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Wie die Angst vor Stalin die DDR prägte

Die DDR-Gründergeneration um Walter Ulbricht verharrte in Nibelungentreue zur SU. Entsprechend „beliebt“ waren die „Russenknechte“ in der Bevölkerung.

Ein symbolkräftiges Bild aus dem Jahr 1952: Am Gerüst eines Baus an der Berliner Stalin-Allee hängt der sowjetische Diktator dominierend über seinen Vasallen Otto Grotewohl, Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht.
Ein symbolkräftiges Bild aus dem Jahr 1952: Am Gerüst eines Baus an der Berliner Stalin-Allee hängt der sowjetische Diktator dominierend über seinen Vasallen Otto Grotewohl, Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht. © bpk / Max Ittenbach

Von Christian Ruf

Als der Kommunist Erwin Jöris 1946 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft kam, konnte er nicht umhin, sich zu wundern: „So, nun sind ja alle Nazis von Lichtenberg in der SED“, meinte er zu einem Verwandten in der Kreisleitung. Das sah die Bevölkerung nicht anders, hinter vorgehaltener Hand ging der Spruch um: „Die SED: der große Freund der kleinen Nazis.“ Es hatte schon vorher Zeiten der Übertritte gegeben.

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Das zeigt auch der Historiker Andreas Petersen im Buch „Die Moskauer“, eine Auseinandersetzung mit dem „Stalin-Trauma“, das die DDR nicht nur in den Anfangsjahren zutiefst prägte. So hält er fest, dass während der großen SA-Eintrittswellen Ende 1932, Anfang 1933 vermutlich jeder fünfte Berliner Kommunist ins rechte Lager überlief. Es dürfte mancher dabei gewesen sein, der erkannt hatte, dass die Stalinisierung längst den letzten Rest Realpolitik aus der Kaderpartei getrieben hatte.

Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, flohen viele Kommunisten in die Sowjetunion. Die war, wie der Autor festhält, nicht gerade eine Zuflucht für Verfolgte. Das Asylrecht wurde zwar propagandistisch hochgehalten, de facto aber restriktiv gehandhabt und nur in Ausnahmefällen gewährt. Die meisten deutschen Kommunisten waren bald geschockt, entsprach die triste Realität noch nicht mal ansatzweise dem, wofür sie gekämpft hatten. 

Massenmord im Gulag

Der Emigrant Karl Singvogel, Altkader seit dem Spartakusbund 1918, konnte von einer Diktatur des Proletariats nichts erkennen. Er sah nichts weiter als eine „Bonzokratie“. Nach vier Jahren hatte er genug und wollte „lieber in Deutschland verhaftet sein, als in der UdSSR bleiben“. Letztlich wurde er samt Sohn in einem der unzähligen Lager des Gulag-Systems erschossen.

Die deutschen Kommunisten, gerieten 1937/39 mitten in den großen Terror, als man über anderthalb Millionen Menschen verhaftete und die Hälfte von ihnen hinrichtete. Wie Petersen vermittelt, kamen im vermeintlichen Paradies der Arbeiterklasse mehr Spitzenkader der KPD ums Leben als im NS-Regime. Von den 131 ZK-Mitgliedern oder -Kandidaten starben 18 unter den Nationalsozialisten und 15 in den Händen der sowjetischen Geheimpolizei NKWD. 

Von den 68 höherrangigen deutschen KPD-Funktionären, die sich in die Sowjetunion geflüchtet hatten, starben 41 durch Hinrichtung oder im Lager. Zwei Drittel. Insgesamt kamen über tausend Deutsche gewaltsam ums Leben. Nicht wenige Kommunisten wurden zurück ins Dritte Reich abgeschoben. Heikler Befund: Die Nationalsozialisten steckten einfache KPD-Mitglieder nicht ins KZ. Man spekulierte stattdessen auf die Enttäuschungserzählungen in ihren Bekanntenkreisen. Vielfach zu Recht glaubte Hitler, deutsche Kommunisten müssten nur lange genug „drüben bleiben, um kuriert zu sein“.

