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Wer schlägt, der geht

Ein Netzwerk aus Vereinen, Gruppen und Behörden will Opfern häuslicher Gewalt in Riesa-Großenhain besser helfen.

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Von Birgit Ulbricht

Sein ganz persönliches Schlüsselerlebnis liegt etwa zwei Jahre zurück. Da lag Harry Telzerow im Großenhainer Krankenhaus zufällig in einem Zimmer mit einem jungen Mann, dem zwei andere Männer im Park völlig unmotiviert ein Messer in den Körper gerammt hatten. „Wir hatten viel Zeit zum Reden“, sagt er rückblickend. „Bis dahin dachte ich, den Opfern ist Genüge getan, wenn eine Straftat aufgeklärt ist. Aber das stimmt nicht.“ Damals habe er zum ersten Mal darüber nachgedacht, ob er nicht doch mehr tun könne, als Täter ihrer Strafe zuzuführen.

Denn zurück bleiben die Opfer, die mit dem Geschehenen fertig werden müssen. Das ist für viele Betroffene der weit schwerere Teil. Das erlebt Harry Telzerow heute jeden Tag in seiner Arbeit für den Verein „Weißer Ring“. Seit Anfang des Jahres leitet er die Außenstelle des gemeinnützigen Vereins zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern. Allerdings ohne Mitarbeiter. „Sicher, das ist viel für einen Mitarbeiter, aber wir sind schon froh, dass die Region Torgau-Oschatz, Riesa-Großenhain ab diesem Jahr geteilt ist.“ Mitstreiter sucht sich Telzerow beim neu installierten Netzwerk von Jugendamt, Frauenverbänden, Polizei, Richtern, Vereinen und Gruppen, das sich am Mittwoch in Großenhain getroffen hat. Seit das neue Gewaltschutzgesetz bis zu sieben Tage die Wegweisung des schlagenden Partners aus der Wohnung vorsieht, ist häusliche Gewalt auch in der Dorfidylle oder der Kleinstadt endlich keine „Privatsache“ mehr. 2004 wurde die Polizei im Altkreis Großenhain 14 Mal (Riesa: 37 Mal) in solchen Fällen gerufen. In diesem Jahr waren es vier Mal (Riesa: zwölf Mal). In zwei Notfällen im Altkreis Großenhain verwiesen die Polizisten den Schläger sieben Tage aus der eigenen Wohnung, um überhaupt eine Klärung der Lage zu ermöglichen. „Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit wesentlich höher“, sagt Präventionssachbearbeiter Frank Lieder vom Großenhainer Revier. Vor allem wenn Kinder betroffen sind. „Wenn nicht zufällig ein Lehrer die Spuren der Misshandlung sieht und die auch meldet, gibt es oft keine Chance“, weiß Frank Lieder. Denn die Täter kommen aus dem engsten Umfeld, sind meistens Verwandte. Und die werden oft nicht angezeigt.

Gute Erfahrung hat die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (früher nur Frauenhaus) mit ihrem neuen aktiven Ansatz gemacht. Die Mitarbeiter fahren hin zu den Betroffenen, in deren vertraute Umgebung. Bei der Terminabsprache fragten Frauen manchmal ängstlich: „Sie haben doch aber keine Werbung am Auto. Oder?“ Angst und Scham machen es schwer, sich zu wehren. Dabei muss der Weg nicht zwangsläufig ins Frauenhaus führen. Die Mitarbeiter klären zum Beispiel darüber auf, dass ALG II-Empfänger in einer Bedarfsgemeinschaft sich das ihnen zustehende Geld getrennt aufs jeweilige Konto überweisen lassen können, damit ein Partner nicht ohne einen Cent dasteht. Sie erklären in einem Erstgespräch auch den persönlichen Krisenplan. Ist notfalls irgendwo eine Tasche gepackt mit Papieren und den nötigsten Sachen?