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Warum Sachsens Böden immer mehr austrocknen

Die Gewitter der letzten Tage reichen nicht, um die Speicher zu füllen. Gleichzeitig sinkt der Grundwasserspiegel weiter. Teil 2 unserer Serie.

Bis
5 Liter
Wasser
verdunsten je
Quadratmeter
am Tag auf Sachsens Böden.
Bis 5 Liter Wasser verdunsten je Quadratmeter am Tag auf Sachsens Böden. © Julian Stratenschulte/dpa

Endlich gibt es ein paar Pfützen auf den Wegen. Nasses Gras auf der Wiese. Und eine Regentonne, in der sich wieder mal der Himmel im Wasser spiegelt. Zwei Tage lang waren am Wochenende immer wieder schwere Gewitter herangeflutet. Ist dies das Ende einer langen Trockenzeit?

Genau das ist es leider nicht. „Dieses Wasser ist nach zwei, drei warmen Tagen schon wieder weg“, erklärt dazu Falk Böttcher, Agrarmeteorologe vom Deutschen Wetterdienst in Leipzig. Dieses dritte trockene Jahr bringt die Böden immer mehr in einen extremen Zustand, wie er noch nie in Sachsen so beobachtet wurde. Feuchtigkeitsmessungen im Boden geben Auskunft, wie viel Wasser fehlt. Falk Böttcher hat dies im Blick „Seit Beginn unserer Messungen in den 60er-Jahren hatten wir eine solch lange Dürreperiode noch nicht.“

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Trocken bis tief in den Boden hinein

Nicht Trockenheit, sondern Dürre herrscht unter der Oberfläche. Das ganze Ausmaß bleibt zunächst im Verborgenen. Das Desaster vollzieht sich unbemerkt. Wenn seit November 2017 ein halber Jahresniederschlag in Sachsen fehlt, in Dresden sind es fast zwei Drittel, dann merkt sich das der Boden. Auch dann noch, wenn wie am Wochenende teils sintflutartige Gewitter herabstürzen. „Wenn auf trockenen Boden mehr Starkniederschläge fallen, fließt anteilig mehr Wasser ab“, sagt Johannes Franke, Klimaforscher im Landesumweltamt (LfULG).

Mindestens die Hälfte ist sofort wieder weg. Diese Art von Niederschlägen zählt zwar in der Regenbilanz mit, nützt aber dem Boden nicht viel. Was bleibt, ist die Austrocknung vor allem in der Tiefe. Der Boden ist das Langzeitgedächtnis der Trockenzeiten. „Normalerweise könnte ein Kubikmeter Boden in der Region Dresden oder Leipzig 180 bis 250 Liter Wasser speichern“, sagt Agrarmeteorologe Böttcher. Manche Böden, wie die in der Lommatzscher Pflege, noch mehr. 

© ReKIS LfULG

Wäre so viel Wasser im Boden, dann würde weder oben an der Oberfläche eine Pfütze entstehen noch etwas nach unten wegfließen. Diese Wasserspeicher sind aber fast leer. Mit gravierenden Folgen für das Grundwasser. Da fließt nichts mehr nach unten durch. Die Situation derzeit ist vergleichbar mit den Jahren 2018 und 2019, und sie ist gebietsweise noch krasser. Seit 2013 nimmt das Grundwasser ab, sagt Böttcher. „Wir haben im Winter keine Auffüllung der Bodenwasservorräte gehabt. Wir haben den Eimer einfach nicht voll bekommen und ihn nun viel früher als üblich ausgeleert.“

15 Messstellen für Bodenfeuchte gibt es in Sachsen

Mit dem Bodenfeuchte-Bohrstock nimmt der DWD wöchentlich Bodenproben. Elektrische Sensoren messen zudem den Wassergehalt an weiteren Standorten, und das stündlich. 15 Messstellen gibt es in Sachsen. Sie alle berichten mehr oder weniger dasselbe: Die Bodenwasservorräte sind aufgezehrt bis in die tiefen Schichten von zwei Metern hinab.

Bei zehn Zentimetern Tiefe hat es im Flachland die letzten Monate gerade noch so für die Pflanzen gereicht. Dort wo sich wenigstens mal kurz ein Gewitter ausschüttet, erholt sich die oberste Bodenschicht bis 30 Zentimeter Tiefe. Das geht schnell, vergeht aber auch ebenso schnell wieder. Weiter darunter bleibt es so trocken, wie es war. Bis 90 Zentimeter Tiefe reicht die für Felder und Wiesen wichtige pflanzenaktive Wurzelschicht, die untersucht wird. Dort herrscht weithin Dürre.

