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Wie das Klinikum kämpft

Zwar schreibt das Städtische Krankenhaus schwarze Zahlen. Aber der Druck wächst.

Von Sebastian Beutler

Mitten in die Koalitionsverhandlungen in Berlin platzte eine Studie des Deutschen Krankenhaus-Instituts (DKI). Mit alarmierenden Zahlen. Fast jedes zweite Krankenhaus in Deutschland schrieb danach 2012 rote Zahlen. Für Ulrike Holtzsch kam diese Untersuchung nicht überraschend. Die Geschäftsführerin des Städtischen Klinikums in Görlitz rechnet sogar noch mit höheren Werten in diesem Jahr: „Dann dürften mehr als 50 Prozent aller Häuser in Deutschland Verluste schreiben.“

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Frau Holtzsch kann das ziemlich gelassen sagen. Das Görlitzer Krankenhaus als Schwerpunktklinikum das größte und wichtigste im Landkreis hat auch im vergangenen Jahr schwarze Zahlen geschrieben – wie in fast jedem Jahr seit der politischen Wende. Doch gelassen ist sie keineswegs. Stundenlang könnte sie über die Ungerechtigkeiten im deutschen Krankenhauswesen, zwischen Ost und West, zwischen einzelnen Bundesländern und manchmal auch noch im Landkreis reden. Zusammen bringen diese Ungerechtigkeiten aus ihrer Sicht ihrem Haus Nachteile in Millionenhöhe. Die Krankenkassen wiederum erklären, die Krankenhäuser sind gut finanziert, klagen aber darüber, dass es zu viele gibt. Auch in Görlitz konkurrieren zwei Häuser miteinander. Wie lange noch? „Bei uns gibt es jedenfalls nicht zu viele Betten“, sagt Frau Holtzsch. Andererseits ist das Malteser-Krankenhaus stärker als noch vor drei Jahren. Ein Abwrack-Fonds für schließende Krankenhäuser schaffte es zudem nicht bis in den Koalitionsvertrag – die 500 Millionen Euro waren zu teuer.

Selbst so ein großes Krankenhaus wie das Görlitzer spürt aber deutlich die Probleme, und an der Bilanz sind sie auch abzulesen:

Die stationären Fälle sinken seit zwei Jahren und liegen jetzt noch bei 24 661. Dafür nehmen die ambulanten zu. Zusammen behandelte das Krankenhaus 61 836 Patienten. Vor allem in der Frauenklinik spürt das Klinikum den Wettbewerb mit ambulanten OPs, die Urologie schwächelt, und in manchen Kliniken, wie beispielsweise in der Kinderklinik sind die jährlichen Schwankungen groß: Auf ein schwächeres Jahr 2012 folgt hier ein gutes 2013. Und die Zahlen in der Unfallchirurgie steigen, auch in der Hautklinik sowie bei den Internisten.

Die Personalkosten steigen. Sowohl Ärzte als auch Pflegepersonal erhielten mehr Geld. Frau Holtzsch findet das richtig, um qualifizierte Mitarbeiter ans Haus zu binden. 1 065 Mitarbeiter hat das Haus. Die langfristige Strategie schmälert aber doch den kurzfristigen Gewinn.

Zunehmend muss das Krankenhaus Investitionen aus eigenen Mitteln finanzieren, obwohl laut Gesetz dafür der Freistaat aufzukommen hat. „Er kommt seiner Verantwortung nicht nach“, sagt Ulrike Holtzsch. So ist das Klinikum gezwungen, seine liquiden Mittel zu nutzen. 2012 sanken sie von 6,8 auf 1,1 Millionen Euro. Auch Abschreibungen werden für Finanzierungen genutzt. Und mittlerweile ist das Haus mit 7 Millionen Euro verschuldet, eine Million mehr als noch ein Jahr zuvor. Das ist bei einem Haus mit Einnahmen von knapp 87 Millionen Euro nicht problematisch, aber die Zinsen sind eigentlich gar nicht vorgesehen in der Finanzierung deutscher Krankenhäuser.

Das alles zusammen führt eben dazu, dass die Jahre mit hohen Überschüssen für das Görlitzer Haus vorbei sind. Im letzten Jahr verdiente das Haus noch eine knappe Million Euro nach 1,5 Millionen 2011. Für dieses Jahr prognostiziert das städtische Krankenhaus noch einen Überschuss von einer halben Million Euro, im nächsten Jahr könnte die Summe noch ein bisschen geringer ausfallen. Aber immerhin: Das Görlitzer Haus schreibt schwarze Zahlen. Das können nicht alle Krankenhäuser im Landkreis von sich sagen. So meldet das Kreiskrankenhaus Weißwasser für das vergangene Jahr einen Verlust von 650 000 Euro. Die letzten veröffentlichten Zahlen des Malteser-Krankenhauses St. Carolus waren ebenso tiefrot: 2011 ein Verlust von 1,4 Millionen Euro. Dagegen verzeichnete das Oberlausitzer Krankenhaus in Zittau/Ebersbach einen Gewinn von mehr als zwei Millionen Euro, das Orthopädische Zentrum Martin-Ulbrich-Haus Rothenburg gab zuletzt den Überschuss für 2009 mit einer Million Euro an.

Und die Auswege? Zunächst Druck auf die Politiker machen, die Krankenhausfinanzierung zu verbessern. Den Koalitionsvertrag hält das Görlitzer Haus noch nicht für das Gelbe vom Ei. Außerdem hat das Klinikum seinen Masterplan fast vollständig umgesetzt, um die Strukturen effizienter zu gestalten und neue, verbesserte Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen. Da aber alle Krankenhäuser mit den gleichen Problemen kämpfen, wächst auch die Neigung zur Zusammenarbeit. Sowohl mit ambulanten Partnern oder Hilfsorganisationen wie ASB und DRK, die im Krankenhausgelände mit Kurzzeit- und Tagespflege sowie Logopädie, Ergotherapie und Sozialstation vertreten sind oder sein werden.

Und natürlich ist der Druck auch groß, mit den anderen Kliniken im Landkreis zusammenzuarbeiten. Schon vor drei Jahren brachte Landrat Bernd Lange das Modell einer Holding ins Gespräch, das nach einem Bürgerentscheid in Görlitz vorerst ohne das größte Haus in der Kreisstadt umgesetzt wird. Frau Holtzsch plädiert auch zunächst einmal für gemeinsame Projekte, um Vertrauen zu schaffen. Apothekenversorgung heißt solch ein Vorhaben, ein weiteres ist in Vorbereitung. Gerade die Bostelaar-Jahre hatten bei den Partnern in Zittau/Ebersbach oder bei den Maltesern viel Porzellan zerschlagen. „Nach den Jahren der Sprachlosigkeit, besonders 2010 und 2011, ist es jetzt ganz wichtig, wieder ins Gespräch zu kommen“, sagt die Görlitzer Geschäftsführerin. Eine verstärkte Kooperation lautet für sie eine Antwort auf die Veränderungen in der Krankenhauslandschaft. „Wenn nicht sogar mehr“, sagt sie. „Aber das ist eine politische Frage.“

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