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Wie der Neufert-Bau für Furore sorgt

Die Denkmalkommission in Weißwasser hat viel vor, aber wenig geschafft. Das hat nicht nur finanzielle Gründe.

Eine Stahlkonstruktion am Neufert-Bau bietet „Un/gewohnte Ansichten“. Der Blick wird gerahmt und ist doch frei, finden Gregor Schneider, stellvertretender Vorsitzende des Neufertbauvereins, und Vereinsmitglied Steffen Müller.
Eine Stahlkonstruktion am Neufert-Bau bietet „Un/gewohnte Ansichten“. Der Blick wird gerahmt und ist doch frei, finden Gregor Schneider, stellvertretender Vorsitzende des Neufertbauvereins, und Vereinsmitglied Steffen Müller. © Joachim Rehle

Der Neufert-Bau ist eine der Top-Adressen in Weißwasser. Spätestens seit dem Jahr der Moderne, welches 2019 zum Jubiläum von 100 Jahre Bauhaus begangen wurde, sind Weißwasser und Neufert auch bundesweit ein Begriff. Mit einem von Bund und Freistaat finanzierten Projekt war der Neufert-Bau kunstvoll in Szene gesetzt worden. Aber nicht nur das. Das 1936 durch den Projektanten und Bauherrn Prof. Ernst Neufert nach den Grundprinzipien von Bauhaus errichtete Gebäude fand auch sonst viel Aufmerksamkeit. 

So hatte beispielsweise eine Gruppe Architekturstudenten aus Frankfurt/Main das Objekt ganz genau betrachtet. Und zum Denkmalstag 2019 wurden in zwei Stunden mehr als 90 Besucher durch den Bau geführt. „Es war ein voller Erfolg“, resümierte Karl-Heinz Melcher. Der stellvertretende Vorsitzende der städtischen Denkmalkommission erstattete jetzt dem Stadtrat Weißwasser den bereits überfälligen Jahresbericht.

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Leider sei die Liste kurz, was geschafft oder vorwärtsgebracht wurde. Eine Lösung zeichnet sich für das Wandbild „Lebensfreude“ ab. Ursprünglich am Giebel der Aula der 5. Oberschule angebracht, war es nach deren Abriss 2012 in 25 Einzelteile zerlegt und eingelagert worden. Lange wurde diskutiert, wie es mit dem 1981 von Georgios Wlachopolus geschaffenen Fliesenbild weitergehen soll. Aus Standorten für die Wiederaufstellung etwa am Turnerheim oder am Kommunikationszentrum Schwerer Berg wurde nichts. Wie Karl-Heinz Melcher im Stadtrat erklärte, soll das Bild nun seinen Platz hinter dem Komplex am Autohaus Kieschnick finden. Die Stahlträger stehen bereits. Auch seien die Segmente des Wandbilds in einem erstaunlich guten Zustand. In der nächsten Woche werde ein Experte bewerten, welche Teile instandgesetzt werden müssten. „Die unendliche Geschichte wird nun ein glückliches Ende finden“, so der Denkmalschützer.

Die Liste über das, was nicht geschafft wurde, sei deutlich länger. So ist das Denkmalbuch „Weißwasser nördlich der Bahnlinie“ noch immer nicht erschienen. Es liegt seit 2018 vor, konnte jedoch noch nicht gedruckt werden. Auch mit den Informationstafeln an Baudenkmalen der Stadt sei man nicht weitergekommen. Die für den Neufert-Bau sei seit zwei Jahren fertig, konnte aber bisher nicht aufgestellt werden. Zu den beschädigten Skulpturen am Boulevard gebe es seit zwei Jahren ein Angebot. Passiert sei aber auch da – nichts.

Als „besonders peinlich und schon fast skandalös“ bezeichnete Karl-Heinz Melcher die Tatsache, dass die Denkmalkommission vor zwei Jahren beantragt habe, an Kriegsgräberstätten Schilder zu installieren, was vom Ordnungsamt der Stadt abgelehnt wurde. „In Bad Muskau, Gablenz, Kromlau... überall geht das, nur in Weißwasser nicht“, kritisierte er und bat Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) um Hilfe. Ansonsten sehe man sich gezwungen, sich an den Landrat zu wenden.

Denkmalstag 2020 nur virtuell

Der OB verwies auf „haushalttechnische Gründe“, dass man manches nicht angehen konnte. Und auch der Denkmalschützer benannte als Hauptgrund die fehlenden finanziellen Mittel. „Wir haben lange Zeit im eigenen Saft geschmort. Ohne Geld konnte uns die Verwaltung auch nicht helfen“, sagte er. Die unbefriedigende Situation konnte dahingehend entspannt werden, dass mit einer engagierten Mitarbeiterin der Bauverwaltung die Kommission nun wieder eine Ansprechpartnerin hat.

In diesem Jahr soll endlich das Denkmalbuch gedruckt werden. Auch sei man dabei, die Risse an der Keramikskulptur „Seelöwe“ der Weißwasseraner Künstlerin Dorothea von Philipsborn (1884 – 1971) in der Kita Ulja zu beseitigen. Im Mai gab es an der 2009 restaurierten Skulptur einen Lokaltermin mit Vertretern des Landesamtes für Denkmalpflege, die es befürworten würden, den „Seelöwen“ in einem Raum unterzubringen. An der jetzigen Stelle werden wegen der unterschiedlichen Temperaturen auf der Licht- und der Schattenseite immer wieder Spannungsrisse auftreten.

In Sachen Volkshaus sei zu klären, ob der Küchen-Anbau ebenfalls unter Denkmalschutz steht. Allerdings wäre das für eine Nutzung mehr als hinderlich. Dass es für das Volkshaus noch immer keine konkreten Pläne, geschweige denn eine Lösung gibt, bezeichnete Karl-Heinz Melcher als „untragbaren Zustand“.Der Tag des Denkmals wird wegen der Corona-Schutzmaßnahmen 2020 virtuell stattfinden. Doch die Herstellung eines 3D-Videos zum Beispiel für den Neufert-Bau sei „unglaublich aufwendig“, weshalb sich der Neufertbau-Verein wohl nicht an dem Aktionstag im September beteiligen wird.

Karl-Heinz Melcher dankte Günter Segger, der nach zwei Jahren als Vorsitzender der Kommission aus Weißwasser weggezogen ist, womit die Arbeit wieder auf ihn selber falle. Er würde sie gerne in jüngere Hände geben. „Weißwasser hat im Vergleich zu anderen Städten viel weniger Kulturdenkmäler. Mit denen, die wir haben, sollten wir sorgsam umgehen“, mahnte er.In dieser Sitzung hatte der Stadtrat auch die ehrenamtlichen Mitglieder der Denkmalkommission bis 2024 zu bestellen. Ihr gehören Annemarie Petrick, Roland Ladusch, Karl-Heinz Melcher, Steffen Müller, Lutz Stucka sowie die Stadträte Gudrun Stein (Linke), Kathrin Jung (SPD) und Jens Glasewald (AfD) an. Der Beschluss darüber erging einstimmig.

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