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Wer war dieser Andreas Böer? Ein Nachruf

Der langjährige Bürgermeister engagierte sich in Reichenbach, in der Evangelischen Kirche, in Politik und Kultur. Ein Nachruf in Wort und Bild.

Andreas Böer
Andreas Böer ©  Archiv/Nikolai Schmidt

Der Mauerfall vor 30 Jahren veränderte den Lauf der Sterne für eine ganze Generation. Oftmals hatten deren Mitglieder aus politischen oder religiösen Gründen in der DDR nicht den Beruf ergreifen können, den sie angestrebt hatten. Anschließend suchten sie in der Nische, die DDR zu "überleben". Als  die DDR zusammenbrach, war die Zeit der Nische vorbei und sie ergriffen Initiative fürs öffentliche Leben. So kamen sie in Verantwortung. Wolfgang Rückert in Niesky, Günter Vallentin in Ostritz, Christian Schramm in Bautzen, Bernd Lange in Rothenburg und - Andreas Böer in Reichenbach.

Die neue Zeit elektrisierte den Funktechniker. Endlich konnte er die Entwicklung in seiner Heimatstadt mitgestalten, wo er 1955 geboren wurde. Im Elternhaus, sein Vater war evangelischer Superintendent in Reichenbach, hatte er eine klare Haltung und christliche Gesinnung vermittelt bekommen, aber auch Offenheit für Kultur und Kunst, einen Sinn für Macht,  und als engagiertes Kirchenmitglied konnte er in deren Gremien auch erlernen, wie in demokratischen Prozessen Interessen abgewogen und zum Ausgleich gebracht werden können.

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Dieses Rüstzeug brachte er mit, als er 1990  als Beigeordneter in die Stadtverwaltung ging und ab 1991 als Bürgermeister die Geschicke der Stadt vor den Toren von Görlitz maßgeblich prägte. Was er nicht mitbrachte, war Verwaltungswissen. Aber das einte ihn mit vielen Mitstreitern, und in einer Ochsentour brachte es sich diese Generation bei. 

Dabei machte Böer auch Fehler, gewiss. Und mit den Jahren ging auch ein wenig das Gespür und das Verständnis für die Sorgen der Bürger verloren. Aber Böer und diejenigen seiner Generation mussten Wege finden, wo vorher nicht mal ein Pfad war. Alles war auf einmal anders, und nach dem Aufbruch der ersten Jahre kämpften sie gegen eine große Depression an mit Abwanderung und Folgen, die noch heute nachwirken.

Über die demografische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf das dörfliche Zusammenleben machte er sich bereits früh Gedanken. In einer solchen Situation Zuversicht unter den Bürgern zu verbreiten, auch eine gewisse Zufriedenheit über das Geleistete, Heimatstolz, das war schwer. Doch Andreas Böer gelang das über weite Strecken seiner langen, 24 Jahre andauernden Amtszeit. Nie verlor er eine Bürgermeisterwahl. Sein Ruf war so legendär, dass manche in ihm vor zehn Jahren auch einen geeigneten OB-Kandidaten für Görlitz sahen.

Doch Böer war eben nicht nur Bürgermeister seiner vergleichsweise kleinen Stadt. Er übte auch wichtige Funktionen erst in der Görlitzer Landeskirche, später auch in der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche aus, leitete die Kirchenparlamente, gehörte bis zuletzt der Kirchenleitung an. Fast 20 Jahre lang wählten ihn die Bürger in den Kreistag. In all diesen Gremien knüpfte er Kontakte, um Reichenbach, dem Landkreis und auch seiner Kirche neue Perspektiven zu eröffnen. Kein Nollau-Haus, kein Via-Regia-Haus in Reichenbach ohne diese Verbindungen.

Auch die Sanierung  und der Erhalt von Schloss Krobnitz wäre undenkbar gewesen, ohne die Verknüpfung mit kreisweiten Einrichtungen. So gelang Böer, das Erbe weiterzutragen, in neuen Formen und Strukturen. Das blieb nicht ohne Widerspruch. Und doch: Dass Reichenbach seine zentralen Funktionen im Görlitzer Umland bewahrte, für viele Ortschaften rundherum das Zentrum schlechthin ist - das ist auch eine Folge seiner Politik. Dass Reichenbacher Bürger noch heute zu den Partnerstädten und Kooperationskommunen nach Westdeutschland, Polen, Italien oder Tschechien fahren, hat er stets gefördert. Dass deren Vertreter jetzt seinen Tod betrauern, zeigt, wie eng er auch persönlich das Band knüpfte.

