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Döbeln

Beinahe ein Happy End

Irakische Flüchtlinge finden in Leisnig Familienanschluss. Doch noch immer fehlen zwei Mitglieder.

Mit Ursel (links) und Klaus Volkmann (rechts) haben die aus dem Irak stammenden Estrabraq und Hiba Alogaili mit ihren Kindern Ali und Zahraa eine neue Familie gefunden. Ihre beiden Katzen müssen immer noch im Tierheim Leisnig bleiben.
Mit Ursel (links) und Klaus Volkmann (rechts) haben die aus dem Irak stammenden Estrabraq und Hiba Alogaili mit ihren Kindern Ali und Zahraa eine neue Familie gefunden. Ihre beiden Katzen müssen immer noch im Tierheim Leisnig bleiben. © Lars Halbauer

Leisnig. Eigentlich sind sie eine ganz normale Familie: Der neunjährige Sohn Ali spielt Fußball, die zehnjährige Zahraa liebt das Tanzen. Die Kinder lernen fleißig in der Schule, Vater Estrabraq arbeitet in einem Seniorenheim, Mutter Hiba liebt ihren kleinen neuen Garten. Die vierköpfige Familie Alogaili, die vor vier Jahren vor den Kriegswirren aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet ist, ist angekommen in ihrer neuen Heimat.

Seit etwas mehr als einem Jahr lebt sie in Leisnig und hat mittlerweile einen Freundeskreis, dem die jungen Iraker ans Herz gewachsen sind. Vor allem das Ehepaar Klaus und Ursel Vorwerk, das gegenüber wohnt, hat eine innige Beziehung zu der Familie aufgebaut. 

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Im Januar haben sie sich näher kennengelernt und verbringen seither fast täglich Zeit miteinander. Für Estrabraq und Hiba Alogaili und für ihre Kinder sind die Vorwerks mittlerweile aber viel mehr als „nur“ nette Nachbarn. „Sie nennen uns Mutti und Vati, und die Kinder sagen Oma und Opa“, berichtet Ursel Vorwerk und ist schon bei dem Gedanken daran spürbar gerührt. „Diese ganze Familie ist so herzensgut, hilfsbereit, respektvoll und freundlich. Die haben es einfach verdient, dass man ihnen etwas Gutes tut“, ergänzt die 71-Jährige.

Regelmäßig treffen sie sich in dem kleinen Gartengrundstück am Leisniger Bahnhof, das der irakischen Familien überlassen worden ist. „Wir unternehmen gemeinsam Ausfahrten, feiern Geburtstage und helfen uns gegenseitig“, erzählt die Leisnigerin. Sie hilft den beiden Erwachsenen dabei, die komplizierte deutsche Sprache zu lernen. 

Gemeinsam freuen sie sich über kleine und große Erfolge, wie zum Beispiel darüber, dass der Familienvater seit Anfang Juni im Leisniger Seniorenheim als Hilfspflegekraft arbeitet. „Ich helfe den Senioren, es macht mir viel Spaß“, berichtet Estrabraq von seiner neuen Aufgabe. „Wenn ich noch besser Deutsch lerne, kann ich auch mehr arbeiten“, sagt er. Seiner Frau Hiba fällt der Deutschunterricht etwas schwerer, auch mit Depressionen habe sie immer wieder zu kämpfen. „Wir versuchen, ihr so gut es geht zu helfen“, versichert Ursel Vorwerk.

Silke Pfumfel kümmert sich um die beiden Katzen Chico und Noshe.
Silke Pfumfel kümmert sich um die beiden Katzen Chico und Noshe. © Lars Halbauer

Trotzdem kann die Familie nicht ganz glücklich sein, denn zwei Familienmitglieder fehlen: das Katzengeschwisterpaar Chico und Noshe. Seit einem Jahr müssen die Alogailis ins Tierheim Leisnig gehen, um ihre geliebten Haustiere besuchen und herzen zu können. Abgegeben haben sie ihre beiden Stubentiger aber nicht freiwillig.

Im vorigen Jahr schlug die Geschichte um ihre Katzen überregional große Wellen. Die Flüchtlingsfamilie war von der Ausländerbehörde zuletzt in Freiberg in einer Wohnung untergebracht. Dort bekam sie zwei Katzenbabys geschenkt, an denen besonders das Herz von Mutter Hiba hängt. 

Die Tiere wuchsen bei den Alogailis auf, wurden gehegt und gepflegt. Nachdem der Mietvertrag in Freiberg abgelaufen war, musste die Familie nach Leisnig umziehen, wo die landkreiseigene Gesellschaft für Strukturentwicklung und Qualifizierung (GSQ) eine Wohnung für die Iraker angemietet hat. Obwohl der Hausbesitzer nichts gegen eine Tierhaltung einzuwenden hatte, durften die Katzen trotzdem nicht bei ihrer Familie bleiben. Für die Kinder und ihre Eltern brach eine Welt zusammen. Auch die beiden Katzen litten sichtlich, obwohl sich das Tierheim-Team in Leisnig liebevoll um die Miezen bemühte.

„Generell ist es in den Unterkünften des Landkreises nicht gestattet, Haustiere unterzubringen“, sagte damals dazu André Kaiser, Sprecher der Landkreisverwaltung. „Dies ist eine grundsätzliche Haltung und gilt bei allen Einrichtungen, die seitens des Landkreises für die vorübergehende Unterbringung von Asylsuchenden vorgehalten werden.“ Weshalb das in Freiberg anders gewesen sei, darüber könne nur spekuliert werden. Eine neuerliche Ausnahme konnte die Verwaltung nicht in Aussicht stellen: „Im Hinblick des Gleichbehandlungsgrundsatzes können wir hier nicht anders entscheiden.“

An dieser Haltung des Landkreises zur Gesamtproblematik habe sich bis heute nichts geändert, heißt es nun auf die neuerliche Anfrage des DA. Obwohl sich damals der Bürgermeister und mehrere Lokal- und Landespolitiker für die Familie und ihre Haustiere eingesetzt hatten, hat sich bis heute nichts geändert.

Doch aufgeben wollen die Alogailis nicht. „Ich arbeite und verdiene mehr Geld, dann können die Katzen wieder zu uns kommen“, hofft Vater Estrabraq. Allerdings müssten sie dafür zunächst in eine eigene Wohnung umziehen dürfen. Doch das wiederum ist erst dann möglich, wenn die Familie eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erhält. Die ist nach nunmehr vier Jahren aber immer noch nicht in Sicht. Gerade erst wurde ihre Erlaubnis in Freiberg verlängert, wieder nur für sechs Monate.

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