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Leben und Stil

Werden Medikamente 2020 wieder besser lieferbar?

Die Engpässe bei vielen Arzneimitteln rufen den Bund auf den Plan. Auch Online-Apotheken können oft helfen.

In den Medikamentenregalen entstehen immer größere Lücken.
In den Medikamentenregalen entstehen immer größere Lücken. © Daniel Reinhardt/dpa

Medikamente gegen Bluthochdruck, hoch dosiertes Ibuprofen gegen Schmerzen oder Venlafaxin gegen Depressionen: Seit Monaten stehen diese und andere Arzneimittel nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Die Art und Weise der Verteilung dieser Arzneimittel steht massiv unter Kritik – und ist für Ärzte und Apotheker oft nicht nachvollziehbar.

Auch Allgemeinmedizinerin Ingrid Dänschel aus Mittelsachsen muss nach Alternativen für ihre Patienten suchen. „Die Lieferengpässe beschäftigen uns an jedem Praxistag“, sagt sie. Dänschel ist auch stellvertretende Bundesvorsitzende im Deutschen Hausärzteverband. „Wenn Bluthochdruckpatienten auf andere Präparate umgestellt werden müssen, erfordert das einen hohen Beratungs- und Untersuchungsaufwand“, sagt sie. Die Patienten hätten auch viel Erklärungsbedarf. „Und das geht auf Kosten der Behandlungszeit für andere.“

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Länder kaufen den Markt leer

Doch zumindest könne den Patienten geholfen werden, da meist verschiedene Wirkstoffe geeignet seien. Durch die Umstellung auf einen anderen blutdrucksenkenden Wirkstoff könnten die Werte aber zeitweise aus dem Lot geraten. „Häufigere Wiederbestellungen, Langzeitblutdruckmessungen und Laborkontrollen sind erforderlich, um den Patienten wieder gut einzustellen.“ Es gebe aber auch Arzneimittel, die sich nicht so einfach austauschen ließen. Dänschel: „Dazu gehören Antidepressiva und starke Schmerzmittel, zum Beispiel Opiate.“ Auch in der Krebstherapie verfügen Kliniken und ambulante Praxen kaum noch über genug Medikamente zur Chemotherapie. Wird sich das im neuen Jahr ändern? 

Das Problem ist, dass es für all diese Arzneimittel nur noch wenige Hersteller gibt. Den jeweiligen Wirkstoff produziert mitunter sogar nur ein einziges Werk weltweit, und das liegt meist außerhalb von Europa. Kann eine Charge aus Qualitätsgründen nicht freigegeben werden, gefährdet das die Versorgung. Zudem sei auch die Nachfrage gestiegen, wie unter anderem der Bundesverband der Arzneimittelhersteller informiert. Die Situation spitze sich zu, indem bestimmte Länder den Markt regelrecht leerkauften, wie Apothekerverbände kritisieren. Deshalb müssten dringend verbindliche Regeln her, die die Versorgungssicherheit wieder gewährleisten.

Dieses Ziel verfolgt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Doch da es sich um ein globales Problem handelt, könne es Deutschland nicht allein lösen. Krankenkassen, Apotheker und Ärzte sehen nur einen Ausweg aus der Misere: Es müsse gelingen, die Wirkstoffproduktion wieder nach Europa mit seinen hohen Umwelt- und Sozialstandards zu holen. Der Deutschen Apothekerzeitung sagte Spahn, dass er mittel- und langfristige Maßnahmen im Blick habe. Wenn Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft innehabe, wolle er sich dafür einsetzen, das EU-Vergaberecht so zu ändern, dass eine Produktion verstärkt in Europa stattfinden könne. Deutschland hat planmäßig von Juli bis Dezember 2020 den EU-Vorsitz inne.

Kurzfristig beraten die Gremien über die Umsetzung einer Meldepflicht und eines verbindlichen Informationssystems bei Lieferengpässen. Derzeit ist das für die Hersteller noch freiwillig. Abhilfe verspricht man sich auch von einer verpflichtenden Vorratshaltung. Doch laut Bundesverband der Arzneimittelhersteller fehlten dafür Kapazitäten. Mehr verspreche man sich von neuen Regelungen für die Rabattverträge. Rabattverträge schließen die Krankenkassen mit Herstellern, um die Ausgaben für Arzneimittel zu senken. Wer die günstigsten Preise bietet, bekommt den Zuschlag. Andere Firmen drosselten daraufhin meist ihre Produktion und könnten bei Engpässen nicht mehr einspringen.

