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Wichtig ist Hoffnung: Wie ein Reporter Epidemien erlebte

Reporter-Legende Randy Braumann war auf der ganzen Welt unterwegs und hat in seinem Leben viele Epidemien erlebt.

Von Peter Chemnitz
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Randy Braumann mit seiner Frau Dorothea nahe der Altstadtbrücke. So weit schafft er es heute nicht mehr.
Randy Braumann mit seiner Frau Dorothea nahe der Altstadtbrücke. So weit schafft er es heute nicht mehr. ©  SZ-Archiv

Die Tour ist immer die gleiche: die Augustastraße entlang zum Wilhelmsplatz. Dann über die Hospitalstraße oder durch die Straßburg-Passage zur Berliner und diese hinab bis zum Postplatz. Die Treppen, jene verfluchten Stufen eines Gründerzeithauses sind da schon fast vergessen und auch das umständliche Öffnen der schweren Türen. Manches ist nicht leicht, wenn man 85 Jahre alt ist und nach einer Hüftoperation in Rothenburg an zwei Krücken gehen muss.

Sein „Trainings-Schleichgang“ ist Randy Braumann wichtig. Überlebenswichtig sozusagen. Das Ziel sind Bianca und Kirsten. „Tapfere Mädchen, die in ihrem Zeitungsladen die Stellung halten“, sagt Braumann. Die beiden kennen die Wünsche des alten Herren mit dem Stoffbeutel vor der Brust: einmal die „Sächsische“, die Heimatzeitung, und einmal die „alte Tante“, die Neue Zürcher Zeitung für die Sicht von außen auf das Land.

Kranke Kinder krochen am Boden

Es sei doch interessant, dass es ausgerechnet die wohlsituierte Schweiz so heftig erwischt hat, was Corona betrifft, sinniert Braumann nach einem Blick auf die Schlagzeilen und fügt hinzu: „Es ist die erste Epidemie, die ich in Europa erlebe.“

Seuchen haben den Mann sein Leben lang begleitet. Erst die größte, selbstverschuldete der Menschen, der Krieg, von denen er zahlreiche er- und überlebt hat, als Kind bei den Bombenangriffen auf Bochum, später als Reporter für den „stern“ in Afrika und Asien. Noch später als Geo-Redakteur und Vorsitzender des von ihm mitgegründeten „Kinderhilfswerks für die Dritte Welt“.

Das hat er mit Freunden aus der Taufe gehoben, nach dem ihm ein halb verhungerter Haitianer sagte: „Blanc mangé empil.“ – „Die Weißen essen viel.“ Das war 1968. Seit dem war Braumann unzählige Male in Ländern der Dritten Welt unterwegs, um zu helfen. Er hat eine große Reportage über die „Flying Doctors“ geschrieben, jene „wagemutigsten Einzelkämpfer der Nächstenliebe, die ich je kennengelernt habe“, die jedes Urwalddorf aufsuchten, wenn es auch nur eine halbwegs zur Landung geeignete Piste für die kleinen Maschinen gab. Pater Ferdi in Haiti war happy über eine Impfpistole vom Typ „Hypospray Jet-Injektor“. Nach Mali schleppte er lebenswichtigen Masern-Impfstoff über mehrere Flughäfen, nach Zaire nahm er 40.000 Einheiten Polio-Vakzine mit.

Das sei auch so ein Grunderlebnis gewesen, erzählt Braumann. Als er einem befreundeten Mediziner in Deutschland von der Polioepidemie in Bamako berichtete, von den über die Straßen kriechenden Kinder und dem fehlenden Impfstoff, zeigte der sich erschüttert. Er würde jedes Jahr 100.000 Einheiten Polio-Vakzine entsorgen müssen, weil sich in Deutschland niemand mehr gegen die Kinderlähmung impfen lasse.

„Es war einmal ein Mann und eine Frau, die einander liebten. Er hatte keine Finger mehr, und der Aussatz machte sich eifrig an seine Füße heran. An ihr zehrte der Krebs, dessen schrecklichen, unerbittlichen Weg man verfolgen konnte. Sie lebten in einer kleinen, versteckten Hütte in der Nähe der Überlandstraße von Mombasa nach Niania.“ So beginnt „Eine ganz andere Liebesgeschichte“, die Braumann einst für die „Aktion Canchanabury“ geschrieben hat und die den Blick der Leser auf die afrikanische Republik Zaire und dieses Leprakrankenhaus lenken sollte. Noch mehr Spendengelder spielte ein Beitrag ein, dem Braumann die schockierende Überschrift „Gebt uns Gift, damit wir schneller sterben“ gegeben hatte.

