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Wie aus zwei Geburtstagen einer wurde

Einst wurde Christi Geburt nur am 6. Januar gefeiert, heute auch am 24. Dezember. „Schuld“ sind die heiligen drei Könige.

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Die heiligen drei Könige Caspar, Balthasar und Melchior bei der „Cabalgata de los Reyes Magos“ in Madrid. In Spanien gibt es erst am 6. Januar Geschenke. Dann ziehen als heilige drei Könige verkleidete Männer mit ihren Gaben von Haus zu Haus.
Die heiligen drei Könige Caspar, Balthasar und Melchior bei der „Cabalgata de los Reyes Magos“ in Madrid. In Spanien gibt es erst am 6. Januar Geschenke. Dann ziehen als heilige drei Könige verkleidete Männer mit ihren Gaben von Haus zu Haus. © epa/Gustavo Cuevas

Von Ulfrid Kleinert

Die Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland existiert seit rund 1950 Jahren. Wie ihre gleichaltrige Schwester, die von Jesu Geburt, der Krippe im Stall und den Hirten auf dem Felde handelt, wird sie zur Weltliteratur gezählt. An jedem 6. Januar steht sie im Mittelpunkt öffentlicher Auftritte von Sternsingern, Häuser und Wohnungen segnenden „Königen“ und christlichen Gottesdiensten der Kirchen in aller Welt. Sie begründet im orthodoxen Osteuropa das an diesem Tag gefeierte Weihnachtsfest. Was hat es mit der Geschichte von den Weisen auf sich? Und was hat sich aus ihr in fast zwei Jahrtausenden entwickelt?

Ihr Autor ist wahrscheinlich der Evangelist Matthäus. Bevor er wie die Evangelisten Markus, Lukas und Johannes Berichte vom erwachsenen Jesus von Nazareth zusammenstellt, will er dem Leben Jesu literarisch einen universalen, ja sogar kosmischen Horizont geben. Entsprechend endet sein Evangelium mit dem weltweiten Bezug auf „alle Völker“. Darum erzählt er von weisen, der Sterndeutung fähigen Magiern, die einer außergewöhnlichen Sternkonstellation folgen und aus fernem Morgenland nach Jerusalem kommen, um Jesus zu huldigen. In Jerusalem erfahren sie von König Herodes, was der sich von den Priestern und Schriftgelehrten hat sagen lassen: dass ein künftiger König im Dorf Bethlehem geboren würde.

Der Stern führt sie zum Geburtsort, wo sie dem Kleinen ihre Ehrerbietung zeigen und ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe schenken. Auf ihrer Rückreise meiden sie, von einem Traum gewarnt, den misstrauisch und eifersüchtig gewordenen König. Der lässt alle Neugeborenen in Bethlehem und Umgebung ermorden, weil er Jesus nur so zu erwischen hofft. Dessen Eltern sind da, ebenfalls durch einen Traum gewarnt, längst auf der Flucht nach Ägypten. So ist es im 2. Kapitel des Matthäusevangeliums nachzulesen.

Weltweit Fachleuten erkennbare Sternzeichen, ortskundige Schriftgelehrsamkeit und ein brutal handelnder König bilden den literarischen Bezugspunkt für Jesu Geburt. Anders als bei Matthäus waren in Lukas‘ bekannter Weihnachtsgeschichte der als fast allmächtig geltende römische Kaiser Augustus und sein regionaler Stellvertreter Cyrenius literarischer welthistorischer Bezugsrahmen der Jesusgeburt. Markus aber, das älteste Evangelium, hält sich an das, was vom erwachsenen Jesus aus Galiläa berichtet wurde, von der Taufe durch Johannes im Jordan bis zur Kreuzigung in Jerusalem und dem leeren Grab. Erzählungen von Jesu Geburt, die seinem Leben von Anfang an einen universellen Rahmen geben, kennt er nicht.

Jesu Leben ist von Geburt an bedroht

In dem spezifischen literarischen Kontext, den das Matthäusevangelium der Geschichte Jesu gegeben hat, finden sich Hinweise auf weitere Zusammenhänge. Die konnten dem gebildeten Zeitgenossen des 1. Jahrhunderts vertraut sein, müssen uns heute aber erst bewusst gemacht werden. Dass die Geburt bedeutender Männer von Kometenerscheinungen begleitet gewesen sein soll, war damals nicht ungewöhnlich. Sterndeutung gehörte zu den besonderen Fähigkeiten der „Weisen“ (das griechische Wort für sie ist magoi; „Magier“), die im fernen Persien zuhause waren, dem heutigen Iran, und dort eine Priesterkaste bildeten.

