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Was Görlitz mit Ulf Großmann verliert  - ein Nachruf

Der frühere Bürgermeister starb mit nur 62 Jahren. Er prägte diese Stadt in den letzten 30 Jahren wie kaum ein Zweiter. Das Gedenken an ihn soll zu neuer Hoffnung im Leben führen.

So werden viele Ulf Großmann in Erinnerung behalten: Als Chorleiter, wie hier beim Schlesischen Tippelmarkt auf dem Obermarkt.
So werden viele Ulf Großmann in Erinnerung behalten: Als Chorleiter, wie hier beim Schlesischen Tippelmarkt auf dem Obermarkt. ©  Archiv/Nikolai Schmidt

Ulf Großmann war so vieles in den drei Jahrzehnten seiner öffentlichen Karriere: Bürgermeister für Kultur, auch für Soziales und Bildung, Vorsitzender des Görlitzer Fremdenverkehrsvereins, Vorsitzender des Görlitzer Naturschutz-Tierparks, Aufsichtsratschef des Görlitzer Klinikums, Vorstandsmitglied im Förderzentrum Handwerk und Denkmalpflege, Dozent und Referent, Präsident der Kulturstiftung des Freistaates.  

Aber im Grunde blieb der studierte Musikpädagoge ein Leben lang der Kultur und der  Chormusik verschrieben. Vielleicht ist es da tröstlich, wenn es Trost beim Tod mit 62 Jahren überhaupt gibt, dass er noch einmal Anfang Dezember ein großes Adventskonzert für eine Görlitzer Bank moderieren durfte. Wer nichts von seiner schweren Krankheit wusste, der erlebte einen Moderator Ulf Großmann, wie man ihn kannte. Und wer von seiner Krankheit  wusste, der staunte, wie er damit umging. Wie tief berührt er von diesem Konzert selbst war, spürte man, als er sich nach dem Konzert lange mit dem Leiter der Europa Chor Akademie, Joshard Daus, in den Armen lag. 

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Energie und Anregungen schöpfte er aus seinen Aufgaben

Ulf Großmann hörte auch als Bürgermeister oder Präsident der Kulturstiftung nie auf, selbst Musik zu machen. Das war schon so beim großen Chortreffen mit Baden-Württemberg noch in der Stadthalle, später beim Chortreffen in der Peterskirche und natürlich mit seinem Singekreis Markersdorf. Er sang mit Tausenden Besuchern auf dem Marienplatz und dem Obermarkt, zum Schlesischen Tippelmarkt und zur Kulturhauptstadtbewerbung von Görlitz - und immer war da dieser Eindruck: Im Singen öffnet sich eine andere Welt für Ulf Großmann, aber auch für all jene, die dabei waren. 

Vor allem aber beschäftigte über die Jahre viele die Frage: Wie schafft er das alles? Woher nimmt er die Zeit für all seine Verpflichtungen und die vielen Hobbys?  Für seine Kinderwagen-Sammlung, die er an verschiedenen Stellen in der Stadt auch ausstellte. Er begleitete seine Frau zu ihrem mehrwöchigen Ärzte-Einsatz nach Afrika.

Er nahm regen Anteil an der Entwicklung seiner Kinder, förderte deren Pläne und Vorhaben. Großmann erweckte immer den Eindruck, dass es ihm nie zu viel wurde, dass die eine Aufgabe vom anderen Amt profitierte und umgekehrt. Ja, dass es gar nicht anders sein konnte. Er prägte damit auch das Bild eines Bürgermeisters von Görlitz nach dem friedlichen Umbruch von 1990, an dem jeder andere sich messen lassen muss. Und er zog aus all den Terminen und Gesprächen auch immer wieder neue Energie und  Anregungen,  die er wiederum weitergab.

Sein Erbe für Görlitz und Sachsen ist reich

Und was er im Laufe der Jahre schuf, bewahrte und weiterentwickelte, das bleibt: eine Kulturlandschaft in Görlitz, die in der Oberlausitz seinesgleichen sucht.  Eine Bewerbung um Europas Kulturhauptstadt, die eigentlich eine beispiellose Marketingkampagne war und den Bekanntheitsgrad von Görlitz enorm steigerte. Gelungene, aber nicht immer einfache Strukturveränderungen bei Einrichtungen in Görlitz, die den Einwohnern am Herzen liegen, beispielsweise der Tierpark oder die Musikschule. Eine Bildungslandschaft in Görlitz, die mit der Zeit geht.  Und vielleicht als eine Art Vermächtnis,  seine ständige Aufforderung, die Verständigung mit Zgorzelec zu suchen.  

