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Wer wegläuft, piept

Die Zahl der Demenzkranken in der Oberlausitz steigt. Seniorenwohnanlagen reagieren – und setzen auf Elektronik.

© dpa

Von Matthias Klaus

Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Das Gerät sieht aus wie eine Uhr ohne Zifferblatt. Stattdessen prangt eine Art roter Knopf in der Mitte. Das Armband ist grau und weich. „Wenn es einmal angelegt ist, bleibt es dran“, sagt Annett Hummel-Christ. Die Verwaltungsleiterin der Johanniter-Unfallhilfe im Kreis Görlitz hat sich die Technik probehalber um den Arm gelegt. Das Haus Waldfrieden in Oybin ist das erste der Johanniter in Sachsen, das jetzt damit ausgerüstet wurde. Das Ziel: verhindern, dass demenzkranke Bewohner weglaufen und dann aufwendig gesucht werden müssen. „Das kam in der Vergangenheit leider sehr häufig vor“, schildert Thomas Lange. Er ist der Geschäftsführer der LH Betreuungs- und Pflege GmbH in Oberseifersdorf, betreibt das Haus in Oybin.

Die Zahl der Demenzkranken steigt, und die Pflegeeinrichtungen sehen sich mit immer größeren Herausforderungen konfrontiert. Wie beispielsweise Bewohnern, die einfach  – krankheitsbedingt – verschwinden. Denn die Haustüren sind zwar in der Regel abgeschlossen, können aber von innen problemlos geöffnet werden. „Das ist eine Forderung des Gesetzgebers, aus Sicherheitsgründen – wenn es brennt, beispielsweise“, sagt Lange.

An dieser Stelle setzt die neue Technik in Oybin an. Die Türen sind mit Sensoren versehen. Wenn ein Bewohner, ausgerüstet mit dem entsprechenden Armband, durchgeht, sendet dieses ein Signal. Die Schwestern haben wiederum einen kleinen Empfänger in der Tasche, der aussieht wie ein einfaches Mobiltelefon und darauf reagiert. „Mit dem Signal erkennt das Personal genau, wer durch welche Tür gegangen ist“, erläutert Guido Schumann, bei den Johannitern im Landkreis Experte für Hausnotrufe. Die Schwestern können sich dann entsprechend schnell auf den Weg machen und den Bewohner wieder ins Haus zurückholen. „Das ist eine große Erleichterung“, sagt LH - Geschäftsführer Thomas Lange. Er kennt aus der Vergangenheit genug Beispiele, als Waldfrieden- Bewohner gesucht werden mussten. „Mit Hundestaffel, Hubschrauber. Ganz abgesehen davon, wie oft das hiesige Personal durchs Gebirge streifen musste“, sagt er. Außerdem, so Verwaltungschefin Annett Hummel-Christ, wirkt die Technik auch erzieherisch. „Durch den Signalton wird signalisiert: Hier ist eine Grenze, nicht weitergehen“, sagt sie.

Das Haus in Oybin hat 40 Bewohner. Wie viele davon das Armband tragen, möchte Lange nicht sagen. Für die Betroffenen entstehen jedenfalls keine zusätzlichen Belastungen, das Vorhaben bezahlen die Johanniter. Wie hoch die Kosten sind, bleibt ebenfalls geheim. „Aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt“, betont der Geschäftsführer. Vertrieben werden die Bänder von der Firma Neat aus Ismaning. In Zukunft möchte Lange weitere Einrichtungen damit ausstatten. Er denke an Mittelherwigsdorf, die Tagespflege.

Eine Investition in die Zukunft. Denn die Zahl der Menschen mit Demenz wird in den kommenden Jahren im Bereich Löbau-Zittau, im gesamten Kreis Görlitz, der Oberlausitz rasant steigen. Das hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung herausgefunden. Demnach werden in der Gegend Löbau-Zittau 2025 pro 100 000 Einwohner 2 800 Demenzfälle und mehr prognostiziert. Zum Vergleich: 2008 waren es noch zwischen 2 200 und 2 500 Fälle. Schon heute leben im Dreiländereck deutschlandweit die meisten Menschen mit Demenz, heißt es vom Berlin-Institut. Der Grund: die Auswirkung des Wegzuges junger Menschen aus der Region. Dies wirkt in den kommenden Jahren nach.

Rechtlich gesehen gebe es keine Probleme mit den Armbändern für die Heimbewohner, sagt Thomas Lange. Bevor ein Bewohner eines bekommt, werde gründlich abgewogen, selbstverständlich mit den Angehörigen, mit der Heimleitung. „Nicht nur für unsere Heimbewohner bedeutet die Technik ein höheres Maß an Sicherheit, sondern auch für das Personal“, sagt er. Dass in „seinen“ Einrichtungen weiterhin Demenzkranke aufgenommen werden, daran lässt er keinen Zweifel: „Wir wollen schließlich niemanden ausgrenzen, aber eben ein bestes Maß an Sicherheit bieten.“

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