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Widerstand gegen Südumfahrung

Die Verlängerung der Straße soll Bautzen vom Verkehr entlasten. Doch Anwohner sehen ein Idyll in Gefahr.

Robert Matschie und Daniel Tittel kritisieren die Pläne zum weiteren Ausbau der Bautzener Südumfahrung.
Robert Matschie und Daniel Tittel kritisieren die Pläne zum weiteren Ausbau der Bautzener Südumfahrung. © SZ/Uwe Soeder

Doberschau-Gaußig. Zwei weiß-grau geperlte Hühner scharren gemütlich auf Tittels Hof in Grubschütz in der Gemeinde Doberschau-Gaußig im Dreck, daneben pickt eine schwarze Henne im Boden herum. Als Robert Matschie und Daniel Tittel sich einen Weg durch die Tiere bahnen, weichen diese nur unaufgeregt aus. Daniel Tittel und Robert Matschie laufen vorbei an einem Hang, auf dem Alpakas grasen, vorbei an einem Beet, auf dem Gemüsepflanzen langsam welk werden und vorbei an Obstbäumen, aus denen Vogelzwitschern klingt. 

Erst auf einer Wiese, die von der untergehenden Sonne in rötliches Licht getaucht wird, machen die beiden Grubschützer halt. „Dort vorne oder hier wo wir stehen“, sagt Daniel Tittel und unterbricht mit seinen Worten das Idyll, „würde die Südumfahrung entlanglaufen.“ Er deutet auf die Orte, von denen er spricht: Die Apfelbäume, die müssten wohl gefällt werden, erklärt er. „Das wäre ja wirklich ein brachiales Bauwerk in unserem Garten.“

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Bürgerinitiative gegründet

Worum es geht? Daniel Tittel und Matschie sind verärgert über die Pläne, den zweiten Teil der Südumfahrung um Bautzen zu bauen. Die beiden Grubschützer haben gemeinsam mit anderen eine Bürgerinitiative gegründet, um gegen die Pläne vorzugehen. Kein Wunder, aus ihrer Sicht: Die Straße würde eine Schneise schneiden in das kleine Paradies, das Dorf in Lärm hüllen, Schatten werfen. „Das Spreetal ist wie ein Trichter, den Verkehrslärm würden wir alle hören“, sagt Daniel Tittel.

Vor Jahren lagen die Pläne, eine Südumfahrung um Bautzen zu bauen, schon einmal auf dem Tisch – doch sie fielen damals dem Rotstift zum Opfer. Dann fand die Straße Einzug in den Landesverkehrsplan 2025, mit Kosten von rund 20 Millionen Euro ist das Bauprojekt darin angesetzt; die Finanzierung ist mit dem Plan sichergestellt. 

Lange tat sich nichts – jetzt heißt es, die Pläne sollen tatsächlich noch einmal aufgerollt werden: „Ja, die Planung des 2. Bauabschnitts der S 106 wird wieder aufgenommen“, bestätigt Franz Grossmann, Sprecher des sächsischen Landesamts für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). Was mit dem dritten Bauabschnitt passiert, ist derzeit noch völlig offen. Ein Vorentwurf soll nun noch einmal überarbeitet und aktuellen Regeln angepasst werden. Dabei soll auch über verschiedene mögliche Routen gesprochen werden. Dann kommt es zum Planfeststellungsverfahren, durch das das Lasuv dann das Baurecht erwirbt.

© Grafik: SZ

 Wo die Straße genau entlanglaufen wird, steht noch nicht fest – sie soll aber zweispurig gebaut werden, rund sechs Kilometer lang sein und von der Neukircher Straße bei Grubschütz bis an die B 96 bei Ebendörfel führen. Bereits 2007 ist der erste Abschnitt der Straße, von der Autobahn-Auffahrt Salzenforst bis zur Neukircher Straße, fertiggestellt worden. Sicher ist auch eines: Für die Straße muss das Spreetal überquert werden, eine etwa 220 Meter lange Brücke muss dafür gebaut werden.