Erinnerungen an Andreas Böer. Als Bürgermeister (li.) weihte er eine Kegelbahn in Reichenbach. ein. 
Erinnerungen an Andreas Böer. Als Bürgermeister (li.) weihte er eine Kegelbahn in Reichenbach. ein.  © Foto: Pawel Sosnowski
Auf den Erweiterungsbau des Reichenbacher Rathauses (Hintergrund) war Böer immer stolz.
Auf den Erweiterungsbau des Reichenbacher Rathauses (Hintergrund) war Böer immer stolz. © nikolaischmidt.de
Die "Deutschen Spuren  in Niederschlesien" zeigte Böer gemeinsam mit Zbigniew Kulik aus Karpacz in einer Ausstellung 2014. 
Die "Deutschen Spuren  in Niederschlesien" zeigte Böer gemeinsam mit Zbigniew Kulik aus Karpacz in einer Ausstellung 2014.  © Foto: SZ/Steffen Gerhardt
Seiner Nachfolgerin Carina Dittrich wünschte Böer Glück bei der Amtseinführung Reichenbach, auch wenn er nicht immer mit ihr einer Meinung war. 
Seiner Nachfolgerin Carina Dittrich wünschte Böer Glück bei der Amtseinführung Reichenbach, auch wenn er nicht immer mit ihr einer Meinung war.  © nikolaischmidt.de
Anbaden im Reichenbacher Freibad gehörte auch zu den Aufgaben des Bürgermeisters Böer (re.).
Anbaden im Reichenbacher Freibad gehörte auch zu den Aufgaben des Bürgermeisters Böer (re.). © nikolaischmidt.de
Investitionen in die Infrastruktur von Reichenbach begleitete Böer, wie hier im Klärwerk. 
Investitionen in die Infrastruktur von Reichenbach begleitete Böer, wie hier im Klärwerk.  © nikolaischmidt.de
Die Ergebnisse seiner Fotoleidenschaft zeigte Böer in Ausstellungen. 
Die Ergebnisse seiner Fotoleidenschaft zeigte Böer in Ausstellungen.  © Foto: Joachim Rehle
Auch bei Ausstellungen in Agnetendorf  im Riesengebirge war Böer zugegen.
Auch bei Ausstellungen in Agnetendorf  im Riesengebirge war Böer zugegen. © Foto: privat

Schließlich kam noch sein Interesse an Kunst und Kultur hinzu, er fotografierte für sein Leben gern, machte sogar kleine Ausstellungen. Und seine Liebe zum Reisen, häufig genug in die Toskana sowie zum Wandern. Der langjährige Görlitzer Regionalbischof und Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz erinnerte sich zum 60. Geburtstag von Böer an solche Touren: "Er ist ein leidenschaftlicher und ausdauernder Wanderer. Da kann es schon in der Frühe losgehen.

Da ziehen ihn gerade die hohen Berge an. Da scheut er jene Anstrengung nicht, die vor dem Erlebnis von Weite steht. Seine Begeisterungsfähigkeit und Hartnäckigkeit ziehen andere dabei mit. Richtig schön aber wird es für ihn und die, die ihn begleiten, wenn nach dem Weg die Heimkehr gelungen ist. Richtig schön ist es im Vertrauten, am konkreten Ort." Nun ist Andreas Böer mit 69 Jahren, viel zu früh, heimgekehrt. Und genau dort, in Reichenbach, wird er seine letzte Ruhestätte finden.

