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Wie die Bahnhofstraße zur guten Lage wird

Andreas Lauer saniert ein Haus nach dem anderen. Er setzt ganz bewusst auf generationenübergreifendes Wohnen.

Andreas Lauer saniert für verschiedene Eigentümer die Bahnhofsstraße 16 (vorn), 17 (eingerüstet) und 18 (rechts daneben).
Andreas Lauer saniert für verschiedene Eigentümer die Bahnhofsstraße 16 (vorn), 17 (eingerüstet) und 18 (rechts daneben). ©  Nikolai Schmidt

Die ersten Mieter der Bahnhofstraße 18 waren noch skeptisch. Von ihren Balkonen blickten sie vor zwei Jahren in einen zugebauten Hinterhof mit einstürzenden Garagen. Doch Andreas Lauer vom gleichnamigen Görlitzer Immobilienbüro, der das Haus damals sanierte, versprach ihnen, dass sich das ändern wird. „Das glauben wir, wenn es so weit ist“, antworteten sie. Als sich das Bild dann tatsächlich änderte, haben sie sich gefreut, sagt Lauer nun.

Der 60-Jährige hat eine Mission: „Dass in die Bahnhofstraße eine andere Qualität einzieht und dass das Quartier von den Leuten angenommen wird.“ Konkret geht es ihm um den unteren Teil der Bahnhofstraße, zwischen Brautwiesenplatz und Krölstraße. Zusammen mit Planer Hagen Aye und einigen weiteren Enthusiasten ist Lauer hier seit vielen Jahren aktiv, hat den Gründerzeitquartier-Verein gegründet, Hinterhausruinen abgerissen, Wegeverbindungen quer durchs Quartier angelegt – und so manch einen Rückschlag einstecken müssen, weil Leute im Hinterhof ihren Müll wegwarfen, laut waren und zu Arbeitseinsätzen kaum einer kam.

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Gewerbeeinheit ist noch frei

Doch Lauer ist dran geblieben – und saniert derzeit für verschiedene Eigentümer ein Haus nach dem anderen. Die Nummer 18 mit zehn Wohnungen war vor zwei Jahren fertig und ist seither komplett und auch durchgängig vermietet. Die 16 mit zehn Wohnungen und einem Gewerbe wird in diesem Sommer fertig. Die ersten sechs Wohnungen sind vermietet, für den Rest und auch für das 108-Quadratmeter-Gewerbe im Parterre sucht Lauer noch. Im Oktober/November soll das Hinterhaus mit weiteren fünf Wohnungen fertig werden. Diese sind noch zu haben. Inzwischen hat auch die Sanierung der Nummer 17 begonnen – mit weiteren zehn Wohnungen. „Und danach kommt die 14 dran“, blickt er voraus. Warum er das alles macht? „Wenn wir es nicht tun würden, würde sich hier nichts verändern“, sagt er. Die positiven Rückmeldungen bestärken ihn – nicht nur von Mietern, sondern auch von Baufirmen: „Die freuen sich, dass sie an einer positiven Veränderung teilhaben dürfen.“

Allerdings funktioniere es nur Schritt für Schritt. Die Innenhöfe zuerst zu entkernen, war der richtige Weg, sagt Lauer. „Erst dadurch haben wir Interessenten gefunden, die hier investieren wollen.“ Zudem mussten Banken überzeugt werden. Und nun werden nacheinander die Häuser saniert. Die Nummer 18 hat 800 000 Euro gekostet, davon 105 000 Euro Fördermittel. Bei der größeren Nummer 16 rechnet er mit rund zwei Millionen Euro: 1,2 Millionen fürs Vorderhaus, 800 000 Euro fürs Hinterhaus. Für die 17 wird wohl die nächste Million draufgehen. Bei der 16 und 17 hat Lauer nach eigener Aussage keine Fördermittel mehr beantragt – außer für die Außenhülle des Hinterhauses, für die tatsächlich eine Summe fließt. „Der Aufwand bei den Fördermitteln ist so enorm, dass man es einfach sein lässt“, sagt Lauer. Großvermieter wie Kommwohnen seien da im Vorteil: „Die haben viele Leute, die sich um solche Sachen kümmern können.“ Ihm selbst fehle da schlichtweg die Zeit.

Tatsächlich ruft Kommwohnen Förderprogramme ab, um Häuser beispielsweise gezielt für Hartz-IV-Empfänger oder Senioren zu sanieren. Lauer hingegen setzt ganz bewusst auf generationenübergreifendes Wohnen: „Ich finde es nicht schön, wenn nur Alte auf einem Haufen wohnen.“ Das Klima im Haus sei besser, wenn mehrere Altersgruppen vertreten sind. Damit wolle er aber nicht gegen Kommwohnen schießen: „Die sind ja nicht die Einzigen.“ Ebenfalls in der Bahnhofstraße baue derzeit Advita die frühere Bahnpost für Senioren aus: „Dort kommen 33 Wohnungen neu auf den Markt, die vorher nie Wohnungen waren.“ Das führe sicher dazu, dass anderswo 33 Wohnungen leer werden. Und noch etwas führt Lauer ins Feld: „Reines Seniorenwohnen gibt es inzwischen genug.“ Für ihn sei die Mischung interessanter: „Die Wohnungen müssen so funktionieren, dass Senioren auch noch hier wohnen können.“

In der Bahnhofstraße heißt das: Die Häuser 16 und 17 erhalten jeweils einen Aufzug, der auch im Keller hält. Mieter kommen damit also von der Straße bis ins Bett – weitgehend ohne Schwellen. Die Konsequenz: Auch bei Lauer ziehen viele Senioren ein. Warum auch nicht, sagt er: „Es gibt in Görlitz nun mal überdurchschnittlich viele Rentner.“ Aber es ziehen auch junge Leute ein: „Die schätzen die Vorteile eines Aufzuges nämlich genauso.“ Die kleine Dachgeschosswohnung der Nummer 16 hat er an einen jungen Lehrer vermietet, die größere Wohnung darunter an ein junges Paar, alle so um die 30 Jahre.