Noch wenige Wochen vor seinem Tod empfahl er allen, die er traf, die Rede des früheren Breslauer Oberbürgermeisters Dutkiewicz im Bundestag am Volkstrauertag zum Nachhören. 

In diesem Punkt  konnte er ganz grundsätzlich werden. "Mir war immer klar, dass die Annäherung von Görlitz und Zgorzelec das Projekt von zwei Generationen sein wird", erklärte er in der SZ.   "Wir sind sicher noch nicht am Ziel aller Wünsche. Dafür wird vielleicht noch die Zeit einer Generation benötigt, aber wir nähern uns einem normalen Zustand an." 

Und zugleich berichtete er launige Geschichten vom Zusammenleben. Wie die: Eines Sonntags gegen halb sechs früh rief ihn der Zgorzelecer Kulturbürgermeister an und bat ihn um Hilfe. In Zgorzelec war ein wichtiges Wasserrohr gebrochen und die Versorgung der Stadt gefährdet. Drei Stunden später standen Großmann mit dem THW, Ordnungsbürgermeister Holthaus und drei Wasserwagen an der Grenze.

 Auch dafür erhielt er vor fast zehn Jahren das Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen, eine Variante des höchsten polnischen Ordens. Darauf war er verständlicherweise stolz, und die Trauerbekundungen aus Zgorzelec in diesen Tagen sind deswegen auch besonders zahlreich und herzergreifend.

Natürlich bestand Großmanns öffentliches Leben nicht nur aus Erfolgen. 1998 schien seine Wahl zum Oberbürgermeister nur eine Formsache, doch dann verlor er überraschend gegen Mitbewerber Rolf Karbaum. Mit dessen Nachfolger, Joachim Paulick, fand Großmann - obwohl als CDU-Mitglieder in derselben Partei - nie einen gemeinsamen Faden. Schließlich musste er sein Bürgermeisteramt für Michael Wieler und den gewachsenen Ansprüchen der Bürger für Görlitz aufgeben. Doch Großmann haderte nicht mit dem Schicksal, sondern fand neue Aufgaben und Erfüllung.

Auch im Tod soll es "Hoffnung" geben

Warum? Das fragen sich dieser Tage viele, als sie vom Tod Großmanns hörten. Kati Kasper, die ein paar Jahre die Görlitzer Musikschule leitete und heute das Dresdner Schütz-Konservatorium führte, schrieb dieses Wort unter die Todesnachricht im sozialen Netzwerk Facebook. Warum, das fragen sich auch viele seiner Schüler von der früheren 14. Oberschule, dem heutigen Gymnasium Augustum, dem er in vielerlei Art verbunden blieb, und dessen Ensembles. 

Ulf Großmann hat den Tod in seiner Familie schmerzlich selbst erfahren müssen. Vor fünf Jahren starb seine Tochter Christiane bei einem Verkehrsunfall. Auch damals stand die Frage des Warums? Er, seine Frau und die weiteren fünf Kinder entschieden sich, dabei nicht stehenzubleiben, nicht irgendeinen Sinn im Tod zu suchen, sondern eine Stiftung im Gedenken an sie zu gründen.

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Zum Andenken an den früheren Görlitzer Bürgermeister soll es eine Tafel oder eine Stele geben. Mehrere Orte sind dafür denkbar.

Mit ihr werden Projekte unterstützt, die ihrer Tochter  am Herzen lagen: die Unterstützung Schwächerer, die Liebe zu Kindern, Kunst und Kultur, der Erhalt der Umwelt, die Liebe zur Natur. Doch sind das eben auch Anliegen, die Ulf Großmann Zeit seines Lebens immer wieder antrieb. Es ist daher eine erste Antwort auf das Warum, dass seine Familie zu einem großen Erinnerungskonzert im März in die Görlitzer Lutherkirche einlädt. Spenden und Erlöse sollen der Christiane-Großmann-Stiftung "Sonnenstrahl" zugute kommen. Unter dem Kennwort "Hoffnung". 

