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Wichtige Arbeitgeber im Dorf

Über die Situation in der Landwirtschaft sprach SZ mit Rolf Bobe, dem Vorsitzenden des Regionalbauernverbands.

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Verliert die Landwirtschaft ihre Rolle als Rückgrat des ländlichen Raumes?

Das bewertet vielleicht die Bundesregierung so. Ich nicht. Tatsache ist, dass in vielen Dörfern die Landwirtschaft der größte Arbeitgeber ist, auch im Weißeritzkreis.

Die Landwirtschaft investiert – in der Regel in Rationalisierungen. Gehen dabei nicht Arbeitsplätze verloren?

Das ist eine Entwicklung durch den Fortschritt der Technik. Aber wir müssen immer noch sehen, wie viel Arbeit gesichert wird, auch in den Branchen, die uns beliefern oder unsere Produkte verarbeiten. Jeder neunte Arbeitsplatz in Deutschland steht in Zusammenhang mit Land- und Forstwirtschaft.

Immer wieder wechseln Betriebe ihre Rechtsform, meist sind dann weniger Eigentümer beteiligt. Verliert die Landwirtschaft damit an Bedeutung?

Es ist ein Trend, dass nur noch die als Gesellschafter beteiligt sind, die auch aktiv mitarbeiten. Wer aus der aktiven Tätigkeit ausgeschieden ist, dem fällt es auch schwer, Entscheidungen mit zu treffen. Sonst ist die Rechtsform für den Erfolg eines Betriebs eher nebensächlich, entscheidend ist, welche Leute an der Spitze eines Unternehmens stehen.

In der europäischen Politik ist die Landwirtschaft als Hauptempfängerin von öffentlichen Geldern in der Kritik. Zu Recht?

Es gibt Preisstützungen, aber die kommen nicht allein der Landwirtschaft zugute. Als Verbraucher haben alle etwas davon, dass wir stabile Lebensmittelpreise haben. Inzwischen machen die Ausgaben für Nahrung im Durchschnitt nur noch zehn Prozent aller Ausgaben eines Haushalts aus. Das Einkommen in der Landwirtschaft ist dennoch 40 Prozent niedriger als im Durchschnitt aller anderen Branchen.

Heißt da die wirtschaftliche Konsequenz nicht: Aufhören?

Gegenfrage: Wer bewirtschaftet dann unsere Felder? Die Kulturlandschaft käme in Gefahr. Daran hängen andere Branchen wie der Tourismus. Sie können landwirtschaftliche Produktion nicht einfach ins Ausland verlagern.

Warum protestiert der Bauernverband, wenn Märkte Milch im Angebot billig verkaufen?

Solche Aktionen sind moralisch und wirtschaftlich nicht hinnehmbar. Es kann nicht sein, dass unsere Produkte unter den Herstellungskosten verschleudert werden.

In der EU-Agrarpolitik gelten seit kurzem neue Regeln …

Die Entkoppelung der Zahlungen von der Produktion erfordert ein generelles Umdenken. Die neue Form der Beihilfen sollte eine Vereinfachung bringen. Das ist bisher nicht eingetreten. Eine Vielzahl von Vorschriften beispielsweise im Umweltschutz kam dazu. Da ist mit schärferen Kontrollen zu rechnen durch verschiedene Institutionen. Das lehnen wir als Verband ab.

Welche Erfahrungen machten Ihre Betriebe mit der EU-Osterweiterung seit letztem Jahr?

Keine schlechten. Die deutsche Landwirtschaft konnte mehr exportieren. Zusätzlichen Konkurrenzdruck spürten wir nicht. Auch auf mittlere Sicht erwarte ich keine Probleme. Dass Braugerste aus Polen oder Tschechien importiert wurde, gab es schon vorher.

Welche Entwicklungen erwarten Sie die nächsten zehn Jahre?

Unsere Kernkompetenz als Landwirte bleibt die Erzeugung von Nahrung. Das schließt eine ordentliche Nutzung der Flächen und den Erhalt der Kulturlandschaft ein. Der Ernährungsmarkt ist aber gesättigt, andere Einkommensquellen wie regenerative Energien gewinnen an Bedeutung. Wir müssen die Kooperation zwischen Betrieben in Erzeugergemeinschaften ausbauen. Die Altschuldenfrage ist ein Problem, das jetzt viele Betriebe dringend lösen müssen.

Mit „Region aktiv“ und „Leader Plus“ laufen zurzeit zwei Programme für den ländlichen Raum. Was bringen sie?

Die Programme sollen Impulse geben, um im ländlichen Raum Arbeitsplätze zu schaffen und zu halten. Unsere Erwartungen haben sich bisher nicht ganz erfüllt. Das entwickelt sich vielleicht noch.

Gespräch: Franz Herz