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„43 Meter sind für den Turm kein Muss“

Das Hochhausprojekt am Dresdner Ferdinandplatz ist vorerst gestoppt. Warum Linke-Stadtrat Tilo Wirtz auf das Urteil der Denkmalschützer setzt.

Um die Höhe des neuen Turms wird in Dresden heftig diskutiert.
Um die Höhe des neuen Turms wird in Dresden heftig diskutiert. © Visualisierung: Barcode Architects

Der Turm-Streit zu Dresden geht in eine neue Runde. Die Frage, ob das neue Verwaltungszentrum auf dem Ferdinandplatz nun 43 Meter hoch werden soll, wie vom Stadtrat beschlossen, oder doch nur 39 Meter hoch, wie das Landesamt für Denkmalpflege fordert, hat das Projekt zwar zum Stillstand gebracht. Hinter den Kulissen wollen Denkmalschützer und Stadtverwaltung aber zueinanderfinden. Einen Kompromiss lehnt der Bauingenieur und Stadtrat Tilo Wirtz (Linke) allerdings vehement ab.

Herr Wirtz, Denkmalpfleger und Stadtplaner sprechen hinter verschlossenen Türen über die Höhe des Turms. Würde Sie ein Kompromiss schockieren?

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Das kann man nicht mit einem Kompromiss abhandeln. Es geht hier um Ästhetik. Ich habe schon im Bauausschuss mit Visualisierungen hergeleitet, dass jeder Zentimeter zu viel die Frauenkirche aus einer ganz prominenten Blickrichtung verdecken würde. Vom Bismarckturm an der Räcknitzhöhe aus gesehen, würde sich auch ein 43 Meter hoher Turm noch so vor die Frauenkirche schieben, dass nur noch ein Teil der Kuppel zu sehen wäre. Deshalb 39 Meter, das wäre immer noch ein Hochhaus.

Um genau diese Ansicht von der Südhöhe ins Zentrum geht es Linke-Stadtrat Tilo Wirtz. Würde der Turm auf dem Ferdinandplatz gebaut, würde dieser Teile der Frauenkirche und des Rathauses verdecken, sagt er.
Um genau diese Ansicht von der Südhöhe ins Zentrum geht es Linke-Stadtrat Tilo Wirtz. Würde der Turm auf dem Ferdinandplatz gebaut, würde dieser Teile der Frauenkirche und des Rathauses verdecken, sagt er. © Sven Ellger

Was würde passieren, wenn sich die Denkmalpfleger durchsetzen und der Turm auf 38 Meter gekürzt wird?

Wenn man die Satzung so ändert, dass das Hochhaus kleiner werden muss, dann reden wir über eine neue Offenlegung mit allen Fristen. Das heißt, wir verlieren mehrere Monate. Auf der anderen Seite sind Planung und Bau im Paket schon ausgeschrieben worden, dessen verbindliche Aufgabenstellung nicht mehr verändert werden kann. Das ist eine ganz brutale Aushebelung der gesetzlich verbrieften, öffentlichen Beteiligung.

Der 43 Meter hohe Turm kommt also auf jeden Fall?

Es sei denn, die Ausschreibung wird aufgehoben. Oder die Architekten sind so sensibel, dass sie von sich aus unter dieser Höhe bleiben. 43 Meter sind kein Muss. Wer uns das niedrigste Hochhaus anbietet, bekommt den Auftrag – das kann passieren.

Wem geben Sie die Schuld daran, sollte das Verwaltungszentrum nicht rechtzeitig bis 2025 fertig werden?

Das ist von der Stadtverwaltung selbstverschuldet. Nur gerüchteweise habe ich gehört, dass es wohl seit Mai schon eine vernichtende Stellungnahme des Landesdenkmalamtes gibt. Da ist für mich die Frage, was in den letzten drei Monaten eigentlich passiert ist. Uns Stadträten war im Februar eine Woche Zeit gegeben worden, noch einmal über den Entwurf nachzudenken.

Die SZ hatte damals über Sie als „Bremser vom Ferdinandplatz“ getitelt.

