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Aus alter Hengst-Fabrik wird neues Wohnquartier

Die Immobilienfirma Ventar hat das Objekt an der Gorkistraße in Pirna gekauft. Das Haus ist inzwischen entrümpelt – und digitalisiert.

© Thomas Möckel

Von Thomas Möckel

Pirna. Als Uwe Herrmann die Tür aufschließt, trägt er einen riesigen Schlüsselbund bei sich, zwei große Ringe von etwa zehn Zentimetern Durchmesser, daran hängen vielleicht 40, 50 Schlüssel, gezählt hat er sie nicht. Schilder an den Schlüsseln deuten darauf hin, wo sie passen könnten, doch es ist nicht ganz einfach, den richtigen zu finden. Herrmann wirkt mit dem Bund ein wenig wie ein Gefängniswärter.

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Der einstige Maschinensaal mit den Stahlstützen im Erdgeschoss ist inzwischen beräumt.
Der einstige Maschinensaal mit den Stahlstützen im Erdgeschoss ist inzwischen beräumt. © Thomas Möckel
Im alten Lager im Obergeschoss liegen noch alte Hobel.
Im alten Lager im Obergeschoss liegen noch alte Hobel. © Thomas Möckel
Das Treppenhaus zwischen den Gebäudeteilen soll weitgehend unverändert bleiben.
Das Treppenhaus zwischen den Gebäudeteilen soll weitgehend unverändert bleiben. © Thomas Möckel

Was er öffnet, ist aber kein Verlies mit vielen Zellen, sondern die alte Fensterbau-Firma Hengst an der Maxim-Gorki-Straße in Pirna, ein Bau aus hellen Klinkersteinen, hohen Fenstern, gegründet 1869 von Friedrich August Hengst. Zur Fabrik gehört ein großes Grundstück, viel Nebengelass – und eben jede Menge Türen.

Herrmann ist Chef der Immobilienfirma Ventar mit Hauptsitz in Böblingen und Niederlassung in Dresden, das Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, Industriedenkmäler in Wohnraum zu verwandeln. Zwei Jahre, sagt Herrmann, habe er mit dem früheren Eigentümer Christian Dinter verhandelt, ehe der Kauf besiegelt war. Produziert wird in dem Haus schon lange nicht mehr, Dinter stellte den Betrieb 2007 endgültig ein, nachdem die Firma bereits 2003 Insolvenz anmelden musste. Maschinen und Interieur standen allerdings bis vor Kurzem noch so an Ort und Stelle, als seien die Mitarbeiter nur mal eben kurz in die Pause gegangen. Doch nun ist alles leer.

Sekretariat und Chefzimmer liegen verwaist, nur die dunkle Holzvertäfelung an den Wänden ist übriggeblieben, neben der Tür hängt noch ein großer Regulator. Er tickt nicht mehr. An Wänden und Türen pappen überall kleine Zettel, es sind Messpunkte, Herrmann hat das gesamte Haus digitalisieren lassen, Mitarbeiter brachten damit mehrere Wochen zu, nun lässt sich das Objekt quasi am Rechner begehen. Die Vermessung ist Vorstufe für die Feinplanung, Herrmann und seine Mitstreiter wollen nun überlegen, wie das Gebäude aufgeteilt wird. Platz dafür ist ausreichend.

Hinter einer großen Tür, die mittels eines ausgeklügelten Gewichtsmechanismus schließt, erstreckt sich im Erdgeschoss ein großer Saal, mehrere Hundert Quadratmeter groß, Unmengen stählerner Stützen gehen vom Boden bis zur Decke. Früher standen hier die schweren Maschinen, Fräsen, Sägen, aber alles ist mittlerweile raus. „Hier können wir uns so richtig austoben“, sagt Herrmann.

Was genau in den einzelnen Etagen entstehen wird, steht noch nicht fest, aber es wird wohl in Richtung Loft-Wohnungen gehen, vielleicht integriert Ventar auch ein paar seniorengerechte Quartiere in dem Gebäude. Gewerbe und Kulturstätte wird es in dem Areal nicht geben.

Alles nimmt jetzt erst langsam Gestalt an, eilig hat es niemand, zwei bis drei Jahre hat Herrmann geplant, den einstigen Industriekomplex zu entwickeln. Wie es geht, hat er bereits getestet, in Dresden beispielsweise baute Ventar schon eine alte Piano- und eine alte Stuhlfabrik zu Wohnungen um. Seit 18 Jahren ist das Unternehmen in Dresden am Markt, in letzter Zeit expandiert es nach Heidenau und Pirna, weil in der Landeshauptstadt kaum noch alte unsanierte Industriedenkmäler zu finden sind. Und in Hengst hat Herrmann etwas gefunden, was gleich in zweierlei Hinsicht für sich spricht: altes Denkmal in unverbasteltem Zustand.

Sogar original eingerichtet ist noch das Lager im ersten Stock, in Regalen stapeln sich gelbe Schutzhelme, alte Hobel und Fenstergriffe. Die stabilen Regale holt Herrmann ins eigene Firmenlager, alles andere kommt noch weg, dann kann er auch hier umgestalten. Außen bleibt das Klinkerensemble weitgehend unverändert, das spricht auch der Denkmalschutz ein Wörtchen mit, der große Schornstein muss ebenfalls stehenbleiben.

In diesem Jahr, sagt Herrmann, soll die Planung starten, den Bauantrag will Ventar im Frühjahr 2018 bei der Stadt einreichen.