Und an der stören sich Daniel Tittel und Robert Matschie ganz besonders. „Das Spreetal ist ein Schutzgebiet“, sagt Robert Matschie. „Hier leben viele geschützte Arten“, erzählt er. Darunter: das Große Mausohr, eine eher seltene Fledermausart, und der ebenfalls seltene und geschützte Artgenosse, die Mopsfledermaus. Auch der Fischotter und eine empfindliche Fischart, das Bachneunauge, nennen das Spreetal hier ihre Heimat.

„Die Umweltdebatte ist größer denn je“, sagt Daniel Tittel. Das Tal ist gut besucht, Fahrradfahrer und Spaziergänger sind auch an diesem Tag einige unterwegs – das Spreetal gilt als Naherholungsgebiet, die Natur erholt sich hier. „Warum soll dann so etwas durchgezogen werden?“, fragt Tittel. Tatsächlich geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage vor dem Landtag hervor, dass das Tal durch eine Südumfahrung in Gefahr wäre. „Erhebliche Beeinträchtigungen“, heißt es darin, „können nicht ausgeschlossen werden“.

Landkreis für Kompromiss

Und doch gibt es andere, die wollen, dass die Straße gebaut wird. Der CDU-Landtagsabgeordnete Marko Schiemann, zum Beispiel, hat sich dafür eingesetzt. Und Landrat Michael Harig (CDU) ebenfalls. „Ich nehme die Naturschutz-Bedenken ernst“, sagt Michael Harig gegenüber der SZ. „Es wird da eine Lösung geben müssen“, meint er – und spricht von einem möglichen Kompromiss. „Wir müssen den Eingriff so gering als möglich halten.“ Ein Ansatz: die Brücke höher zu bauen.

Dennoch, findet der Landrat, ist die Umfahrung unumgänglich. „Wir sind auf gute Straßen angewiesen“, sagt er. Die Anbindung der Dörfer müsse verbessert werden, damit die Gemeinden nicht noch mehr Einwohner verlieren.

Anders sehen das Robert Matschie und Daniel Tittel. Sie denken dabei vor allem an ein Neubaugebiet in Doberschau. „Viele Leute sind extra raus aufs Dorf gezogen, um hier Ruhe zu haben“, erzählt er. „Die Straße würde aber wohl direkt am Neubaugebiet entlanglaufen.“

„Die Straße würde Entlastung im südlichen Kreisgebiet bringen“, findet hingegen der Landrat. Auch die Stadt Bautzen würde entlastet werden, erklärt das Lasuv. Gemeint seien vor allem die Straßen im südlichen Stadtbereich. Das Oberland würde durch die Straße mit der A 4 verknüpft, das Gewerbe in Preuschwitz würde besser angeschlossen werden.

Zweifel an Prognosen

Rund 9.500 Autos würden, so geht aus der Landtagsantwort hervor, laut einer Prognose pro Tag auf der Ortsumgehung fahren. Das würde die Zeppelinstraße in Bautzen um etwa 500 Wagen am Tag und die Westtangente um circa 4.500 Autos am Tag entlasten. Vor allem an dem Argument mit der Entlastung einiger Straßen stören sich Robert Matschie und Daniel Tittel. S

ie erinnern an die Westtangente, die für 12.000 bis 17.000 Fahrzeuge am Tag ausgelegt wurde – und auf der am Ende viel zu wenig Autos fuhren. 9.500 sind es nach der aktuellsten Verkehrszählung aus dem Jahr 2016. So wenig Verkehr war es, dass der Straßenbelag extra angeraut werden musste, weil die Abnutzung zu gering war.

Seit 1928 ist der Hof der Tittels in Familienbesitz, erzählt Daniel Tittel. Die Alpakas sind ein Hobby, aber die Familie verarbeitet die Wolle. „Es geht mir nicht nur um den Hof“, sagt er, „aber natürlich spielt auch persönliche Betroffenheit eine Rolle“. Er und auch Robert Matschie sind deshalb fest entschlossen. „Freiwillig geben wir das Areal nicht ab“, sagt Tittel. „Im Zweifel ziehen wir vor Gericht.“

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