Besonders jedoch in einer Region: „Es ist Dresdens trockener Trichter“, sagt Böttcher. Der Trichter, damit ist das Dreieck zwischen den Städten Dresden, Torgau und Hoyerswerda gemeint. Hier sind lediglich noch zehn Prozent der nutzbaren Feldkapazität im Boden vorhanden, sagt der Agrarmeteorologe. Es gibt in dieser Bodenschicht also nur noch zehn Prozent des eigentlich zur Verfügung stehenden Wassers. Die Pflanzen haben bereits ab 30 Prozent Trockenstress. Zehn Prozent nutzbares Wasser ist überlebens-grenzwertig. Dann befindet sich die Pflanze kurz vor dem Welkepunkt.

Es verdunstet mehr als versickert

Die Lommatzscher Pflege hat Vorteile, da der Boden mehr Wasser speichern kann, die Region um Döbeln ebenso. Sand, Schluff, Ton sind entscheidend, um Wasser im Boden zu halten. Mehr Sand und größere Körner machen dagegen eher Probleme. „Wir können froh sein, dass wir nicht so hohe Temperaturen wie in den vergangenen Tagen haben“, sagt Falk Böttcher. „Dann würde sich die Verdunstung auf bis zu fünf Millimeter pro Tag verdoppeln.“ Also fünf Liter je Quadratmeter betragen.

Es sind die Pflanzen, die aus dem Boden das Wasser saugen, dazu kommen die Sonneneinstrahlung und die hohen Temperaturen. Das alles treibt die Verdunstung an. Sie ist die Konkurrenz fürs Grundwasser. Dort jedenfalls kommt seit vielen Monaten schon nichts mehr an. Grundwasser, das ist Thomas Wöhlings Forschungsgebiet. Er ist als Hydrologe an der TU Dresden tätig.

Der Schwamm ist leer

Das Grundwasser ist der am stärksten benachteiligte Bereich im Wasserkreislauf, erklärt Wöhling. Es dauert Jahre, bevor sich hier wieder etwas verbessern könnte. Vorausgesetzt, es fällt überhaupt genug Regen, und das über lange Zeiträume. Der vergleichsweise feuchte Juni jetzt war aber auch nicht wirklich nass. 50 bis 60 Prozent der üblichen Monatsniederschläge gab es in Dresden, Nossen und Hoyerswerda. Oschatz bekam gerade mal 15 Prozent, sagt DWD-Meteorologe Böttcher.

Wie punktuell die letzten Regengüsse fielen, zeigen auch die Daten von Berzdorf-Hörnitz am Zittauer Gebirge. Hier ist mit 174 Litern je Quadratmeter mehr als das Doppelte eines normalen Juni-Niederschlags gefallen. Nur, auch dieses Wasser ist oberirdisch weg. Die Zeit zum Versickern und damit fürs Grundwasser war zu kurz.

Grundwasserneubildung passiert erst, wenn der Boden gesättigt ist, wenn die nutzbare Feldkapazität 100 Prozent beträgt. Der Boden ist wie ein Schwamm, erst wenn der zu einem gewissen Grade gefüllt ist, läuft Wasser unten raus. „Der Grundwasserspeicher wird nicht nachgefüllt, gleichzeitig fließt aber Grundwasser in die Flüsse. Damit sinkt der Grundwasserspiegel weiter“, sagt der Hydrologe Wöhling.

© ReKIS LfULG

Die Monate, in denen sich am meisten Grundwasser bildet, sind eigentlich im Winter. Der ist in diesem Jahr aber ebenso ausgefallen wie das neue Grundwasser. Und nun der Juni? „Ein feuchter Monat bringt da gar nichts, das System ist träge. Zwei feuchte Jahre könnten da vielleicht etwas bewirken“, sagt Wöhling.

Phasen mit sinkenden und dann wieder steigenden Pegeln gab es schon immer, nur kam dieser Wechsel stets über wenige Monate zustande. Jetzt aber bildet sich seit drei Jahren nichts neu. Und so ein Gewitter wie am Wochenende hilft eben nicht wirklich. Allenfalls der Bodenspeicher füllt sich ein wenig. Es ist eine doppelt unsichtbare Gefahr, sagt Hydrologe Wöhling. Zum einen schwindet das Grundwasser unbemerkt. „Und dann, wenn’s regnet, ist der Boden oben nass, aber unten ist trotzdem noch lange nichts in Ordnung.“

Dürre im Grundwasser

108 Referenzstellen in Sachsen gemittelt ergeben, dass zum Jahresbeginn beispielsweise das Grundwasser gut einen halben Meter tiefer unter der Oberfläche war als im langjährigen Mittel, sagt Andy Philipp, Hydrologe im Landeshochwasserzentrum. In den letzten drei Jahren ist der Grundwasserspiegel an einigen Stellen zwei bis drei Meter unter das langjährige Mittel gefallen.

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