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Wie der Restaurant-Besuch im Winter klappen könnte

Das Ende des Corona-Sommers naht, die Wirte bangen – denn viele Gäste wollen nicht drinnen sitzen. Ideen, wie die Gastronomie überleben kann.

Gastronomen und Politik treibt die Frage um, wie ein Corona-sicherer Restaurantbesuch im Herbst und Winter aussehen soll.
Gastronomen und Politik treibt die Frage um, wie ein Corona-sicherer Restaurantbesuch im Herbst und Winter aussehen soll. © Robert Michael/dpa

Von Maria Fiedler und Ronja Ringelstein

Für Dirk Zander gibt es keinen Zweifel. „Die Menschen haben Angst“, sagt der Gastronom. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner betreibt er in Prenzlauer Berg die „Oderquelle“, ein alteingesessenes Restaurant mit deutscher Küche. Etwa 50 Plätze kann Zander im Freien anbieten – und bei schönem Wetter brummt der Laden, trotz Corona. Zander hat viele Stammgäste. „Aber sobald ein Regentag ist, ziehen die Leute ihre Reservierungen zurück. Sie wollen nicht in geschlossenen Räumen sitzen“, sagt er. Da nützt es auch nichts, dass er alle Hygienevorgaben einhält.

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Die Erfahrung macht Zander Sorgen. Denn der Sommer ist zwar noch heiß, aber bald vorbei. Wie soll es im Herbst und Winter weitergehen, wenn es immer ungemütlicher draußen wird? Zander lacht kurz auf und sagt: „Wenn wir das wüssten.“

Die Sorge vor einer Pleitewelle ist groß

Die Frage beschäftigt derzeit alle Gastronomen. Schon jetzt steigen die Infektionszahlen, das Robert-Koch-Institut warnt vor Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen. In Berlin sind zehn Prozent der Corona-Infektionen der vergangenen vier Wochen auf Ausbrüche in Gaststätten zurückzuführen. Im Herbst und Winter dürfte sich die Situation nur verschärfen. „Die Sorge unter den Gastronomen vor einer Pleitewelle ist groß“, sagt Ingrid Hartges, die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga).

Eine aktuelle Umfrage des Dehoga zeigte, dass 60 Prozent der Betriebe in der Branche um ihre Existenz bangen. Laut Statistischem Bundesamt fielen die Einnahmen im Gastgewerbe zwischen Januar und Juni um 38,4 Prozent geringer aus als im Vorjahreszeitraum. „Wir fürchten, dass ein Teil der Betriebe, die schon jetzt in einer prekären Lage sind, im Winter aufgeben müssen“, sagt Hartges dem Tagesspiegel.

Gastronomen und Politik treibt die Frage um, wie ein Corona-sicherer Restaurantbesuch im Herbst und Winter aussehen soll. Auch die Gäste wollen nicht wieder auf das Aus- und Essengehen verzichten. Muss die Branche neue Wege gehen?

Lockdown im April: Absperrband ist um die Tische und Stühle vor einem Restaurant gezogen.
Lockdown im April: Absperrband ist um die Tische und Stühle vor einem Restaurant gezogen. © Michael Reichel/dpa

Eine Lösung liegt auf der Hand: nämlich die Verlängerung der Außensaison. Viele Gastronomen haben in der Corona-Krise ihre Außenfläche mit Erlaubnis der Kommunen ausdehnen dürfen, auf Bürgersteigen und Parkplätzen. Hartges appelliert an die Kommunen die Genehmigungen für den Herbst und Winter zu verlängern. Mit Markisen, Windschutz und Vorbauten ließe es sich auch bei kühleren Temperaturen draußen aushalten. Auch Decken können helfen. Doch allen ist klar, dass sich selbst bei einem goldenen Herbst die Saison im Freien nicht ewig ausgedehnt werden kann.

Die Debatte um die Heizpilze ist zurück

Und so ist in vielen Städten jetzt die Diskussion um die Heizpilze zurück. Mit Gas betrieben spenden sie Wärme auch im Freien, sind aber in vielen Städten schon seit Jahren verboten. Ihre Umweltbilanz ist schlecht. Auch Elektroheizstrahler sind wegen ihres hohen Stromverbrauchs umstritten. Doch weil in diesem Jahr die Beheizung der Außenflächen besonders wichtig für die Gastronomen wäre, fordert Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Hartges: „Die Kommunen, die derzeit ein Verbot von Heizpilzen haben, sollten es in diesem Herbst und Winter aussetzen.“

In der Stadt Tübingen, die eigentlich ein Vorreiter beim Heizpilz-Verbot war, ist es schon so weit: Oberbürgermeister Boris Palmer hat eine Aussetzung des Heizpilz-Verbots für diesen Winter in Aussicht gestellt. Laut einer Stadtsprecherin wird derzeit lediglich noch geprüft, welche Art von Beheizung energetisch am besten ist. Muss also der Umweltschutz in diesem Winter zurückstehen?

