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Wie die Bosch-Fabrik trotz Corona wächst

Das Dresdner Chipwerk hat jetzt 220 Beschäftigte. Die Kantine sollte eigentlich Kommunikationsraum werden.

Das Dresdner Chipwerk hat jetzt 220 Beschäftigte. Die Kantine sollte eigentlich Kommunikationsraum werden.
Das Dresdner Chipwerk hat jetzt 220 Beschäftigte. Die Kantine sollte eigentlich Kommunikationsraum werden. © kairospress

Dresdens modernste Fabrik wird erst nächstes Jahr mit der Produktion beginnen, doch die Kantine ist schon in Betrieb. Seit Ende Juli können die ersten 220 Beschäftigten der Robert Bosch Semiconductor Manufacturing Dresden GmbH dort ihr Essen bekommen. Strenge Abstandsregeln, Einzelplätze, verlängerte Öffnungszeiten zum Entzerren der Belegung – so hatte sich Firmensprecherin Julia Reimann die Kantine nicht vorgestellt. Doch sie rechnet damit, dass daraus nach Corona immer noch der geplante Raum zur Kommunikation wird, zum Austausch von Gedanken statt zum Essen auf Abstand.

Schließlich hat Werkleiter Otto Graf vor zwei Jahren ein inspirierendes Arbeitsumfeld „mit viel Raum, Licht und modernster Ausstattung“ angekündigt. Als die Bosch-Angestellten im März aus Interims-Büros in die neu gebauten „Offices“ auf dem Fabrikgelände in Dresden-Rähnitz westlich vom Flughafen zogen, fanden sie dort auch helle Räume mit Freiraum vor. Doch wegen Corona wurde die offizielle Eröffnung der Büros verschoben, die meisten Angestellten räumten ihre neuen Schreibtische gleich wieder. Rund 80 Prozent waren zeitweilig im Homeoffice, sagt Reimann. Da sie „sehr gut ausgestattet“ mit Kommunikationstechnik seien, sei die Arbeit vorangegangen.

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Auf der Baustelle musste gelegentlich improvisiert werden, berichtet die Sprecherin: Einige Bauarbeiter aus Nachbarländern konnten wegen der Grenzschließungen zeitweilig nicht zur Arbeit kommen. Doch dann seien eben andere Arbeitsschritte vorgezogen worden. „Wir haben es geschafft, ohne Infektionsfälle die Baustelle am Laufen zu halten.“ Der Zeitplan sei eingehalten worden. Im Juni 2018 war der Grundstein gelegt worden, 2020 wurden von Januar bis April die wichtigsten Maschinen eingebaut. Alleine der Reinraum der Chipfabrik hat einen Hektar Grundfläche, mehr als ein Fußballfeld.

In den kommenden Monaten müssen die Beschäftigten die Maschinen miteinander verknüpfen und die Anschlüsse nach und nach in Betrieb nehmen. Eine Mikrochipfabrik ist voll mit versteckten Rohrleitungen. Aus dem Reinraum wird ständig Luft durch Löcher im Boden abgesaugt. Viele Chemikalien sind für die Produktion nötig: Scheiben aus dem Halbleitermaterial Silizium werden in vielen Einzelschritten beschichtet, belichtet und geätzt. So entstehen feinste Strukturen. Ist eine Scheibe fertig bearbeitet, wird sie in einzelne Chips zersägt, die dann noch mit Kontakten versehen werden. Ein Videofilm auf den Bosch-Internetseiten zeigt Teile der neuen Fabrik als Simulation. Dort ist auch zu sehen, wie Transportbehälter unter der Hallendecke entlangfahren, wie in Dresdens größter Chipfabrik von Globalfoundries.

Gesucht: Kooperativer Perfektionist

Die „Kernmannschaft“ von Bosch sei jetzt „an Bord“, sagt Sprecherin Reimann. Zusätzlich zu den ersten 220 Beschäftigten der Halbleiterfabrik sind auch 45 Mitarbeiter der eigenständigen Entwicklungsfirma Bosch Sensortec GmbH eingezogen, die zuvor ihre Büros auf dem Gelände der früheren Qimonda-Chipfabrik hatten. Unter dem Dach von Bosch Semiconductor (englisch für „Halbleiter“) haben sie ihren eigenen Büroflügel, können aber Konferenzräume und Kantine mitnutzen.

Bosch hat eine „Zukunftsfabrik im Herzen von Silicon Saxony“ angekündigt, ein 5G-fähiges digitales Gebäude. Die Halbleiterfertigung soll voll automatisiert laufen, ähnlich wie in der modernisierten Fabrik des Nachbarn Infineon. Dennoch sollen insgesamt „bis zu 700“ neue Arbeitsplätze bei Bosch Dresden entstehen. Auf dem Gelände der Fabrik ist Platz zum Erweitern. In Stellenausschreibungen verspricht Bosch Bewerbern, sie könnten „die Zukunft mitgestalten“, Verantwortung übernehmen, Kooperation leben. Gesucht wird etwa ein IT-Systemadministrator „mit einer Neigung zum Perfektionismus“.

In einer anderen Ausschreibung sucht Bosch einen „Prozessingenieur Ionenimplantation“, der komplexe Prozessprobleme löst. Er soll ganzheitlich denken und mindestens drei Jahre Berufserfahrung haben – bevorzugt mit der 300-Millimeter-Technologie. Damit ist gemeint, dass die Siliziumscheiben in der Produktion 300 Millimeter Durchmesser haben, wie bei Globalfoundries und einem Teil der Infineon-Fabrik in Dresden, nicht 200 Millimeter wie etwa in Reutlingen bei Stuttgart.

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Das Halbleiterwerk des weltgrößten Autozulieferers in Dresden nimmt Gestalt an. Doch große Pläne gibt es für einen anderen Standort.

Dort hatte Bosch vor zehn Jahren zum Ärger der sächsischen Wirtschaftsförderer seine bis dahin größte Investition eröffnet. Doch inzwischen hat sich Bosch auch für Dresden entschieden und errichtet für rund eine Milliarde Euro einschließlich Subventionen seine teuerste Mikrochipfabrik. Der Bedarf an elektronischen Schaltern und Sensoren fürs Auto und fürs Internet der Dinge wächst.

Dem künftigen Prozessingenieur sichert Bosch zu, in der „aktuellen Projektphase“ nach Vertrauensarbeitszeit zu arbeiten, später dann im Schichtsystem. Die Fabrik soll ständig laufen. Im Spätsommer oder Herbst werden laut Reimann die ersten Tests stattfinden. Voriges Jahr hatte Werkleiter Otto Graf die ersten Testchips für diesen Juli angekündigt. Doch alle öffentlichen Termine sind wegen Corona verschoben, und Sprecherin Reimann versichert: Bosch liegt im Zeitplan.

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