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Wie aus Angst Wut wird

Diesen Freitag wieder im Kleinen Haus in Dresden: Die bewegende Fluchtgeschichte "Früchte des Zorns".

Sie sind Glücksuchende: amerikanische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert.
Sie sind Glücksuchende: amerikanische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert. © Sebastian Hoppe

Wo führt das alles hin? Manchmal sollte man sich das nicht fragen. Sondern einfach weiterlaufen. Im gleißenden, von Staub durchsetzten Licht und gegen den peitschenden Sturm bewegt sich die Karawane voran, stampfend, schnaufend, kämpfend. Es sind Glückssuchende, Hoffende, Fliehende auf dem Weg von Oklahoma nach Kalifornien, wo die Orangenbäume blühen und Arbeit versprechen. Sie sind Wirtschaftsflüchtlinge der 1920er-Jahre: Ihre Heimat gibt für sie nichts mehr her, dort ist die Ernte verdorrt und die Banken treiben Schulden ein.

John Steinbeck schrieb 1939 seine Geschichte „Früchte des Zorns“ über diese wandernden Familien. Für seinen Roman, der auf Reportagen beruht, bekam Steinbeck den Pulitzerpreis. Und noch immer ist der Text drängend und berührend, eine großartige Folie für eine aktuelle Bearbeitung. Am Donnerstag war Premiere am Kleinen Haus in Dresden.

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Wobei Regisseurin Mina Salehpour eben gerade nicht aktualisiert. Und ja, das ist bei dem Thema erwähnenswert. Nicht selten kamen in den letzten Jahren Inszenierungen auf die Theaterbühnen, die Videos von übers Mittelmeer Flüchtenden nutzten, die vielleicht sogar solche Szenen darstellten oder zumindest sehr zaunpfahlig auf ihre Botschaft hinwiesen. Salehpour braucht am Kleinen Haus nichts dergleichen. Sie verfügt über einen großartigen Text und genügend Kunstfertigkeit, um ihre Inszenierung in jedem Moment bedeutsam sein zu lassen.

Die großartige Bühne schuf Andrea Wagner.
Die großartige Bühne schuf Andrea Wagner. © Sebastian Hoppe

Da ist zunächst die großartige Bühne von Andrea Wagner. Wie eine cremige Masse wirken die Styroporkügelchen, aus denen die Darsteller auftauchen, durch die sie waten, mit denen sie kämpfen. Nebel wabert über diese graue Textur. Denn es liegt Staub über den Feldern von Oklahoma, das die Familie Joad nun verlassen will. Sohn Tom ist gerade aus dem Gefängnis gekommen, als die Familie beschließt, mit Sack und Pack vor dem Elend zu fliehen. Auf nach Kalifornien, wo die Obstplantagen stehen und es Arbeit im Überfluss gibt. So steht es zumindest auf den organgefarbenen Handzetteln, die verteilt werden. Doch auch Tausende andere haben diese Zettel gefunden, und so wälzen sich ganze Karawanen durchs Land. Ihnen begegnen Gescheiterte auf dem Rückweg, die von Schikane, Hunger und Elend auf den Plantagen berichten. Aber die Joads lassen sich nicht entmutigen. Ein Zurück gibt es für sie nicht, auch wenn sie schon ahnen, dass das gelobte Land keins ist. Doch kaum angekommen, wächst die Unzufriedenheit. Es gibt nicht genug Arbeit, sie frieren und hungern. In diesen Enttäuschungen wachsen Ängste, reifen die Früchte des Zorns. Die Inszenierung braucht keine Wutbürger-Karikaturen, um zu verstehen: Das hier hat mit uns zu tun.

Der Styroporstaub ist überall.
Der Styroporstaub ist überall. © Sebastian Hoppe

Immer wieder treten die Darsteller aus ihren Rollen, spielen Nebencharaktere. Oder sie sprechen den Text als Prosa und lassen Bilder im Kopf der Zuschauer entstehen. Auf dem Treck sterben Menschen, werden Babys geboren, entstehen Gemeinschaften mit eigenen Gesetzen. Lebendig werden die Bilder durch fantastische Regieeinfälle: Wenn sich Philipp Grimm Scheinwerfer an die Arme bindet und die Spieler durch ihren Schrittrhythmus das monotone Ruckeln des Autos darstellen. Wenn sich die Familie im scheinbar wohlwollenden Migrantenlager Hausschuhe reichen lässt und diese wohlig überstreift, sich endlich ausruhend. Wenn in einem einzigen Schrei die Geburt und der Tod des Babys von der jungen Rose steckt, die schließlich am Schmerz zerbricht: eingegraben im Styroporstaub. Gastdarstellerin Lisa Natalie Arnold spielt diese Rose zuerst schnoddrig und laut, später verloren und zart, ganz in sich gekehrt – eine tolle Besetzung. Stark sind auch Anna-Katharina Muck als Mutter und Hans-Werner Leupelt als Vater. Oliver Simon und Simon Werdelis fehlt es etwas am Kraft, Paul Wilms ist ein vielversprechender Schauspielstudent.

Es ist vielleicht wichtig zu erwähnen, dass Mina Salehpour, Hausregisseurin am Staatsschauspiel, selbst eine Fluchtgeschichte hat: Als junges Mädchen kam sie mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland. Dennoch – oder gerade deswegen? – hat sie der Textvorlage so viel Raum gelassen, dass „Früchte des Zorns“ zu einer ebenso ruhigen wie bewegenden, einer wirklich großen theatralen Erzählung werden konnte.


"Früchte des Zorns" läuft wieder am 31.5., 25.6. und 5.7., jeweils um 19.30 Uhr im Kleinen Haus in Dresden. Karten: 0351 4913555

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