In Berlin herrscht völlige Uneinheitlichkeit

Auch in Berlin gibt es viele Ideen, wie den Gastronomen geholfen werden kann – aber besonders die Heizpilzfrage ist umstritten. Zuständig sind die Bezirke. In einigen von ihnen herrscht seit Jahren ein Verbot von Heizpilzen. Das Verwaltungsgericht Berlin stellte 2009 sogar klar, dass das Aufstellen von Heizstrahlern aus Gründen des Klimaschutzes vom zuständigen Straßen- und Grünflächenamt versagt werden kann. Aber nicht muss. Und angesichts einer Wirtschaftskrise könnten nun einige wieder von dem Verbot abrücken.

Die Diskussion war vor und zehn Jahren im Zuge des Rauchverbots in Kneipen aufgekommen. Gastronomen befürchteten Einbußen, wenn sie im Winter ihre Gäste zum Rauchen vor die Tür schicken sollten. Also schafften sich viele von ihnen Heizstrahler an. Gerade bei den gasbetriebenen ist der CO2-Ausstoß allerdings erheblich. Dann folgte in manchen Bezirken das Verbot – zumindest im öffentlichen Straßenland.

Die Berliner CDU und FDP fordern jetzt in der Pandemie mehr Flexibilität. Zu der sind aber nicht alle bereit, wie Anfragen des Tagesspiegels bei den Bezirken zeigen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hatte bereits vor Monaten „Gastro-Meilen“ erlaubt und extra Fahrbahnen gesperrt, damit Tische und Stühle ausreichend Platz bekommen. Vom Umweltschutz will man in dem grün-regierten Bezirk aber nicht abrücken. „Heizpilze oder Zelte werden in Friedrichshain-Kreuzberg zum Einsatz in der Außengastronomie nicht genehmigt“, heißt es aus dem Bezirksamt.

Vielerorts sind die sogenannten Heizpilze aus Umweltschutzgründen verboten.
Vielerorts sind die sogenannten Heizpilze aus Umweltschutzgründen verboten. © dpa

Da ist man in Charlottenburg-Wilmersdorf, wo ein Verbot ebenfalls grundsätzlich gilt, offener. Der zuständige Bezirksstadtrat Arne Herz (CDU) sagte, dass eine Aufhebung des Heizpilzverbots „je nach Dauer des Pandemiegeschehens vorstellbar“ sei. Es würden aktuell Ideen gesammelt, wie man den Gastronomen auch in der kühleren Jahreszeit entgegenkommen könne.

Auch in Pankow sind Heizstrahler verboten. Hier geht man auf Nachfrage allerdings davon aus, dass man daran gar nichts ändern könnte, da es sich um eine „Vorgabe des Landes“ handele. Und in anderen Bezirken, wie beispielswese Treptow-Köpenick existiert ein generelles Heizpilzverbot gar nicht. Hier hängt die Genehmigung aber unter anderem von Emissionswerten ab.

Da berlinweit völlige Uneinheitlichkeit herrscht, könnten für die Gastronomen Nachteile entstehen – je nachdem, ob das Restaurant nun in Pankow oder Zehlendorf steht. Die CDU fordert den Senat deshalb auf, tätig zu werden. Deren wirtschaftspolitischer Sprecher Christian Gräff fordert in der aktuellen Lage eine berlinweite Verordnung. Darin solle erstens stehen: „Die Gastronomie kann, bis auf eine Durchgangsfläche von 1,50 Meter für Fußgänger, auf Gehwegen die Straßenflächen kostenfrei nutzen.“ Zweitens: Die Gastronomen sollen die Nutzung der Flächen nicht extra beantragen müssen, sondern es solle eine „Genehmigungsfiktion“ gelten. Und: Wärmestrahler sollten mit einer Verordnung berlinweit zugelassen werden, um Gastronomie im Außenbereich auch in kälteren Jahreszeiten zu ermöglichen.

Lieber zehn Zelte als eine illegale Party

„Der Senat hat sich null Gedanken gemacht“, kritisiert Gräff. Deswegen fordert er außerdem alle 14 Tage einen Jour Fixe des Senats mit dem Dehoga und Gastronomen, um die Lage zu diskutieren. Auch eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes, für die sich Berlin einsetzen müsse, und ein Aussetzen der City-Tax, würden dem Gastro-Gewerbe helfen, glaubt Gräff.

