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Wie der junge Schöne eine Radeberger Witwe begeisterte…

Die SZ erzählt Geschichten aus dem alten Rödertal. Heute: ein vermeintlicher Mediziner.

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Von Hans-Werner Gebauer

Ein aus heutiger Sicht eigenwilliger Vermerk ist im Radeberger Stadtratsprotokoll vom 29. März 1831 zu finden: „Der Witwe Schuster 21 Groschen auf 16 Groschen abgesenkt, der junge Schöne davon 2 Groschen für Aufsicht über die Witwe, dafür Wohnung zugewiesen“. Was nicht darin steht, wird wenig später beim Blick in Gerichtsakten deutlich, denn der „junge Schöne“ muss sich vor Gericht erklären. Die Witwe Anna Rosina Schuster sagt vor dem Stadtgericht aus: „Beliebt es demjenigen mich zu ihm zu führen, denn ich habe einen Zustand unter den Uchsen, welche mir Schmerzen verursacht, wenn er mir helfen kann, will ich ihm geben, was ich gerade haben würde“. Mit den Uchsen ist die Höhlung unter den Achseln gemeint.

Der gerade mal 19-jährige Schöne gibt sich als „Salbender“ aus. Als Masseur also. Im Gerichtsverfahren hält er einen längeren Vortrag über „Witwenbetreuung“, was eine „Heilkunst“ sei. Seine Spötter und „üblen Nachredner“ an den Stammtischen ziehen alles „in den Dreck dummer Phantasien“. Dabei ist die Witwe, die sich möglicherweise in den jungen Mann verliebt hatte, nicht ganz unschuldig an der üblen Nachrede. Auf dem Wochenmarkt hatte sie Freundinnen von den Künsten ihres „Aufsehers“ erzählt und Begehrlichkeiten geweckt. Die kleine Wohnung wird zum „Institut des thätigen Salbens“, es werden unversteuerte Einnahmen erzielt und die Kunst des „jungen Schöne“ wird bis Dresden und Großenhain bekannt. Es seien öfter gleich mehrere Frauen zu Gast, gibt der Gendarm Fiedler als Zeuge zu Protokoll. Merkwürdigerweise kommt es zu keiner Strafe. „In den Begehrlichkeiten der Medizin für ältere Weiber soll man nicht unbedingt richten“, war einer jener merkwürdigen Niederschriften.

Doch es gibt wahrscheinlich einen handfesten fiskalischen Grund. Dem Radeberger Steuereinnehmer Klette waren Erlöse aus den Konzessionen für Heilpraktiker, Chirurgen und Zahnkünstler am Stadtrat vorbei direkt zugeschrieben. Dafür hatte er die Aufsicht über die Berufe. Hinzu kamen in jenen Tagen bedeutende Zahlungsausfälle für ihn aus der „Jagdgeld-Service-Casse“. Im Übrigen wurde der Gendarm Fiedler angewiesen, „die Aufsicht der Wohnung und des jungen Schöne im Sinne der städtischen Gesetze nach seinen Möglichkeiten wahrzunehmen“. Schöne war mindestens bis 1838 auf der Pirnaischen Gasse tätig.