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Wer zockte hier wen ab?

Ein Paar soll monatelang keine Miete für eine Wohnung in Bad Schandau bezahlt haben. Dafür hatte es aber einen guten Grund.

© dpa

Von Yvonne Popp

Bad Schandau. Lange hatte ein Ehepaar aus dem Umland Bad Schandaus nach einer größeren Wohnung für sich und seine Kinder gesucht. „Wir wollten gern in die Stadt, weil es uns auf dem Land zu abgelegen war“, sagt Anja M. Kurz vor Weihnachten 2015 seien sie fündig geworden, erzählt sie vor Gericht. Die Wohnung nahe des Stadtkerns hatte dem Anschein nach alles, was sich die Familie wünschte – vier Zimmer, Küche Bad. Doch die erste Ernüchterung stellte sich bereits zum Besichtigungstermin ein. Benutzbar waren von den Räumen nur drei. In einem Zimmer fehlten Heizkörper und Fenster.

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Als Tür diente eine große Holzplatte, das Fenster in der Küche ließ sich nicht richtig öffnen und das Glasdach im Flur war gesprungen. „Weil der Vermieter zugesichert hatte, bis zu unserem Einzug alle Mängel zu beseitigen, haben wir den Mietvertrag dennoch unterschrieben“, erklärt Anja M. am Amtsgericht in Pirna.

Doch den, so lautet nun der Vorwurf, hatte das Paar nicht erfüllt. Vom Tag ihres Einzugs an sollen sie keine Miete gezahlt haben. Über einen Zeitraum von neun Monaten war so ein Rückstand von 4 680 Euro aufgelaufen. Und als wäre das noch nicht genug, sollen die 39-Jährige und ihr Mann beim Auszug auch noch zur Wohnung gehörendes Mobiliar entwendet haben.

„Es ist nicht wahr, dass wir keine Miete gezahlt haben“, weist Anja M. die Anschuldigungen zurück. Sie und ihr Mann versichern, von März bis Juni ordnungsgemäß gezahlt zu haben, allerdings nicht per Überweisung, sondern bar. Quittungen dafür konnten sie aber nicht vorweisen. „Wir haben uns keine geben lassen, weil wir unserem Vermieter vertraut haben“, sagt die Angeklagte. Man sei schließlich freundschaftlich miteinander verkehrt.

Aber auch der Vermieter war seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Als die Familie am 1. März 2016 die Wohnung bezog, war keiner der zuvor angezeigten Mängel beseitigt worden. Und es kam noch schlimmer.

Bei jedem Regenguss lief Wasser in die Wohnung. „Wir haben teilweise mit dem Schirm im Wohnzimmer gesessen“, schildert Anja M. Dazu kam, dass der Bezirksschornsteinfeger ab Mai die Heizung stilllegen musste, weil Abgase von der Therme in die Wohnräume drangen. Mit Ausfall der Heizung gab es auch kein Warmwasser mehr. Zu dieser Zeit war das jüngste Kind zwölf Monate alt.

Erst auf Anraten der Familienhilfe des Jugendamtes hatten Anja M. und ihr Mann ein Schreiben an den Vermieter aufgesetzt, in dem sie alle Mängel und die vorläufige Aussetzung der Mietzahlungen anzeigten.

Die fraglichen Möbel – zwei alte Kommoden und eine kaputte Waschmaschine – hatte das Paar schon vor ihrem Einzug aus der Wohnung geräumt, weil der Vermieter selbst gesagt habe, dass alte Sachen entsorgt werden können. Was das Ehepaar damals nicht wusste: Die Einrichtungsgegenstände gehörten dem Vorbesitzer des Hauses. Auch war der Mann, der die Wohnung gezeigt und später auch den Vertrag mit ihnen geschlossen hatte, nicht der Eigentümer des Hauses. Das gehörte seiner Frau.

Vom Gericht über den Zustand des Objektes befragt, gibt die Eigentümerin zu, dass es sich in keinem guten Zustand befunden hatte. Da Familie M. aber nach der Besichtigung den Mietvertrag unterschrieben hatte, sah sie keine Versäumnisse ihrerseits. Lange bleibt sie bei der Aussage, dass es nie Mietzahlungen gab.

Erst als sie das Gericht mit der Aussage der Angeklagten konfrontiert, knickt sie ein und bestätigt, dass sie selbst einmal eine Barzahlung entgegengenommen hat. Auch schließt sie nicht aus, dass weitere Zahlungen bei ihrem Mann eingegangen waren.

Für den Staatsanwalt ist der Betrugsvorwurf damit nicht mehr zu halten. Formell gesehen habe sich das Paar lediglich mit der Entsorgung der Kommoden und der Waschmaschine strafbar gemacht, da nicht klar gewesen sei, wem sie gehörten. Doch das sei eine Bagatelle. Das Gericht folgte schließlich dem Antrag der Staatsanwaltschaft und stellte das Betrugsverfahren gegen das Ehepaar ohne Auflage ein.