Bau- und Mietpreise steigen

Aber ist das Risiko nicht besonders hoch, wenn man ohne allzu viele Fördermittel baut? Lauer winkt ab: „Mit Fördermitteln ist es auch da.“ Wenn man die Wohnungen nicht vermietet bekomme, habe man schließlich keine Einnahmen: „Wir jedenfalls gehen dieses Risiko ein.“ Und bisher funktioniere es ja sehr gut. Im ersten Haus hat er die Kaltmieten bei 5,60 bis 5,90 Euro je Quadratmeter angesetzt, bei den jetzt fast fertigen Gebäuden liegen sie um die sechs Euro. Die Baukosten gehen schließlich immer mehr nach oben. Es wird schwieriger, überhaupt Firmen zu finden – und wenn, dann liegen ihre Angebote deutlich über denen von vor einigen Jahren.

Für die sechs Euro bekommen die Mieter große, helle Wohnungen mit Fußbodenheizung – zumeist mit einer geräumigen Wohnküche und zwei weiteren Zimmern sowie Bädern, die teilweise mit Dusche und Wanne ausgestattet sind. Schnelles Internet liegt an, Nahwärme auch – dank der Kooperation mit den Stadtwerken, die in der Salomonstraße ein Blockheizkraftwerk gebaut haben. Die Hauptstraße vor dem Haus sei auch kein Problem: Alle Fenster sind dreifach verglast. Sind sie geschlossen, ist nichts zu hören. „Am Wochenende können sie offen bleiben, da ist hier kaum Verkehr“, sagt Lauer.

Im Hinterhaus der Bahnhofsstraße 16 entstehen fünf Wohnungen. Auch wenn es derzeit noch nicht so aussieht: Im Oktober oder November sollen sie fertig sein. Der Hof wird teils gepflastert, teils begrünt.
Im Hinterhaus der Bahnhofsstraße 16 entstehen fünf Wohnungen. Auch wenn es derzeit noch nicht so aussieht: Im Oktober oder November sollen sie fertig sein. Der Hof wird teils gepflastert, teils begrünt. ©  Nikolai Schmidt

Fast jede Wohnung hat einen Balkon zum Hof. Drei haben – nach alten Bauunterlagen – zusätzlich auch einen kleinen straßenseitigen Balkon. Die Wohnungseingangs- und Zimmertüren sind zum Großteil historisch und frisch aufgearbeitet. Im Treppenhaus existieren noch die alten Geländer und hier und da Reste der ursprünglichen Bemalung. Ganz anders das Hinterhaus, wo nicht viel Historisches erhalten geblieben ist: „Wir mussten die alten Decken rausnehmen, das war einfach zu gefährlich.“ Stattdessen wurde das Innere mit Stahlbetondecken neu aufgebaut. Der Erker wird verglast, eine der fünf Wohnungen wird eine große Maisonette mit Wintergarten, eine Dachhälfte wird begrünt.

Auch auf die Hofgrundstücke legen die verschiedenen Eigentümer Wert: Sie gestalten sie gemeinsam – mit Garagen und Parkplätzen, aber auch mit Bäumen, Sträuchern und einem gepflasterten Kreis aus altem Granit. Zudem will Lauer eines Tages an das Hinterhaus eine schräge Rampe anbauen, über die die Bewohner der Häuser zur Bahnhofstraße 12 gelangen, wo es weitere Parkplätze, Bänke und Bäume gibt. Über eines sind allerdings nicht alle glücklich: Lauer hat den alten Nutzern der Garagen gekündigt, damit er sie stattdessen seinen Mietern zur Verfügung stellen kann. „Dass das die bisherigen Nutzer nicht freut, ist nachvollziehbar“, sagt er. Ihm hilft es aber andererseits, die frisch sanierten Wohnungen vermietet zu bekommen.

Zum Tag des offenen Denkmals am 8. September will er die Bahnhofstraße 17 präsentieren. „Bis dahin soll auch dort das Gerüst weg sein“, sagt er. In der ganzen Häuserzeile wird es dann nur noch zwei unsanierte Fassaden geben, die 14 und 15. Erstere saniert Lauer als Nächstes: „Noch in diesem Jahr soll es losgehen.“ Für die Sicherung hat er hier doch wieder Fördermittel beantragt. Die Sicherung soll dann in die Sanierung übergehen. Bliebe die 15. Die ist innen saniert und voll bewohnt. „Hoffentlich ermutigen unsere Sanierungen auch den Eigentümer der 15, seine Fassade zu machen“, sagt Lauer. Dann wäre die gesamte Häuserzeile von außen schmuck. Und die Bahnhofstraße zumindest in diesem Abschnitt kein Sorgenkind mehr.

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