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Wie Britta Steffen ihrer Sportart helfen will

Deutschlands Schwimmer stecken in der Krise und das seit Jahren. Doch die Olympiasiegerin macht einen Vorschlag.

Entspannt und absolut mit sich im Reinen: Britta Steffen genießt die Karriere nach der Karriere. Ihre Erfahrungen möchte sie aber gern weitergeben.
Entspannt und absolut mit sich im Reinen: Britta Steffen genießt die Karriere nach der Karriere. Ihre Erfahrungen möchte sie aber gern weitergeben. © dpa/Robert Michael

Die Situation ist ernst, sehr ernst sogar: für Britta Steffen nach Olympia 2004 und für das deutsche Schwimmen, deren bislang letzte Vorzeigefrau sie war, spätestens seit Steffens Karriereende vor sieben Jahren. Medaillenlos sind sie bei den Sommerspielen 2012 beide geblieben, also Steffen und das deutsche Schwimmen.

Nur war die mittlerweile 35-Jährige damals nicht nur schon zweimal Olympiasiegerin, Doppel-Weltmeisterin und Weltrekordhalterin, Steffen war vor allem mit sich im Reinen. Die Sportart kann das bis heute nicht von sich behaupten, im Gegenteil. Auch Olympia 2016 endete ohne Podestplatzierung, und wenn kein Wunder geschieht, wird dies 2020 abermals so sein. „Das Niveau auf der Welt hat sich enorm weiterentwickelt und wir sind stehengeblieben“, fasst Bundestrainer Bernd Berkhahn im SZ-Gespräch den aktuellen Stand zusammen. Seit Januar ist er im Amt, nachdem sein Vorgänger mangels Perspektiven aufgegeben hatte. Und die Verbandspräsidentin ist ebenfalls zurückgetreten.

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Britta Steffen hat das alles beobachtet, mitunter ist sie in der Vergangenheit sogar bei Trainingslagern der Nationalmannschaft dabei gewesen und sie bietet jetzt wieder ihre Hilfe an. „Ich habe mich vor Kurzem mit dem neuen Sportdirektor Thomas Kurschilgen getroffen und ausgetauscht“, sagt sie auf Nachfrage der Sächsischen Zeitung. Einen konkreten Vorschlag hat die einstige Weltklasse-Freistilschwimmerin auch: „Ich würde sehr gern ein Mentaltrainingsprogramm für die Nationalmannschaft auflegen, um zum einen das Team stark zu machen, und zum anderen auch um zu klären, was jeder für sich beim Wettkampf braucht. Ich glaube, dass das ein großes Potenzial in der Nationalmannschaft hat.“

Die Arbeit mit einer Mentaltrainerin ist auch der Knackpunkt in ihrer Karriere gewesen, Steffen weiß also, wovon sie spricht, und reichlich Erfahrung mit dem Thema hat sie noch dazu. „Ich hatte mir ja den Ruf erarbeitet, Trainingsweltmeisterin zu sein, eine Gehirnprinzessin – eine also, die nicht leistet, wenn es darauf ankommt. Das macht dich auf Dauer mürbe“, erzählt Steffen. Nach ihren zweiten Olympischen Spielen, jenen 2004 in Athen, die ebenso erfolglos für sie waren wie die 2000 in Sydney, hat sie sich zudem den Fuß verknackst, erlebt mehrere Panikattacken im Wasser und entscheidet: „Ich lasse es.“

Ängste sind das zentrale Hemmnis

Doch die Begegnung mit der Mentaltrainerin Friederike Janofske, die zuvor bereits mit Franziska van Almsick erfolgreich gearbeitet hat, ändert alles. „Frau Janofske meinte, du musst doch nicht Schwimmerin bleiben. Nach zwei, drei Gesprächen hatte sich herauskristallisiert, eigentlich will ich nur meine eigene Grenze finden und liefern, wenn es galt, zu zeigen, was ich kann – gerade auf großer Bühne“, berichtet Steffen, und sie stellt fest: „Es ging also gar nicht primär um Olympiamedaillen, sondern darum, was ich imstande bin zu leisten, wenn ich mal alles auf den Punkt bringe. Und das ist mir in Peking unter dem höchsten Druck dann gelungen.“

Über 100 und 50 Meter Freistil wird Steffen Olympiasiegerin, nachdem sie schon zwei Jahre zuvor bei der EM 2006 vier Titel gewinnt. Aus der Gehirnprinzessin wird die neue deutsche Schwimmkönigin – und Friederike Janofske die Vertrauensperson schlechthin.

Dem Nachrichtenmagazin Spiegel hat Janofske in einem ihrer wenigen Interviews erzählt, wie sie Steffen damals kennengelernt hatte: „Sie litt unter tief liegenden Ängsten. Und Angst ist eine ganz starke Emotion, die in der Lage ist, positive Erinnerungen zu verdrängen. Die Ängste waren das zentrale Hemmnis, um eine erfolgreiche Schwimmerin zu werden.“

Nun sind sowohl das Schwimmen an sich als auch Mentaltraining eine zutiefst individuelle Angelegenheit und bei jedem Athleten verschieden, doch Janofskes Zustandsbeschreibung für Britta Steffen aus dem Jahr 2004 scheint nahezu identisch zu sein mit der derzeitigen Lage im deutschen Schwimmen. 

2008: Britta Steffen feiert ihre Goldmedaille über 100m Freistil bei Olympia in Peking.
2008: Britta Steffen feiert ihre Goldmedaille über 100m Freistil bei Olympia in Peking. © dpa/Peer Grimm

Und Steffens Angebot steht. Mit Janofske und einer Heilpraktikerin hat sie vor ein paar Jahren eine kleine Firma namens Golt gegründet. Golt – das steht für Gesundheit, Organisation und Leistung im Team. „Es geht darum, jemanden in seiner Persönlichkeit so weit zu entwickeln, dass er effizienter ist – auf eine gesunde Art und Weise. Wir bieten Workshops in Unternehmen an. Warum nicht künftig auch für Sportler“, fragt Steffen.

Das weiß auch der Bundestrainer, und er kennt ihren Vorschlag. „Wir sind im Kontakt mit Britta, es ist nicht so, dass wir nicht mit ihr sprechen. Wir haben ihr da auch schon verschiedene Angebote gemacht“, sagt Bernd Berkhahn, und er betont: „Wir haben bei uns eine neue Sportpsychologin eingesetzt, fangen da an, etwas Neues aufzubauen und systematisch zu arbeiten. Der Bedarf bei den Sportlern ist enorm groß.“

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