Das ist falsch gewesen. Der Bauausschuss hat schon vor zwei Jahren gewarnt und gesagt, visualisiert uns das Verwaltungszentrum vor Anfertigung des Entwurfes. Das ist nicht passiert. Dann hab ich mich selber auf die Socken gemacht und den Turm als Schattenmodell in das Stadtbild projiziert. Sehr vorsichtig, weil ich mich nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, zu übertreiben. Daraufhin hat das Stadtplanungsamt von sich aus diese Vorlage verschoben, von November 2018 auf Januar dieses Jahres, zunächst um auf dem Entwurf zu beharren, dann um zehn Meter nachzugeben. Zuletzt haben wir über spontan in den Raum geworfene Höhen abgestimmt. Durch die Politik, die rechtzeitig auf Konflikte hingewiesen hatte, ging kein Tag verloren. Aber ein paar Tage mehr zum Nachdenken hätten die jetzigen Probleme mit der Denkmalpflege und der Ausschreibung vermeiden können.

Was spricht aus Ihrer Sicht gegen ein Hochhaus auf dem Ferdinandplatz – egal ob 43 Meter oder 39 Meter hoch wie die Dachspitze des benachbarten Rathauses?

39 Meter wären kein Problem. Darüber greift man aber in ein Panorama ein, das bewahrt werden muss. Wenn man von der Südhöhe schaut, blickt man über die DDR-Hochhäuser. Die werden umso niedriger, je näher man an die Stadtkrone herankommt, die Altstadtsilhouette ist erlebbar. Auch historisch war der Ferdinandplatz ein Tiefpunkt in der Stadt. Dort befand sich das Vorfeld der Stadtmauer. Da war immer Feld, damit Belagerer bekämpft werden konnten.

Stören Sie Hochhäuser in Dresden generell?

Es geht nicht um die Verhinderung von Hochhäusern generell, sondern darum, Respekt und Abstand zum Bestehenden zu wahren. Diese Altstadt ist eines der beeindruckendsten Stadtpanoramen Europas, wenn nicht weltweit. Es gibt den berühmten Canaletto-Blick, es gibt die Lage im Elbtal von Süden aus gesehen. Wir sollten auf die Landesdenkmalpflege hören, weil man mit einem Hochhaus an dieser Stelle eine Kettenreaktion auslöst. Weil der Nachbar aus ökonomischen Gründen auf seinem Grundstück auch eins bauen möchte. Dann mauert man die Dresdner Innenstadt ein und sieht von der Altstadt nichts mehr. Dresden würde seine Einmaligkeit verlieren. Nach den ursprünglichen Plänen der Stadt hätten Synagoge, Hygienemuseum und Hofkirche einen „Hut“ bekommen, nur weil niemand die Auswirkungen auf die Umgebung prüfte.

Sehen Sie in Dresden passende Standorte für Hochhäuser?

Man muss vermeiden, dass die Sicht von den Elbhängen auf die Stadt blockiert wird, und umgekehrt. Und man muss aufpassen, dass die Hochhäuser mit einigem Abstand zum Stadtzentrum gebaut werden und dann allmählich höher werden. Dann schaut man vom Hang aus darüber. Die Ost- und Westseite Dresdens bieten sich an. Leuben zum Beispiel, wo schon Hochhäuser stehen. Außerdem wird man sich darüber unterhalten müssen, ob das Hochhaus am Kraftwerk Mitte gebaut werden kann. Ich würde das nicht generell ablehnen. Man muss einfach prüfen und dann entscheiden, ob es stört. Planung kann schiefgehen, keine Planung geht immer schief.

Wie soll es jetzt mit dem Ferdinandplatz weitergehen?

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Für mich ist die Stadtverwaltung vollkommen intransparent. Was ich von den Problemen weiß, weiß ich aus der Zeitung. Ich verlange, dass die Karten auf den Tisch gelegt werden, dass der Baubürgermeister eine Pressekonferenz gibt, vielleicht mit der Kulturbürgermeisterin zusammen, und dass uns beide erklären, wie der Stand der Dinge ist. Die Diskussion gehört in die Öffentlichkeit und nicht in Hinterzimmer. Die Stadtgesellschaft soll mitreden können. Eigentlich müsste man im Stadtplanungsamt auch über personelle Konsequenzen nachdenken. Vielleicht sollte jemand mit mehr Sensibilität für die Altstadt ausgesucht werden. Das muss man auch teilweise den Architekten sagen, die hier planen. Sie setzen sich zu wenig mit der Verletztheit dieser Stadt auseinander. Dresden ist einmal durch die schwere Zerstörung verletzt worden und dann noch einmal durch einen nicht demokratisch legitimierten, radikal-modernen Aufbau in der DDR. Wer unsensibel mit diesen Betroffenheiten und dem baulichen Erbe umgeht, riskiert am Ende die Akzeptanz moderner Architektur in Dresden, auch von Hochhäusern.

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