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Wie die Freimaurer Geschichte schrieben

Harald Wenske hat ein Buch aufgelegt mit Biografien aus Görlitz – und mit Überraschungen.

Harald Wenske forscht seit vielen Jahren schon zur Geschichte der Görlitzer Freimaurer.
Harald Wenske forscht seit vielen Jahren schon zur Geschichte der Görlitzer Freimaurer. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Hätten sich Vertreter der Oberschicht standesgemäß auch anders organisiert? Durchaus möglich, vermutet Harald Wenske: „Früher gab es ja noch keine Lions oder Rotarier.“ Und so finden sich Namen Görlitzer Honoratioren anderswo vereint: Ärzte wie Freise oder Reimer, Bürgermeister wie Sohr oder Snay, Forscher wie von Anton, Fabrikanten wie Lüders oder Hagspihl, Baumeister und Architekten wie Röhr oder Kießler, Künstler wie Nathe oder Moser – sie alle waren Freimaurer.

Harald Wenske hat sich mit ihnen beschäftigt und jetzt ein Buch geschrieben. Besser gesagt: Jetzt ist es erschienen. Gearbeitet daran hat er seit 2001 – und das kam so: Harald Wenske aus Holtendorf, 1948 geboren und Polizist von 1971 bis 2008, beschäftigte sich nach der Friedlichen Revolution mit Grundzügen der Freimaurerei; während der DDR-Zeit hatte er den Namen Freimaurerei niemals gehört. 1994 nahm die Wiesbadener Loge „Plato zur beständigen Einigkeit“ den verheirateten Görlitzer und Vater zweier erwachsener Kinder auf. 1997 war Wenske beteiligt an der Wiedergründung der Görlitzer Loge „Zur gekrönten Schlange“ und in dieser bis 2001 „Meister vom Stuhl“. Dann gab er diese Funktion in jüngere Hände und sich selbst die Aufgabe, sich mit der Geschichte Görlitzer Logen zu befassen. 

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Fünf laufende Meter Akten

Viele Dienstjahre als Kriminalist hatten ihn gelehrt, bei Recherchen nicht lockerzulassen. So gelang es ihm, das gesamte Archivgut der „gekrönten Schlange“ aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz zu Hause sichten zu dürfen – fünf laufende Meter Akten. Das klingt viel, ist es aber nicht. Vermutlich fiel der meiste Bestand an Freimaurer-Daten dem Nationalsozialismus zum Opfer, mögliche Überreste vielleicht auch den DDR-Behörden. Dennoch: 2006 konnte Harald Wenske eine Gesamtmatrikel, also eine Art Stammrolle aller Logenmitglieder vorweisen. „Daraus entstand die Idee, über jenes Mitglied ein Biogramm zu erstellen“, berichtet der Forscher. Wenske stöberte im Freimaurermuseum Bayreuth, in der Görlitzer OLB, im Ratsarchiv, vor allem aber machte er sich auf, Nachfahren zu interviewen, mit Reisen, Briefen und Telefonaten bis nach Übersee. 

Diese Akribie erweist sich jetzt als wohl wichtigste Leistung: „In den Gesprächen erfuhr ich bisher unbekannte Fakten, die nach dem Ableben der Interviewten wohl für immer verschollen wären“, ist Harald Wenske überzeugt. Ein Beispiel: Der Freimaurer und Stadtkämmerer Theodor Viehweg widersetzte sich 1945 der Weisung von OB Meinshausen, die Stadtkasse „vor den Russen zu retten“.

Ohne erdrückende Symbolik

Solche Geschichten zu vertiefen, liefert Harald Wenske fast nebenbei unerwartetes Material, wie er auch Abrisse anderer Görlitzer Logen in sein Buch aufnahm und mit der Einordnung von Aufgaben der Logenbrüder selbst Lesern ohne Vorkenntnisse einen spannenden Blick in das Innere dieser Zirkel gewährt. Denn da sei heute nichts elitär, sagt der Autor: „Wir Freimaurer wollen zum Nutzen der Allgemeinheit unsere Ecken und Kanten beseitigen, wir nennen das ,Arbeit am Rauhen Stein‘, und dieser Stein sowie der Spitzhammer sind unsere Symbole.“

Das Buch indes kommt ohne erdrückende Symbolik aus, ist in Sprache und Stil bodenständig. Harald Wenske war gut beraten, seine 53 Biogramme im Buch auf 33 zu reduzieren. Format und Druckkosten zwangen ihn dazu ebenso wie die Überschaubarkeit für den Leser der Geschichten über bedeutende Görlitzer zwischen 1722 und 1940. Kommt das Buch an – und daran zweifelt unter Kennern niemand – folgen weitere 20 Biografien in einem zweiten Band. Einer der Kenner, Professor Dr. Dr. Helmut Reinalter vom Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Innsbruck, ist voll des Lobes über Wenskes Arbeit: „An ihr können sich künftige wissenschaftliche Untersuchungen orientieren.“

Die erste öffentliche Buchvorstellung mit Lesung findet am 13. Dezember, um 16.30 Uhr, im Görlitzer Museum Neißstraße 30 statt (Wüsten-Saal). Der Eintritt ist frei.

Harald F. Wenske: „Arbeiter am Rauhen Stein – Görlitzer Freimaurer aus drei Jahrhunderten (Band 1)“; Eigenverlag/Epubli Berlin 2019; Broschur; gestaltet im Format 21 x 15 cm mit 320 Seiten und vielen Abbildungen; 19,50 Euro; ISBN 978-3-750256-55-2

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