, jeden Monat eine Veränderung anzugehen und sie 30 Tage lang durchzuhalten. Denn so funktioniert unser Gehirn, es muss sich daran gewöhnen, es zum Alltag machen. Wenn die erste Veränderung gelingt, kommt die nächste. Und so kommen Erfolgserlebnisse.

Frau Siegert, wie nötig ist es hier, die Lebensweise in puncto Essen und Bewegung zu ändern?

Es ist nötig, und viele Menschen haben das erkannt. Es gibt auch viele Angebote. Aber sie alle durchzuarbeiten, kostet Zeit. Die haben viele nicht. Es ist zudem nicht leicht, die Qualität einzuschätzen. Das beginnt simpel beim Obst. Das sieht gesund aus, wird aber oft unreif geerntet. Dann fehlen die wichtigen Stoffe, die der Körper braucht. Die Folge sind eine Zunahme chronischer Probleme, Übergewicht oder auch Diabetes bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Da kann man mit der richtigen Ernährung viel positiv verändern.

Aber was ist eine richtige Ernährungsweise – da ist das Feld ja sehr breit, mit Stichworten wie vegan, glutenfrei, lactosefrei?

Cathleen Janotte: Das lässt sich nicht über einen Kamm scheren. Wer Gluten nicht verträgt, sollte es weglassen beziehungsweise er tut das, wenn es ihm nicht bekommt. Vegan kann gut sein, wenn man dabei wirklich gesund isst. Man kann sich bei dieser Form aber auch nur von Kuchen ernähren. Psychologisch schwierig ist die Strenge, mit der manche eine bestimmte Ernährungsform durchziehen. Es gibt unter jungen Menschen inzwischen eine Angst davor, etwas Falsches zu essen. Wir empfehlen, statt Dinge wie Fette und Zucker, die in der Ernährungspyramide weit oben stehen, wegzulassen, sollte man die gute Basis stärken, viel Wasser trinken, Obst und Gemüse essen. Es gibt eine 80:20 Regel – sich zu 80 Prozent möglichst gesund ernähren und zu 20 Prozent auch mal über die Stränge schlagen, sich etwas gönnen.

Heidi Siegert: Das konsequente Weglassen erzeugt viel Druck und ist nicht immer sinnvoll. Ein Beispiel sind Kohlehydrate. Die braucht der Körper. Insgesamt geht es auch darum, die Freude am Essen und am Zubereiten wiederzufinden.

Freude am Essen finden – das heißt auch, sich Zeit zu nehmen?

Heidi Siegert: Sich Zeit nehmen fürs Essen, das spielt eine große Rolle. Auch Gesellschaft ist wichtig. Man hat beim Vergleich mit Frankreich festgestellt, dass die Menschen dort zwar ähnlich fettig essen und übergewichtig sind wie die Deutschen, aber weniger häufig Schlaganfälle erleiden. Zum einen, weil sie zu fast jedem Essen ein Glas Rotwein trinken, wobei da rote Trauben und Beeren denselben Effekt haben, aber wesentlich gesünder sind. Rotwein sollte nicht unbedingt zur Routine werden. Wesentlich bei den Franzosen ist aber auch, dass sie in Gesellschaft essen. Das sollte man sich auch hier vornehmen, wenigstens für eine Mahlzeit am Tag.

Sie haben das Trinken kurz angesprochen – trinken wir zu wenig, das wird ja oft behauptet?

Heidi Siegert: Oft schon. Der Körper besteht zu 80 Prozent aus Wasser. Viele schaffen pro Tag nicht mal einen halben Liter. Manche sagen, ich habe keinen Durst. Der lässt sich aber trainieren.

Und was sollte man trinken?

Vor allem Wasser. Ungesüßter Tee ist auch in Ordnung, aber nicht mehr als zwei bis drei Tassen am Tag. Denn Tee hat Inhaltsstoffe, die wieder eine bestimmte Wirkung haben. Säfte brauchen wir nicht. Sie enthalten sehr viel Zucker. Und wer denkt, täglich ein Smoothie, gemacht aus Obst, das ist doch gut, der irrt. Wer das zwei, drei Jahre macht, bekommt sehr wahrscheinlich einen Leberschaden. Bereitet man sich diesen aus Gemüse zu, ist das völlig in Ordnung. Ein bis zwei Tassen Kaffee am Tag sind absolut kein Problem.

Wie wichtig ist denn die Bewegung in diesem Zusammenhang?

Heidi Siegert: Gesunde Ernährung und Bewegung gehören zwingend zusammen. Es sind zwei von drei Säulen, die das ganze „Haus“ tragen. Die dritte ist Entspannung. In Zeiten, in denen eine Säule geschwächt ist, weil zum Beispiel viel Stress herrscht, sollte man die anderen stärken.

Gespräch: Irmela Hennig

Kostenloser Körperzufriedenheitstest zum Ausprobieren