Kein Wort über Hitler-Stalin-Pakt

Rund 1400 von ihnen kehrten nach dem Krieg aus der SU in die DDR zurück. Sie, die in der Regel stalinistische Denkschemata verinnerlicht hatten, bildeten hier den harten Führungskern. Bedingung: Man hielt sich an das Schweigegebot. Nur wer schwieg, genoss Vorzugsbehandlung, die Wohnungen, Medizin und Rente garantierte. Die ersten Jahre waren Stalin-Jahre, Zweifel und Fragen in der neu gegründeten SED nicht erwünscht. Die „Moskauer“ hätten sich sonst der eigenen Verstrickung stellen müssen. Denn jeder von ihnen hatte jemanden denunziert, um sich selbst zu retten. Und jeder wusste es vom anderen.

Kein öffentliches Wort fiel natürlich auch über den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 und die Folgen. Petersen erinnert daran, dass das Wort „Faschismus“ damals umgehend aus der Sowjetpresse verschwand, es über Nacht keine antifaschistischen Bücher, Theaterstücke und Filme in Stalins Reich gab und deutsche Politemigranten in Moskau schon mal auf offener Straße zur Eroberung Polens beglückwünscht wurden.

Walter Ulbricht erklärte damals: „Wer gegen die Freundschaft des deutschen und sowjetischen Volkes intrigiert, ist ein Feind des deutschen Volkes und wird als Helfershelfer des englischen Imperialismus gebrandmarkt“. Jeder, der einen antifaschistischen Krieg gegen Hitler befürwortete, wurde verunglimpft.

Die „Moskauer“ der DDR-Gründergeneration um Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck dominierten im Führungsgremium der Partei sowie im Apparat. Sie verharrten in Nibelungentreue zur russischen Besatzungspolitik, mochte die auch noch so desaströs sein. Entsprechend „beliebt“ waren die „Russenknechte“ in der Bevölkerung auch alsbald. Allen voran Ulbricht, über den Petersen konstatiert: „Seine Härte, sein Dogmatismus und seine Gefühlskälte verfestigten sich in den Moskauer Jahren zu jenem Funktionärstypus, den Stalin zur Terrorherrschaft brauchte.“

Ohne Verrat kein Überleben?

Über die Kommunisten, die im Dritten Reich „bei der Stange“ geblieben waren, konstatiert er: „Die Propaganda brauchte die im Land Verbliebenen und ihre Leiden für den antifaschistischen Widerstandsmythos der Gesamtpartei. Aber nach innen begegneten die Moskauer ihnen mit Misstrauen.

Ohne Verrat sei das KZ nicht zu überleben gewesen, war ihre fixe Idee, die sie aus Moskau mitbrachten“ – und aus eigener Erfahrung. „Doch die ehemaligen KZ-Insassen waren selbstbewusst, organisationsstark, und damit für Ulbrichts hemmungsloses Machtstreben eine ständige Gefahr“. So formulierte es Buchenwald-Häftling Heinz Brandt. Die Moskauer gaben den KZ-lern allerlei Pöstchen. Im Gegenzug schwiegen auch sie.

Vor Geschichtsfälschungen schreckte man ebensowenig zurück. Manch Gulag-Überlebender erhielt nicht etwa einen Ausweis als Opfer des großen Terrors, sondern einen als NS-Verfolgter, samt Rente. Die konnte bei falschem Verhalten auch wieder aberkannt werden. „Wer Politemigrant ist, das bestimmen wir“, hieß es im ZK.

Wer von der Parteiprominenz nicht auf Linie blieb oder gar Kritik äußerte, wurde ausgeschaltet. Wie Arno Haufe, ehemals SED-Landessekretariatsmitglied in Sachsen, der 1948 zu 25 Jahren Lager verurteilt wurde. Oder Arno Wend, Dresdens große SPD-Hoffnung, den man nach Workuta verschleppte. Dort landete auch Ludwig Hoch, der Polizeipräsident von Sachsen. Wer konnte, floh. Die meisten konnten nicht.

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. S. Fischer Verlag, 368 S.,24 Euro

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