Deshalb fordern neben den Herstellern auch die Apothekerverbände, dass Rabattverträge künftig mit mehreren Herstellern geschlossen werden. Sie fordern auch den Verzicht auf Rabattverträge bei versorgungskritischen Arzneimitteln. Der AOK-Bundesverband arbeitet aber dagegen, weil der Wirkstoff für verschiedene Hersteller ohnehin meist aus dem gleichen Werk käme. Welche Maßnahmen zur Arzneimittelsicherheit künftig in ein Gesetz münden, wird 2020 weiter beraten. Die zweite und dritte Lesung eines Gesetzentwurfs steht Mitte Februar auf dem Plan des Gesundheitsausschusses des Bundestages.

Patienten zahlen häufiger drauf

Was können Patienten, die von den Engpässen betroffen sind, bis dahin tun? Sind Online-Apotheken für sie eine Alternative? „Grundsätzlich dürfen Online-Apotheken, die eine behördliche Genehmigung haben, mit den Krankenkassen abrechnen“, sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus. Einige deutsche und niederländische Versandapotheken erfüllten die Voraussetzungen.

„Wir haben zwar ein deutlich höheres Bestellvolumen als Vor-Ort-Apotheken. Doch Lieferengpässe machen auch vor uns nicht halt“, sagt Torben Bonnke, Sprecher einer großen niederländischen Online-Apotheke. Die Verfügbarkeit bestimmter Medikamente sei sehr stark von der verordneten Packungsgröße, der Dosierung und der Darreichungsform abhängig. Sartane zur Blutdrucksenkung, Venlafaxin gegen Depressionen oder hoch dosiertes Ibuprofen gegen Schmerzen könnten auch sie derzeit nur ganz begrenzt liefern.

Oft seien diese Medikamente jedoch in kleineren Abpackungen noch verfügbar. Patienten müssten sich von ihrem Arzt dann ein neues Rezept mit der entsprechenden Stückzahl geben lassen. Während dafür aber in der Vor-Ort-Apotheke gesetzlich Versicherte mehr zuzahlen müssen, weil sich die Gebühr nach der Anzahl der abgegebenen Packungen richtet, können Online-Apotheken vielfach mit Boni und Gutschriften punkten, wodurch für den Patienten die Zuzahlungen nicht mehr so hoch ausfallen. Sehr zum Ärger der Bundesapothekerkammer, die die gesetzlichen Zuzahlungen auch für Versandapotheken verbindlich machen will.

Teurer wird es für die Patienten auch, wenn anstelle der nicht lieferbaren Nachahmerpräparate auf das Original zurückgegriffen werden muss. Denn der Gemeinsame Bundesausschuss für Ärzte und Krankenkassen hat für Medikamente, für die es wirkstoffgleiche preisgünstige Alternativen gibt, Festpreise beschlossen. Nur bis zu dieser Höhe dürfen die Kassen die Kosten übernehmen. Den Rest muss der Patient tragen. „Für Candesartan-Originale gegen Bluthochdruck, zum Beispiel Atacand oder Blopress, würde das eine Mehrbelastung von 67 Euro pro Packung bedeuten“, sagt Göran Donner, Sprecher der sächsischen Apothekerkammer. Ein Reimport des Originals aus dem europäischen Ausland koste immer noch 32 Euro mehr. Auch hier könnte der Bonus aus der Online-Apotheke die Mehrbelastung etwas abfedern.

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Klarstellung: In unserer Übersicht zu gesetzlichen Neuregelungen im Jahr 2020 (SZ vom 31.12.2019) wurde unter anderem darauf verwiesen, dass Chroniker und Pflegebedürftige ihre Medikamente künftig bis zu vier Mal mit dem gleichen Rezept verordnet bekommen können. Apotheker wiesen uns darauf hin, dass dieses Gesetz noch nicht in Kraft ist. Die höheren Zuschläge auf Arzneimittel, die während der Notdienstzeiten abgegeben werden, sowie für dokumentationspflichtige Arzneimittel sind von den Kassen zu zahlen. Die Notdienstgebühr, die Patienten entrichten müssen, beträgt unverändert 2,50 Euro.