Eine Bildergalerie in Erinnerung an Ulf Großmann

Auch zur Rettung des Görlitzer Kaufhauses sang Ulf Großmann, zusammen mit Karin Walter das umgeschriebene Lied  "Jeder kennt das große Haus hollahi, hollaho..."
Auch zur Rettung des Görlitzer Kaufhauses sang Ulf Großmann, zusammen mit Karin Walter das umgeschriebene Lied  "Jeder kennt das große Haus hollahi, hollaho..." © Nikolai Schmidt
Mit Oberbürgermeister Joachim Paulick fand Ulf Großmann nie einen gemeinsamen Draht.
Mit Oberbürgermeister Joachim Paulick fand Ulf Großmann nie einen gemeinsamen Draht. © Christian Suhrbier
Berühmte Gäste empfang er regelmäßig in Görlitz: Hier die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach.
Berühmte Gäste empfang er regelmäßig in Görlitz: Hier die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach. © privat
Mit dem damaligen Görlitzer katholischen Bischof Rudolf Müller enthüllte er bei strömendem Regen die Gedenktafel für den verstorbenen polnischen Papst Johannes Paul II. auf der Grenzbrücke zwischen Görlitz und Zgorzelec. 
Mit dem damaligen Görlitzer katholischen Bischof Rudolf Müller enthüllte er bei strömendem Regen die Gedenktafel für den verstorbenen polnischen Papst Johannes Paul II. auf der Grenzbrücke zwischen Görlitz und Zgorzelec.  © SZ/Thomas Fiedler
Die Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt brachte Ulf Großmann durch den Görlitzer Stadtrat. Eng begleitete er dann die Bewerbungszeit und das Team um Peter Baumgardt (2. v. re.). 
Die Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt brachte Ulf Großmann durch den Görlitzer Stadtrat. Eng begleitete er dann die Bewerbungszeit und das Team um Peter Baumgardt (2. v. re.).  © SZ/Thomas Fiedler
Das Schlesische Museum förderte Großmann stets und hielt engen Kontakt mit dessen Direktor Dr. Markus Bauer. 
Das Schlesische Museum förderte Großmann stets und hielt engen Kontakt mit dessen Direktor Dr. Markus Bauer.  © SZ/Christian Suhrbier
Als der MDR Görlitz zur "Sängerstadt" kürte, dirigierte Ulf Großmann einen Chor mit 7.727 Görlitzern. 
Als der MDR Görlitz zur "Sängerstadt" kürte, dirigierte Ulf Großmann einen Chor mit 7.727 Görlitzern.  © SZ/Christian Suhrbier
Zu seiner Verabschiedung als Bürgermeister kam auch Zootierinspektorin Karin Riedel mit Yak-Kuh Chamu. 
Zu seiner Verabschiedung als Bürgermeister kam auch Zootierinspektorin Karin Riedel mit Yak-Kuh Chamu.  © SZ/Christian Suhrbier
Musiker konnten immer auf die Unterstützung von Ulf Großmann zählen. 
Musiker konnten immer auf die Unterstützung von Ulf Großmann zählen.  © Pawel Sosnowski
Ulf Großmann an der Stadtbrücke in Görlitz, mitten in Europa und doch an der Nahtstelle zweier Kulturen. Zuletzt sah man ihn nur noch mit Fliege.
Ulf Großmann an der Stadtbrücke in Görlitz, mitten in Europa und doch an der Nahtstelle zweier Kulturen. Zuletzt sah man ihn nur noch mit Fliege. © Nikolai Schmidt

So trauern Prominente um Ulf Großmann

Görlitz verliert mit Ulf Großmann eine herausragende Persönlichkeit, die unsere Stadt sowohl nach innen als auch nach außen geprägt und getragen hat. Durch das gemeinsame Musizieren, die Zusammenarbeit in verschiedenen Gremien und auf der politischen Ebene hatten wir eine besondere Verbindung zueinander. Seine positive Lebenseinstellung, seine Kreativität und seine Freundschaft werden mir sehr fehlen.

Octavian Ursu, Oberbürgermeister von Görlitz

Vor weniger als zwei Jahren erinnerte er bei der Feier des 20-jährigen Jubiläums der Proklamation von der Europastadt Zgorzelec/Görlitz mit seinem eigenen Schwung und Humor an die Anfänge einer innovativen Idee, dank der wir im Mai 1998 unsere Zusammenarbeit verstärken konnten. Er war einer der Väter dieses Projektes und der gute Geist unserer grenzüberschreitenden Freundschaft und Zusammenarbeit. Dafür haben wir ihm 2009 mit der Verdienstmedaille der Europastadt gedankt. Ulf Großmann, langjähriger Bürgermeister für Kultur der Stadt Görlitz, Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Vereins Europa-Haus Görlitz, Freund von Zgorzelec, ein Freund von mir starb jetzt nach einem langen, zermürbenden Kampf gegen die Krankheit. Er wird mir immer in Erinnerung und im Herzen bleiben.

