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Wer zahlt für den Gift-Einsatz?

Auf der A 4 bei Ohorn sorgt im Mai 2014 ein defekter Laster für ein riesiges Verkehrschaos. Jetzt ist die Justiz gefragt.

© Archivfoto: Christian Essler

Von Sebastian Kositz

Ohorn. Atemschutzmasken, Schläuche, dicke Anzüge – die Szenerie ist beängstigend und anders als oftmals zuvor keine Übung. Mitte Mai 2014 kommt es auf der A 4 bei Ohorn zu einem folgenreichen Vorfall. Aus einem Gefahrgutlaster entweichen giftige Dämpfe. Mehr als 150 Einsatzkräfte werden über 24 Stunden benötigt, um die Gefahr zu bannen. Die Autobahn bleibt in dieser Zeit gesperrt, Anwohner werden aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Ein spektakulärer Einsatz, der noch nicht zu den Akten gelegt ist. Die Havarie auf der A 4 im Mai 2014 beschäftigt nun die Justiz. Denn wer die Kosten für den Großeinsatz zahlt – das ist bis heute offen.

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Gefährliche Fracht

Der Tanklaster war am 14. Mai 2014 am Abend von Bautzen in Richtung Dresden unterwegs. Bis schließlich ein aufmerksamer Autofahrer die Dampfwolken bemerkte, die aus dem Tank entwichen und die Polizei alarmierte. Die handelte umgehend, zog den polnischen Lkw mit der gefährlichen Fracht am Rastplatz Rödertal bei Ohorn aus dem Verkehr. In dem Tank befand sich sogenanntes Phosphortrichlorid, eine ätzende und giftige Flüssigkeit, die ein wichtiger Grundstoff in der Chemieindustrie ist. Erste Messungen der Feuerwehr vor Ort zeigten schnell: Hier besteht große Gefahr. Die zuvor in zahlreichen Übungen für einen solchen Ernstfall geprobten Abläufe kamen in Gang. Neben Polizei und Spezialverbänden der Feuerwehr rückten auch das Technische Hilfswerk, der Katastrophenschutz und das Rettungswesen an. Die Autobahn musste gesperrt werden, auf den Nebenstraßen kam es zum Verkehrschaos.

Währenddessen versuchten die Feuerwehrleute das Leck an einer Luke abzudichten, die Gefahr so zu bannen. Doch es gab offenbar Schwierigkeiten. Eine Notsicherung, die die Einsatzkräfte angebracht hatten, hielt nach damaliger Auskunft der Polizei dem Druck im Kessel nicht stand. Nur wenig später traten erneut giftige Dämpfe aus. Erst dem Team eines polnischen Spezialbergungsunternehmens gelang es, das Leck zu verschließen. Unter Polizeibegleitung wurde der Giftlaster zum Chemiewerk nach Schwarzheide gebracht.

Viele Wehren im EInsatz

Zu dem Einsatz wurde neben den umliegenden Feuerwehren beispielsweise auch der Gefahrgutzug Süd des Landkreises gerufen. An dem Zug sind verschiedene Freiwillige Feuerwehren in der Region beteiligt. Jede Gemeinde bringt sich mit einem speziellen Fahrzeug und Technik ein, gemeinsam wird so eine Gruppe gebildet, die im Ernstfall in genau solchen Notfällen wie bei Ohorn reagieren kann. Und so waren im Mai 2014 auch Kameraden der Wehren aus Medingen, Wachau, Cunewalde, Wilthen und Bautzen mit vor Ort.

Der Einsatz in Ohorn ist angesichts seines Umfangs bis heute für viele der beteiligten Feuerwehrleute noch präsent. Doch auch in den Rathäusern der betroffenen Gemeinden und Städte haben die Verantwortlichen das Geschehen noch auf dem Schirm. Denn dort warten die Kämmerer noch immer auf das Geld, das sie der Gemeinde Ohorn für den Beitrag ihrer Wehren am Einsatz in Rechnung gestellt haben.

Es geht um sehr viel Geld

Nun ist es keineswegs so, dass die Gemeinde nicht zahlen möchte. Allerdings ist noch ungewiss, wer letztlich für den großangelegten Einsatz aufkommen muss. Die Gemeinde Ohorn verweist auf das polnische Transportunternehmen, dem der Laster gehörte. Von dem möchte Ohorn das Geld haben, auch um die anderen beteiligten Kommunen auszuzahlen. Doch die auf Gefahrguttransporte spezialisierte Spedition sieht das offenbar anders. Das Unternehmen bestreitet die Notwendigkeit des Umfangs des Einsatzes und der einzelnen Kostenpunkte. Um das zu klären, soll nun das Verwaltungsgericht in Dresden prüfen, inwieweit das Vorgehen berechtigt und damit die verursachten Kosten nötig waren.

Gerichtssprecher Robert Bendner verweist auf eine Summe von 60 000 Euro plus weitere Kosten, die aber noch nicht in Bescheiden angesetzt sind. In der Ohorner Gemeindeverwaltung ist von einer hohen fünfstelligen Summe die Rede. Im Gegenzug verzichten die anderen beteiligten Kommunen ebenfalls derzeit auf teils recht hohe Summen. Für die Gemeinde Ottendorf-Okrilla, zu der Medingen gehört, geht es beispielsweise um mehr als 10 000 Euro.

In Ohorn geben sich die Verantwortlichen deshalb dankbar, dass die beteiligten Kommunen Verständnis zeigen. Schließlich gehe es für das kleine Ohorn um eine große Summe, die der Ort allein kaum stemmen könnte. Ab Mitte Oktober soll der Streit mit der Spedition vorm Verwaltungsgericht in Dresden verhandelt werden.