Auch der Berliner FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja fordert, berlinweit Heizpilze für diese „besondere Saison“ zuzulassen. Außerdem müssten die gewährten Sondernutzungsrechte für Flächen übers Jahresende hinaus verlängert und Genehmigungen für Überdachungen unkompliziert erteilt werden. Er sehe lieber „zehn Zelte mehr auf dem Bürgersteig, als eine illegale Corona-Party im Park“, sagte Czaja.

Entgegen der Vorwürfe aus der Opposition, betont die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe: „Wir stehen in engem Austausch mit allen Akteuren, unter anderem mit der Dehoga“. Die Überlegungen bezögen sich sowohl auf den Außenbereich der Restaurants wie auch auf den Innenraum. „So können Lüftungsanlagen, die die Raumluft nach außen abziehen und frische Luft aus der Umgebung in die Innenräume bringen, für eine Verbesserung der Lüftung im Innenbereich sorgen“, sagte ein Pressesprecher.

Glühwein-Verkauf und Eisstockschießen?

Eine stadtweite Verordnung, Heizpilze zuzulassen, ist aber vom rot-rot-grünen Senat nicht zu erwarten. Auch das Wirtschaftsressort ist mit Ramona Pop Grün-geführt. Ihr Sprecher schreibt: „Vor dem Hintergrund der Klimakrise sind Heizpilze im Freien keine umweltfreundliche und intelligente Lösung.“ Die Entscheidung einiger Bezirke für ein Verbot sei gut begründet und nachvollziehbar. „Die derzeitige Krise ist auch eine Chance, neue und energieeffiziente Entwicklungen zu fördern. Unsere Überlegungen für die post-Corona-Zeiten sollten nicht rückwärtsgewandt und auf überholte Technologien ausgerichtet sein“, heißt es aus der Senatswirtschaftsverwaltung. Und auch die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sieht den Einsatz von Heizpilzen auf Nachfrage „äußerst kritisch, da auf diese Weise der Klimaschutz unterminiert wird“.

Doch die Debatte könnte in den kommenden Wochen bundesweit noch an Fahrt aufnehmen. Denn auch aus der Bundespolitik kommt die Forderung nach einer Ausnahme vom Heizpilzverbot. „Heizpilze sind umweltpolitisch problematisch, einen verantwortlichen Einsatz in diesem Ausnahmejahr 2020 sollten wir aber zulassen“, sagt der tourismuspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Marcel Klinge. Grundsätzlich greife diese Debatte aber zu kurz. „Um eine massive Pleitewelle unter den Gastronomen zu verhindern, muss die Bundesregierung eine Verlängerung der Überbrückungshilfen bis mindestens Ende des Jahres auf den Weg bringen.“

Für Kellner ist das Masketragen mühsam.
Für Kellner ist das Masketragen mühsam. © SZ/Uwe Soeder

Für Berlin dürfte auch spannend sein, wie sich die Lage in anderen Städten entwickelt. Die Münchner CSU zum Beispiel hat einen Antrag in den Stadtrat eingebracht, der auch auf kreative Lösungen setzt. Darin wird nicht nur gefordert, dass die Gaststätten ihre Freiflächen im Freien im Winter weiter betreiben dürfen, sondern auch andere Nutzungsarten erlaubt sein sollen. Etwa Glühwein-Ausschank, Würstchenverkauf oder das Eisstockschießen, das in München sehr beliebt ist. CSU-Stadtrat Alexander Reissl hat auch einen Kompromissvorschlag zum Heizpilz-Streit: Die Gastwirte könnten auf Elektro-Wärmestrahler setzen und nachweisen, dass sie grünen Strom nutzen.

Langfristig hoffen die Gastwirte aber, dass auch das Drinnensitzen wieder für die Gäste attraktiver wird. Hartges vom Dehoga setzt deshalb darauf, dass es demnächst genauere Erkenntnisse darüber gibt, wie gut die Luftreinigungsgeräte der verschiedenen Hersteller funktionieren.

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Der Berliner Gastwirt Zander will sich darauf nicht verlassen. Auch von Heizpilzen ist er kein Fan. „Wegen Corona den Umweltschutz über Bord zu werfen – das kann es nicht sein.“ Er ärgert sich derzeit vor allem über eines: dass in vielen Gaststätten die Hygienevorschriften nicht eingehalten werden. Er nehme auch kaum Kontrollen wahr. „Ab dem Moment, wo Maskenpflicht und Abstandsregeln scharf kontrolliert werden und sich alle daranhalten – ab da haben die Leute auch ein Sicherheitsgefühl drinnen.“

Zander hofft jetzt erstmal, dass es einen perfekten Herbst gibt. „Und vielleicht kommen die Leute danach mit Decken und dicken Jacken und sagen: Lasst uns einfach Happening draus machen.“       

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