Das sagen Prominente zum Tod von Andreas Böer

Andreas Böer war ein Mensch, der viel bewegt hat aber vor allem Menschen zusammenbrachte. Das fing im Kleinen an und reichte bis in europäische Weiten – begonnen bei den Fusionen unserer beider Kirchgemeinden, weitergeführt in den Ortsteilen und Ortsfeuerwehren Reichenbachs über die Landeskirche bis hin zur Eurokommunale, die er mit ins Leben rief. Für die Stadt und weit über der Stadtgrenzen hinaus ist der Tod des ehemaligen CDU-Bürgermeisters ein großer Verlust. Ein begnadeter Beweger und großer Menschenfreund ist gegangen.

Christoph Wiesener, Pfarrer Evangelische Kirchengemeinde Meuselwitz-Reichenbach/OL

Eine Stimme, die uns vertraut war, schweigt. Ein Mensch, der immer für uns da war, ist nicht mehr. Er fehlt uns. Was bleibt, sind dankbare Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann. Das Jahr 2020 begann für den Landkreis Görlitz mit einer sehr traurigen Nachricht. Andreas Böer, langjähriges Mitglied des Kreistages, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Reichenbach/O.L. und mein persönlicher Freund, ist am 3. Januar verstorben.

Wir verlieren in ihm einen starken Kämpfer für die Region. Seitdem ich ihn kannte, schon als Bürgermeister der Stadt Rothenburg und später in meiner Funktion als Landrat, habe ich ihn für seine offene und ehrliche Art geschätzt. Er war einer derjenigen, der nicht das Problem sah, sondern stets die Lösung im Blick hatte. Dabei sprach er mit vielen Menschen und brachte seine Gabe, als Netzwerker der Region, mit ganzer Kraft ein. Zuletzt konnten wir ihn für die Vorbereitung zur Bewerbung um die Kulturhauptstadt der Dreiländerregion gewinnen.

Neben vielen gesellschaftlichen Tätigkeiten hat er über Jahrzehnte Verantwortung in der Evangelischen Kirche übernommen, ob als Präses oder als Mitglied der Kirchenleitung. Für Projekte, die manchen als aussichtslos erschienen, setzte er sich mit hohem Engagement ein und konnte dadurch in der Stadt Reichenbach und den umliegenden Ortsteilen vieles auf den Weg bringen. Aber auch über die Grenzen hinweg war er ein Vermittler. Er sah in Partnerschaften Kräfte, die es braucht, um auf europäischer Ebene voranzukommen. Tschechien und Polen waren für ihn nicht nur Nachbarn, sondern auch Freunde. Als Gründer der Eurokommunale verstand er es, Europa als Quelle für die Zukunft anzusehen. Wir werden sein Schaffen in Ehren halten. 

In freundschaftlicher Verbundenheit

Bernd Lange

Landrat des Landkreises Görlitz

In der Zeit seiner Bürgermeistertätigkeit im Umbruch und des Wandels verantwortete er viele wegweisende Maßnahmen und Projekte, die die zentralörtliche Funktion der Stadt Reichenbach stärkten und ihre Infrastruktur auf einen neuzeitlichen Stand brachten. Andreas Böer war seiner Heimatstadt Reichenbach über alles verbunden, aber er war auch überzeugter Europäer und so durfte ich mit ihm im Jahre 2004 die Idee der Eurokommunale entwickeln. In der Folgezeit fanden bis zum Jahre 2013 in Italien, Polen, Tschechien und Deutschland insgesamt sieben große Treffen dieser internationalen kommunalen Gemeinschaft statt, von denen wertvolle Impulse für das Zusammenwachsen der europäischen Völker ausgingen.

Thomas Ludwig, Bürgermeister der Partnergemeinde Seckach (Baden-Württemberg)

Wir haben als CDU-Ortsgruppe einen klugen, intensiven und streitbaren strategisch denkenden Demokraten verloren. Ich sah in Andreas Böer immer einen Treuhänder, der Verantwortung als Bürgermeister und in allen seinen Ämtern zeigte. Viele Netzwerke und Kontakte hat er für Reichenbach aufgebaut. Ist es uns seit 2015 gelungen, sein Erbe positiv fortzuführen und zukunftsfest zu machen? Andreas Böer  hat immer einen weiten Blick gehabt und die Menschen für Ideen begeistert. Sein Tod hinterlässt eine große Lücke.

André Maywald, Stadtrat und Vorsitzender der  CDU-Fraktion Reichenbach

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