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Widerstand gegen das Narrenhäusel

Die Entscheidung pro Wiederaufbau ist zwar gefallen. Bis zum Spatenstich kann es aber noch dauern. Das freut Kritiker.

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© GHND e.V./Arte4D

Von Lars Kühl

Der Weg für den Nachbau des Narrenhäusels ist frei. Vermeintlich. Denn ganz so einfach und reibungslos wird der Investor Frank Wießner sein Vorhaben, falls er den Zuschlag bekommt, anscheinend nicht umsetzen können. Der Stadtrat hatte vorige Woche dafür gestimmt, ein Grundstück an der Augustusbrücke zum Verkauf auszuschreiben.

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Auf dem Foto um die Wende zum 20. Jahrhundert sind die Fensterläden gut zu sehen. Sie wurden nicht erst während der Nazi-Zeit angebaut.
Auf dem Foto um die Wende zum 20. Jahrhundert sind die Fensterläden gut zu sehen. Sie wurden nicht erst während der Nazi-Zeit angebaut. © Archiv GHND
Das Narrenhäusel auf einer Postkarte um 1900.
Das Narrenhäusel auf einer Postkarte um 1900. © Sammlung Holger Naumann

Voraussetzung für eine Veräußerung ist die Orientierung am Verkehrswert des Areals. Dieser ist allerdings noch gar nicht ermittelt, wie Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) erklärt. Für das Gebiet seien auch keine Bodenrichtwerte als Anhaltspunkt ausgewiesen. Es muss jetzt erst ein Gutachten in Auftrag gegeben werden. Und das kann dauern.

Was wiederum Christian Helms freut. Der Architekt verfolgt die Debatte um das Narrenhäusel aufmerksam. Er will lieber, dass das Gebiet zwischen Blockhaus, Neustädter Markt und Finanzministerium zunächst als Ganzes entwickelt wird. „Ich sehe mich mit meiner Meinung in grundsätzlicher Übereinstimmung mit meinen Fachkollegen.“ Um seinen Standpunkt zu erklären, wählt Helms den Vergleich mit einem Gemälde – quasi als Pendant für das „Stadtbild“, das entstehen soll. „Soll es gelingen, wird selten mit einem nebensächlichen Detail begonnen.“ Denn für genau das hält Helms das „absurde Narrenhäusel“. Am Anfang stünden für ihn die wesentlichen Bestandteile, ihre Zuordnung zueinander, ihre Komposition. Details folgen erst am Ende, damit sie sich in die große Ordnung einfügen. Bei „Stadtbildern“ kämen noch der topografische und bauliche Kontext sowie technische und finanzielle Zwänge, aber auch soziologische Gesichtspunkte hinzu. „All das gilt es, unter einen Hut zu bringen, auch ästhetisch zu ordnen, soll das dauerhaft gültige, noch von den nachfolgenden Generationen bewunderte Stadtbild gelingen.“

Das Narrenhäusel sei nach dem Neubau der Augustusbrücke bis 1910 mit dieser verquickt, seine Gestalt zudem kurios gewesen. In seiner letzten Fassung wäre es das „Abfallprodukt“ einer zufälligen Grundstückssituation, nämlich als frei stehendes Gebäude, weil die Nachbarhäuser abgerissen worden waren. „So seines Kontextes beraubt, würde sein Wiederaufbau noch unverständlicher, noch willkürlicher erscheinen.“ Provokativ wird Helms, wenn er Folgendes fragt: „Aber vielleicht soll das Narrenhäusel als künftiger Leitbau die bis 1945 hinter ihm befindlichen, selbst das Blockhaus (auf der anderen Seite des Neustädter Brückenkopfes, Anmerk. d. A.) überragenden Mietshaus-Bebauungen einfordern, um den verlorenen baulichen Kontext wiederzugewinnen?“ Als die Neustadt nach dem Stadtbrand von 1685 neu angelegt worden war, sei Oberlandbaumeister Wolf-Caspar Klengel auch anders vorgegangen. Bei der Neuordnung wurden der Neustädter Kopf der Augustusbrücke und das Schwarze Tor am heutigen Albertplatz als Ausgangspunkte festgelegt, bevor über Einzelgebäude wie das Japanische Palais, das Blockhaus oder das Neustädter Rathaus entschieden wurde.

Solch eine Vorgehensweise fordert Helms im Kleinen auch für die Gestaltung des Königsufers. Deshalb ist es für ihn und seine Mitstreiter – deren Meinung im Übrigen Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) in der Stadtratssitzung auch vertreten hatte – „nicht nachvollziehbar“, wenn „an dieser für das Stadtbild so wichtigen Stelle, für sein Gelingen zwingend notwendige Gestaltungsgrundsätze“ außer Acht gelassen werden. Wegen einem Narrenhäusel, dem „nostalgisch-sentimentale Gemütswerte zuerkannt werden“.

Investor Frank Wießner kennt die Bedenken und hat damit auch kein Problem. Allerdings will er bald anfangen, damit die Zinsen nicht wieder steigen und sein Vorhaben verteuert. Momentan plant der Dresdner mit rund 2,5 Millionen Euro. Er will beim historisierenden Wiederaufbau des Narrenhäusels die Einwände der Kritiker ernst nehmen und gegebenenfalls sein Projekt anpassen. Bisher sieht er eine Gaststätte im Erdgeschoss, darüber Büros und in den oberen beiden Etagen Wohnungen vor. Doch dabei sei noch nichts in Stein gemeißelt. Selbst bei der Dachgestaltung, bei der er sich zwischen einer barocken, wie beim Original, oder einer neuzeitlicheren entscheiden müsste.

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Wenigstens könnte Wießner die geplanten Fensterläden anbauen. Denn der Vorwurf, dies sei erst während der Umgestaltung 1936/1937 passiert und würde somit eine Reminiszenz an diese Nazi-Zeit sein, ist vom Tisch. Torsten Kulke, Vorstand der Gesellschaft Historischer Neumarkt, die den Wiederaufbau nach Kräften unterstützt, hat ein Foto um 1900 gefunden. „Es zeigt, dass der Umbau bereits weit vor 1936 stattgefunden hat“, sagt er. Die bisherige Annahme, das Narrenhäusel wäre Architektur im Heimatschutzstil, welcher als Kritik auf die Neo-Stile des 19. Jahrhunderts entstand, sei damit falsch.