„Ist Ihnen schon aufgefallen, dass kaum einer der europäischen Helfer in der Dritten Welt an den Krankheiten, die dort unzählige Menschen hinraffen, gestorben ist“, fragt Braumann, während er sich mit ein paar netten Worten von Bianca und Kirsten verabschiedet, um den Rückweg anzutreten. „Wir wurden nämlich ununterbrochen geimpft.“ Alle sechs Monate gegen Gelbfieber, alle drei Jahre gegen Pocken. Gegen die Malaria gab es Pillen. Außerdem habe man sich ständig die Hände gewaschen. Insbesondere in den afrikanischen Lepradörfern, in denen belgische Padres auf die Einhaltung der strengen Hygienevorschriften achteten.

Einmal glaubte Braumann, dass es ihn trotz aller Hygiene und Impfungen erwischt hat. Auf dem Rückflug aus Afrika in Richtung Marseille bekam er Schüttelfrost, starke Kopfschmerzen, begann zu schwitzen. „Während der Zwischenlandung rief ich den mir bekannten Leiter des Tropeninstituts in Hamburg an und erläuterte ihm die Symptome.“ 

Der versprach, im Institut auf Braumann zu warten, zeigte sich nach den Untersuchungen verwundert: „Dass bei diesem Pulsschlag und derart hohem Fieber Ihr Herz noch mit macht ...“ Der Tropenmediziner war hilflos, verordnete Tabletten. Einen Rat wusste wenigstens Braumanns anthroposophischer Vertrauensarzt, den er nach drei Tagen in völliger Trance aufsuchte: „Nehmen Sie einfach keinerlei Medikamente mehr, entweder ihr Herz macht das mit oder es gibt auf. Die Chancen stehen 50 zu 50.“ Braumann ging das Risiko ein und setzte ab.

Seine Erfahrung von damals: Du musst mit dem Schlimmsten rechnen, hast aber die Chance, durchzukommen. „Seuchen sind unberechenbar, sie können dich erwischen oder nicht.“ Und schließlich soll man das Leben auch mit 85 Jahren genießen und wenn es in Corona-Zeiten nur noch der Spaziergang zum Zeitungsladen auf dem Postplatz ist und selbst auf das tägliche Glas Wein in der Brasserie verzichtet werden muss.

Lob für die aktuelle Regierung

Freundlich nickt Randy Braumann einem Streifenwagen zu, dessen Besatzung ihn von unten mustert und dann grüßend winkt. Bundes- und Landesregierung würden bisher alles richtig machen, lobt der alte Kriegsreporter, dem in den vergangenen Jahrzehnten nur selten ein Lob für Regierende über die Lippen gekommen ist: „Eine Seuche kann man nur unter Kontrolle bekommen, wenn die Infektionskette unterbrochen wird.“ Gut sei auch, dass die sächsische Regierung den Menschen Mut mache, die Zwangsmaßnahmen zeitlich befristet sind. Das gebe Hoffnung auf ein Ende der Epidemie.

Randy Braumann hat es jetzt eilig. Zwanzig Minuten hat er für den Rückweg. Dann trifft das Essen auf Rädern aus dem Städtischen Klinikum ein. Zuvor muss er sich wieder durch die beiden schweren Türen quälen und die elenden Stufen hinauf. In der Wohnung wird der Anrufbeantworter blinken. Vielleicht wird ihm die in Görlitz wohnende polnische Bekannte erzählen, die gestern über Zahnschmerzen klagte und der der Weg nach Zgorzelec zu ihrem Arzt versperrt ist, dass sie jetzt einen deutschen Zahnarzt ihres Vertrauens gefunden hat.

Vielleicht gibt es Neuigkeiten aus Hamburg oder Berlin oder aus dem Sorbenland. Soziale Kontakte sind in Seuchenzeiten besonders wichtig.

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