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Dynamos neue Führungskraft

Niklas Kreuzer ist kein Lautsprecher, trotzdem bestimmt ihn der Trainer zum Kapitän. Ist das ein Widerspruch?

Niklas Kreuzer ist seit gut fünf Jahren bei Dynamo – und jetzt einer von vier Kapitänen.
Niklas Kreuzer ist seit gut fünf Jahren bei Dynamo – und jetzt einer von vier Kapitänen. © Lutz Hentschel

Der Wolf ist zurück in Sachsens Wäldern, ein Artverwandter jedoch vom Aussterben bedroht. Den Leitwolf gibt es im Fußball immer seltener: Einen Anführer vom Stile eines Stefan Effenberg oder Michael Ballack, einer also, der die Mitspieler auf dem Platz mal zur Sau macht und auch nach außen gern das Maul aufreißt. So einer ist Niklas Kreuzer nicht. Er ist ein smarter, sympathischer Bursche, was nicht heißen soll, dass er nichts zu sagen hätte. Er tut es lieber in normaler Tonlage kund.

Trotzdem ist er neuer Kapitän bei Dynamo. Oder gerade deshalb. Es ist eine andere Spielergeneration, die Hierarchien sind längst nicht mehr so streng wie früher, als die jungen Spieler die Bälle zu schleppen und den Schnabel zu halten hatten. Die in den Nachwuchsakademien groß geworden sind, bringen ein anderes Selbstverständnis mit – und das ist durchaus gewünscht. Schließlich sollen sie auf dem Rasen genauso auftreten, also ohne Manschetten zu haben. Wer sich in der Kabine nur wegduckt, wird draußen kaum selbstbewusst agieren.

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Mit Trainer Cristian Fiel hat Niklas Kreuzer (r.) noch zusammengespielt.
Mit Trainer Cristian Fiel hat Niklas Kreuzer (r.) noch zusammengespielt. © Lutz Hentschel

Wenn das so ist, könnte man meinen, brauche es keinen Kapitän mehr – außer für die Seitenwahl vielleicht. Aber das wäre ein falscher Schluss. Gerade weil in einer Mannschaft nicht ein Einzelner kraft seines Amtes bestimmen soll, muss es welche geben, die auf das achtgeben, was man gemeinhin als Teamgeist bezeichnet. Cheftrainer Cristian Fiel hat dafür gleich ein Quartett auserkoren, jene vier Spieler, die am längsten im Verein sind. Kreuzer ist seit 2014 in Dresden und trägt in Abwesenheit des verletzten Marco Hartmann die Binde, die ihn als Spielführer ausweist.

Dabei ist es erstaunlich, dass er überhaupt noch für Dynamo aufläuft, denn um einen Stammplatz schien er vergeblich zu kämpfen. Selbst nach guten Leistungen fand er sich oft auf der Bank wieder und hat deshalb im Herbst 2017 sogar mal in einem Interview gefragt: „Warum trifft es immer mich als Ersten?“ Damals musste er für Paul Seguin raus, der von Wolfsburg ausgeliehen worden war und inzwischen bei Greuther Fürth spielt. „Es war nicht so, dass ich mich zu Hause eingeschlossen und mir die Decke über den Kopf gezogen habe“, meinte Kreuzer damals. „Ich habe mich nach solchen Rückschlägen nie hängen lassen.“

Fiel: Mannschaft kann viel klären

Mit dieser Einstellung ist er quasi prädestiniert für eine Führungsrolle, also Vorbild zu sein. So versteht er den Auftrag des Trainers, mit dem er selbst noch bei Dynamo zusammengespielt und zu dem er ein vertrauensvolles Verhältnis hat. „Fielo hat uns klar gesagt, was er sich vorstellt“, meint der in München geborene Kreuzer. Die vier Kapitäne sollen selbstverständlich auf dem Platz vorangehen, aber auch in der Kabine auf die Kleinigkeiten achten, die das Klima vergiften können. „Ich finde, dass viel von der Mannschaft geregelt werden kann“, sagt Fiel. „Ich glaube, das ist uns in der vergangenen Saison nicht so gut gelungen.“

Das ist zumindest ein Erklärungsansatz für die fehlende Konstanz und muss abgestellt werden. „Wenn man eine homogene Mannschaft ist, wirkt sich das auf die Leistung aus“, erklärt Kreuzer. „Es geht um die Kleinigkeiten, die immer mal wieder aufgetreten sind und unheimlich viel Energie gekostet haben.“ Ein Poltergeist ist dafür wahrscheinlich weniger tauglich, als einer, der sensible Antennen hat für die Schwingungen in so einer Gruppe. Er werde darauf achten, „dass es nichts Unnötiges gibt, worüber wir jede Woche diskutieren, sondern alles einwandfrei läuft“.

Einen solchen Typ will Fiel an seiner Seite wissen, der erkennt, „wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen soll, oder einer ausschert“. Er wolle nur einschreiten, wenn sie es nicht hinbekommen, kündigt der Chefcoach an. Es ist also außer der großen Ehre und dem Stolz, von dem Kreuzer spricht, vor allem eine hohe Verantwortung. Dieser stellt er sich, muss dafür aber nicht mit angespannter Miene durch die Gegend laufen.

Er ist ein lockerer, aufgeschlossener junger Mann, wobei er mit seinen 26 Jahren am Samstag beim Saisonstart gegen Nürnberg tatsächlich nach Chris Löwe (30) als der zweitälteste Spieler in der Startelf stand. Er ist also auch in dem Alter, den jüngeren Spielern einen Rat geben zu können. Dafür muss er kein Lautsprecher sein, vielmehr kann er aus Erfahrung sprechen.

Zum Beispiel, wenn einer murrt, weil er selten spielt. Das ist programmiert bei einem Kader von derzeit 25 Spielern, die ersten Härtefälle gab es schon beim Auftakt. Dessen ist sich auch Fiel bewusst. „Das ist es, was ich den Jungs gesagt habe: Ich darf nur elf aufstellen. Die anderen hätten es genauso verdient gehabt“, sagt der Cheftrainer – und räumt ein: „Das war schon schwer.“ Andererseits ist es unabdingbar, für jede Position mindestens eine gleichwertige Alternative zu haben.

Devise für schlechte Phasen

Wie man mit seiner Unzufriedenheit umgeht, hat Kreuzer vorgelebt. „Natürlich gab es immer mal Hindernisse, auch ein, zwei Trainer, die nicht zu jeder Zeit überzeugt von mir waren“, sagt er. Seine Devise für schlechte Phasen: Kühlen Kopf bewahren. „Ich habe mir gesagt: Junge, letztlich hast du dich immer durchgesetzt, egal welche Steine dir in den Weg gelegt wurden.“ Für seine Entwicklung als Fußballer und Persönlichkeit seien diese negativen Erfahrungen sogar wichtiger gewesen als die positiven wie der Aufstieg 2016 oder das erste Jahr in der zweiten Liga.

Nun fühlt er sich bereit für die neue Rolle. Seinen Vertrag bei Dynamo hat er im Februar für drei weitere Jahre bis Juni 2022 verlängert, als er seine Beförderung nicht mal ahnen konnte. Ob sie ein verdienter Lohn ist? Diese Frage wird ihm gestellt, aber er stellt sie sich nicht. „Ich habe immer gesagt, dass ich mich hier extrem wohlfühle.“ In diesem Sinne versteht er sich als Führungskraft, nicht als Leitwolf.

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