Rafal Gronicz, Bürgermeister von Zgorzelec via Facebook

Die Region hat zwei ihrer Macher und Ideengeber verloren, die ich beide als Unterstützer wie auch kritische Wegbegleiter kennen lernen durfte und sehr geschätzt habe. Jetzt sind beide fast gleichzeitig gegangen. Den Reichenbacher Bürgermeister Andreas Böer und dem Görlitzer Bürgermeister Ulf Großmann einte ihr Wille zur Gestaltung, der Mut, Neues zu wagen, und die Fähigkeit, Mehrheiten aus verschiedenen politischen Lagern zu organisieren sowie die Überzeugung, dass Kultur aller Art ein grundsätzlich notwendiges Element unserer Gesellschaft ist, das dringend geschützt und gestärkt gehört - und auch die notwendige Schlitzohrigkeit, um schwierigste Vorhaben zu realisieren. Natürlich haben sie sich mit der Unbeirrbarkeit in ihren jeweiligen Aufgaben nicht nur Freunde machen können - dann wären sie auch nicht so erfolgreich gewesen.

Thomas Zenker, Oberbürgermeister von Zittau via Facebook

Mit Erschütterung haben wir von Ulf Großmanns Tod erfahren. Herr Großmann hat über 30 Jahre den Aufbau und die Arbeit des Schlesischen Museums begleitet und wie kaum ein anderer geprägt. Als Dezernent, dann Bürgermeister für Kultur, hat er von 1990 an dem Museumsprojekt in Görlitz den Weg gebahnt. Nach der Errichtung der Stiftung 1996 wirkte er zehn Jahre lang als Vertreter der Görlitzer Oberbürgermeister im Stiftungsrat des Museums. Von 2006 bis zu seinem Tod gehörte er dem Stiftungsvorstand an und bestimmte den Kurs des Museums mit. Dabei kamen seine weitreichenden Kontakte und der Reichtum seiner Erfahrungen dem Museum zugute. Mit Ulf Großmann verliert das Schlesische Museum einen klugen Ratgeber und liebenswürdigen Gesprächspartner, einen engagierten Helfer und guten Freund. Wir trauern um ihn.

Dr. Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz

Der Tod von Ulf Großmann macht mich traurig und betroffen. Er war der vielleicht wichtigste Wegbegleiter meiner Görlitzer Zeit und hat meinen Blick auf die Stadt und ihre Menschen tief geprägt. Ulf Großmann hatte eine Idee vom Leben, der er mit großem Engagement gefolgt und der er treu geblieben ist. Dafür habe ich ihn immer bewundert.

Bürgermeister Michael Wieler

Ulf Großmann habe ich mehrmals in Görlitz und Zürich getroffen, ein engagierter Kulturbürgermeister war er, der sich für die Annäherung von Polen und Deutschland einsetzte. Traurig.

Michael Guggenheimer, Schweizer Autor mit Görlitzer Familienbezügen via Facebook

Mit großer Betroffenheit haben wir die Nachricht erhalten, dass unser Präsident Ulf Großmann im Kreis seiner Familie verstorben ist. Wir sind mit unseren Gedanken und Gebeten bei seiner Frau, seinen Kindern und allen Angehörigen, die um ihn trauern. Sein Tod ist ein großer und schmerzlicher Verlust für den Freistaat Sachsen und die Kulturstiftung. Herr Großmann war mit ganzem Herzen für die Kultur im Freistaat Sachsen tätig. Bereits als Musiklehrer und Chorleiter prägte er Generationen, bevor er nach der friedlichen Revolution in die Kulturpolitik ging. Dort wirkte er insbesondere als langjähriger Dezernent und Bürgermeister in Görlitz. Als Vertreter des Sächsischen Städte- und Gemeindetages war er von 2003 bis 2008 Mitglied des Sächsischen Kultursenats. Im Jahr 2011 wurde Ulf Großmann Präsident der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. In dieser Funktion setzte er neue Impulse und entwickelte die Stiftung in ihren zahlreichen Aufgabenfeldern erfolgreich weiter. Ein großes Anliegen war ihm dabei immer, die Stiftung als eigenständige, unabhängige Förderinstitution und verlässlichen Partner für Kunst- und Kulturschaffende zu profilieren. Als überzeugter Europäer war ihm auch immer die Partnerschaft mit den europäischen Nachbarn besonders wichtig. Er galt als allseits geschätzter Gesprächspartner und setzte sich mit Sachverstand, Engagement und viel diplomatischem Geschick für die Belange der Kulturstiftung ein. Seine ausgleichende, zugewandte und warmherzige Persönlichkeit wird uns sehr fehlen.

Dr. Manuel Frey, Stiftungsdirektor Kulturstiftung Sachsen

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