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Wo Platz für drei Kinder ist, da ist auch Platz für...

...sechs. Die Geschichte von Familie Schollbach aus Weinböhla, die drei leibliche und drei Pflegekinder hat.

Alma, acht Monate alt, macht die Familie vollständig. Sie ist das dritte leibliche Kind von Katja Schollbach. Auch drei Pflegekinder haben bei ihr ein neues Zuhause gefunden.
Alma, acht Monate alt, macht die Familie vollständig. Sie ist das dritte leibliche Kind von Katja Schollbach. Auch drei Pflegekinder haben bei ihr ein neues Zuhause gefunden. © Arvid Müller

Weinböhla. Katja Schollbach bekommt noch heute Gänsehaut, wenn sie davon erzählt. An einem warmen Sommertag vor acht Jahren klingelte das Telefon. Der Pflegekinderdienst war dran, sprach von einem Notfall. Mit ihrem Partner fuhr sie in ein Mutter-Kind-Heim, wo sie Sophie* kennenlernen sollten. 

Normalerweise wird der Kontakt zwischen Pflegeeltern und Kind langsam angebahnt, es gibt mehrere Treffen. Sophie war aber erst zwei Wochen alt. Wenige Tage nach der Geburt hatte ihre leibliche Mutter sie verlassen. „Wir haben sie gleich mitgenommen“, erzählt Katja Schollbach. 

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Neben ihren leiblichen Kindern Jonathan und Talia war da plötzlich wieder ein Baby in der Familie. Noch dazu eins, das Ungewissheit mitgebracht hat. Die Mutter hatte während der Schwangerschaft geraucht und zu viel getrunken. Eine geistige Behinderung könnte vorliegen.

Für Katja Schollbach kein Grund, das Kind abzulehnen. Zu sehr hat sie sich ein Baby gewünscht. „Ich wollte schon immer viele Kinder, aber nicht unbedingt Schwangerschaft und Geburt durchleben“, erklärt die heute 37-Jährige. Da sie nicht verheiratet waren, war Adoption nicht möglich. Sie entschieden sich, Pflegeeltern zu werden.

Obwohl sie keinen dicken Bauch hatte, war es für Katja Schollbach trotzdem irgendwie eine Schwangerschaft. Schwanger mit dem Gedanken, bald ein neues Kind in der Familie zu begrüßen zu können. Viel Papierkram musste im Vorfeld erledigt, die Pflegeelternschule besucht werden. 

„Von dem Moment an, in dem alles unterschrieben ist, ist es, als würde die Fruchtblase platzen und man wartet.“ So beschreibt sie es heute. Und wenn das Baby dann da ist, könne man es einfach genießen. Neun Monate habe sie Sophie in einer Trage am Bauch gehabt, um eine Bindung aufzubauen. 

Aber auch Liebe und Geborgenheit können an den Genen nichts ändern. Und dann ist da noch das verlorene Urvertrauen in die Welt. „Für die Kinder ist es, wie auf einem fremden Planeten zu landen. Alles, was sie kennen, ist plötzlich weg“, so beschreibt es Katja Schollbach. Ihre Aufgabe als Pflegeeltern sei es, die Kinder zu schützen.

Pflegefamilien gesucht

212 Kinder und Jugendliche leben derzeit im Landkreis in 159 Pflegefamilien. Der Bedarf übersteigt das Angebot.

Die Formen der Pflege können ganz unterschiedlich sein. Von der Bereitschaftspflege werden kurzfristig auftretende und oft nur einige Monate andauernde Pflegefälle abgedeckt. Dazu kommen Kurzzeitpflege, Dauerpflege und Sonderpflege.

Ein Seminar bereitet potenzielle Pflegeeltern auf ihre neue Aufgabe vor.

Für die Sachkosten erhält jede Pflegefamilie nach Alter gestaffelt zwischen 560 Euro und 709 Euro im Monat, dazu kommen 245 Euro für die Kosten von Pflege und Erziehung.

Kontaktmöglichkeiten gibt es unter www.kreis-meissen.org/2623

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Dass viele Pflegekinder mit einer geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung kommen, darauf werden die Eltern vorbereitet. So ist es auch bei Anton*, der im Heim lebte, bis ihn 2015 Familie Schollbach aufnahm. Seine Mutter konsumierte Chrystal, als sie mit ihm schwanger war. Mit zehn Monaten kam er in seine Pflegefamilie.

„Der hat die ersten 14 Tage keinen Mucks gesagt“, erzählt Katja Schollbach. Anstrengend werde es erst, wenn die Kinder angekommen sind, sie alle Facetten ihres Ichs zeigen. „Aber anstrengend sind die Kinder für mich nie. Sie machen mir viel Freude“, sagt Katja Schollbach. Ob es nun fünf oder sechs Kinder sind, mache keinen Unterschied. Die größte Umstellung sei von keinem zu einem Kind.

2016 kam Clara* in die Familie und Talia ihre lang ersehnte große Schwester. Davor war ihr kindliches Leben geprägt von Vernachlässigung. Noch heute baut der Teenager „Nester“ mit Lebensmitteln in seinem Zimmer.

Mehr Kinder sind nicht geplant. Schließlich gehören auch noch der 16-jährige Sohn ihres Partners und die kleine Alma zur Familie. Nun ist die Familienplanung abgeschlossen. Sie wolle sich nach dem Ende ihrer Elternzeit wieder mehr um die Arbeit kümmern, sagt Katja Schollbach. Mit ihrer Mutter, die Heilpraktikerin ist, hat die Physiotherapeutin eine Praxis.

Strenge Regeln, um die Großfamilie zu organisieren, gibt es nicht. „Jeder fasst mit im Haushalt an. Und wir gehen freundlich und liebenvoll miteinander um.“ Und ein wichtiges Ritual gehört zum Alltag: „Wir gehen jeden Nachmittag in den Wald. Spazieren, spielen und reden mit den Kindern.“ Drei- bis viermal im Jahr gönnt sich die Familie einen gemeinsamen Urlaub.

Mit den leiblichen Eltern der Kinder besteht, sofern sie bekannt sind, Kontakt. „Mal mehr, mal weniger“, so Katja Schollbach. Es sei wichtig, dass die Kinder wissen, wo ihre Wurzeln sind. Da es sich um Langzeitpflege handelt, können die Kinder den Pflegeeltern aber nicht so einfach wieder weggenommen werden. „Für die Kinder ist es schlimm, dass ihre Eltern weg sind. Aber sie werden auch nicht ohne Grund aus den Familien genommen.“

Dass sie als Pflegeeltern der Gesellschaft einen wertvollen Dienst leisten und den Kindern ein behütetes Leben ermöglichen, das habe sie anfangs nicht auf dem Schirm gehabt. „Erst wenn sie erwachsen sind und ein selbstständiges Leben führen, dann haben wir etwas Gutes getan.“ Und es sei auch nicht so, dass die Kinder ihren Pflegeeltern gegenüber unendlich dankbar seien, wie es manche vermuten.

Katja Schollbach würde sich nur eine Änderung im Gesundheitssystem wünschen: Dass Eltern mit Kindern, die besondere Förderung brauchen, besser unterstützt werden, es mehr Geld für Therapien gibt. „Damit die Kinder gesund und geborgen aufwachsen können und nicht zum nächsten Pflegefall werden.“

* Name von der Redaktion geändert

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