Schriftkundige wie die Verfasser und Leser des Matthäusevangeliums werden auch an die Geschichte der Königin von Saba gedacht haben. Sie kam wie die Weisen mit Geschenken von weit her zum König Salomo nach Jerusalem. Ihre Gaben waren Gold, Balsamöle und Edelsteine. Genauso typisch für das reiche Sabäerland sind auch Gold, Weihrauch und Myrrhe, die die Weisen mit sich führen. Jedenfalls sind sie wegen ihrer wertvollen drei Gaben in späteren Überlieferungen zu drei königlichen Personen aufgestiegen.

Sie werden drei Generationen (jung, erwachsen, alt) zugeordnet, repräsentieren seit dem Mittelalter die drei damals bekannten Erdteile Afrika, Europa und Asien und erhalten die Namen Caspar, Melchior und Balthasar. Sabas Königin und die zu Königen gewordenen Weisen treten als Vertreter des Alten und des Neuen Testaments gemeinsam auf in den mittelalterlichen Armenbibeln, Fenstern des Kölner Doms, Hiernonymus Boschs Gemälde von der Anbetung der Könige und in Bachs Kantate zum Fest der Heiligen drei Könige

Mehr noch als durch die Entsprechung von Sabas Königin und den Weisen hat Matthäus seine Geschichte aber von einem Gegensatz her gestaltet, nämlich dem Gegenüber von Jesuskind und Mose auf der einen Seite und König Herodes mit den Zügen des ägyptischen Pharao auf der anderen. Wie bei Moses ist Jesu Leben von Geburt an bedroht, wie Moses wird er wunderbar gerettet, wie Moses kommt er aus Ägypten und wird mit bleibender Wirkung öffentlich tätig, wie Moses trägt er vom Berg herab die Weisungen Gottes (vor) – bei Moses sind es die Gesetzestafeln, bei Matthäus ist es die aus Worten Jesu zusammengestellte „Bergpredigt“. Wie Moses nicht am Pharaonenhof blieb, sondern solidarisch wurde mit seinen geknechteten Geschwistern, so ist Jesus nicht im Jerusalemer Königspalast zu finden, sondern in einem einfachen Haus in Bethlehem.

Kennen wir damit das Material von Matthäus‘ Geschichte, bleibt jedoch die Frage, wie sie zur Kultlegende des 6. Januar geworden ist. Die erste Antwort lautet: An diesem Tag wurde bis zum 4. Jahrhundert in allen christlichen Gemeinden Weihnachten gefeiert – so wie bis heute in den Ostkirchen und bei den Armeniern. Für Alexandria sind die Ursprünge des Epiphaniasfestes belegt, an dem zugleich Jesu Geburt und Taufe gefeiert wurden. In der Nacht zum 6. Januar wurde auch im Israel des 4. Jahrhunderts in Bethlehem Christi Geburt gefeiert. Und der griechische Kirchenvater Chrysostomos musste erst mit einer eindrücklichen Predigt die Gläubigen in Konstantinopel davon überzeugen, Jesu Geburt nicht mehr wie bisher an diesem Datum zu gedenken.

Gott kam als Kind zur Welt

Fortan werden Geburt und Taufe Jesu in den meisten Kirchen getrennt gefeiert, am 24. beziehungsweise 25. Dezember – zur Zeit der Wintersonnenwende, wenn die Tage wieder heller werden – und am 6. Januar. Das erste Fest dient der Herabkunft Gottes im armen Kind, das zweite der Verherrlichung durch fremde Weise. Während die Weihnachtsgeschichte des Lukas mit Krippe, Stall, Hirten und dem Licht der Engel ausschließlich zum Datum des 24. Dezember „wanderte“, blieb die Weihnachtsgeschichte des Matthäus mit dem 6. Januar verbunden. Deshalb heißt dieser Tag bis heute „Dreikönigstag“, dessen Botschaft kindliche Sternsinger verkünden. Sie bringen allerdings keine Gaben mehr, im Gegenteil: Sie sammeln sie ein, um sie an den angemessenen Ort weiterzugeben zu den Kindern und Armen der Welt, die sie am dringendsten benötigen.

In manchen katholischen Gegenden gehen – nur gelegentlich noch als Könige verkleidete – Männer von Haus zu Haus. Sie schreiben mit Kreide die Buchstaben C, M und B sowie die Zahl des neuen Jahres über die Haus- und Wohnungstür. Diese Buchstaben stehen für die Namen der Könige Caspar, Melchior, Balthasar und ebenso für den lateinischen Satz „christus mansionem benedicat“ – Christus möge im neuen Jahr das Haus und die Bewohner segnen.