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Sport

Friedensfahrt zur Schanze in Harrachov

1987 bietet das Rennen ein besonderes Spektakel - und Uwe Ampler gelingt Einmaliges. Den Sieger-Wartburg darf der Leipziger aber nur Probe fahren.

Herzlich gratuliert der polnische Fahrer Zenon Jaskula dem Etappensieger des Einzel-Bergzeitfahrens über 22 km in Harrachov, Uwe Ampler.
Herzlich gratuliert der polnische Fahrer Zenon Jaskula dem Etappensieger des Einzel-Bergzeitfahrens über 22 km in Harrachov, Uwe Ampler. © Wikimedia/BArch Bild 183-1987-0517-016 /ADN-ZB CTK

Er ist einer der wenigen, die nicht vom Rad steigen, als es nach 22 Zeitfahrkilometern die letzten 300 Meter den Schanzenauslauf nach Harrachov hochgeht – und die Massen anfeuern. An der steilsten Stelle weist der Anstieg 32 Prozent aus. Uwe Ampler gewinnt 1987 die spektakuläre neunte Etappe, über die man auch noch mehr als 40 Jahre später spricht – und dann auch erstmals die Gesamtwertung bei der Friedensfahrt.

„Das war mit Abstand die größte Steigung, die ich je gefahren bin. Als wir vom Zeitfahren an der Schanze erfuhren, haben wir das schon mit etwas Verwunderung aufgenommen“, erinnert sich der DDR-Radsportstar an das historische Rennen in Tschechien, das er mit einer halben Minute Vorsprung gewann. „Die Übersetzung unserer Räder hätte allerdings für den Anstieg nicht gereicht. Da wären wir sicher auch zu Fuß gegangen“, erklärt Ampler.

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Hellwach oder im lieblichen Schlummer zeigen sich die süßen Babys. In unserer Themenwelt Stars im Strampler gibt es den Nachwuchs zu sehen.

Der Trainer schreit den späteren Sieger Uwe Ampler den Schanzenauslauf von Harrachov hoch. Die neunte Etappe 1987 endete mit der spektakulärsten Zielankunft, die es bei der Friedensfahrt gab. 
Der Trainer schreit den späteren Sieger Uwe Ampler den Schanzenauslauf von Harrachov hoch. Die neunte Etappe 1987 endete mit der spektakulärsten Zielankunft, die es bei der Friedensfahrt gab.  © Wikimedia/BArchiv Bild183-1987-0517-013 /ADN-ZBCTK

Wenn man aber in der DDR etwas besonders gut konnte, dann tauschen, leihen und teilen. Die Mechaniker hatten sich also von den Westmannschaften wie den Holländern größere Zahnkränze und kleinere Kettenblätter geborgt und ihre besten Fahrer damit ausgestattet.

Zu denen gehörte Uwe Ampler. Es waren seinen goldenen Jahre. Gesegnet mit dem Talent seines Vaters – Klaus Ampler war 1963 selbst Friedensfahrtsieger – wurde der Junior 1986 Straßenweltmeister der Amateure – für ihn immer noch die „Krone im Radsport“. Zur Friedensfahrt im Mai darauf stand er wieder in Top-Form am Start. „Es ist besonders schön, wenn man im Regenbogentrikot solche Erfolge feiern kann“, meint der 54-Jährige. Und die Friedensfahrt war nun einmal einer der ganz großen Höhepunkte in jedem Jahr. „Die Begeisterung der Menschen war enorm, das hat motiviert.“ Dreimal in Folge gewann Ampler die Rundfahrt – ein einmaliger Hattrick in der Geschichte.

Uwe Ampler (54)
gehört in den 1980er Jahren zur Radsport-Weltspitze. Er war 1986 Amateur-Weltmeister und 1988 Olympiasieger.
Uwe Ampler (54) gehört in den 1980er Jahren zur Radsport-Weltspitze. Er war 1986 Amateur-Weltmeister und 1988 Olympiasieger. © kairospress

Der eigentliche Preis für den Einzelsieg war ein Auto, je nach Zielort in Tschechien ein Skoda, in Polen ein Fiat und in der DDR ein Wartburg, auf den der DDR-Bürger mindestens zehn Jahre lang warten musste. Doch behalten durfte Ampler das Auto auch nicht. „Ich erinnere mich, wie ich mit dem Wartburg eine Proberunde durch die Stadt gefahren bin und dann den Schlüssel wieder abgeben musste“, erzählt er. Das Auto wurde vom Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) eingezogen und als Geschäftswagen genutzt. Als Ausgleich habe er 6.000 DDR-Mark bekommen. „Auf dem Schwarzmarkt wäre der Wartburg aber 30.000 Mark wert gewesen.“

Damit hatten sich die DDR-Sieger abgefunden. Die Sachpreise für Tageserfolge wie Geschirr oder Staubsauger wurden derweil die gesamte Rundfahrt im Lkw mitgefahren und am Ende im Hotelzimmer aufgebaut und unter den Mannschaftskollegen verteilt. Viel wichtiger als die Prämien war der Ruhm, der mit jedem Sieg bei der Tour de France des Ostens größer wurde.

1988 im Gelben Trikot.
1988 im Gelben Trikot. © dpa

Als Amateur war Uwe Ampler Weltspitze, wurde 1988 im Teamzeitfahren in Seoul Olympiasieger, das Profidasein fiel ihm dagegen schwer. Der große Erfolg in den Jahren nach der Wende blieb aus. Bei seinen drei Tour-de-France-Starts kam er nur einmal ins Ziel in Paris. Dazu geriet er an einen zwielichtigen Manager, der ihn zu einer zweifelhaften Klage drängte. Als Ampler nach der Saison 1993 keinen Vertrag mehr bekam, beschuldigte er seine ehemalige Mannschaft Telekom, ihn gegen seinen eigenen Willen gedopt zu haben – verlor jedoch vor Gericht. Kein Rennstall wollte ihn – den „Nestbeschmutzer“, wie er selbst einmal sagte. Später geben ihm die Geständnisse unter anderem von Erik Zabel und Rolf Aldag indirekt recht.

Er beendete seine Karriere und kam dann doch noch einmal zurück und gewann 1998 sogar ein viertes Mal die Friedensfahrt. Bei der Sachsen-Tour 1999 wurde er jedoch positiv auf Testosteron getestet. Die sechsmonatige Dopingsperre bedeutete sein endgültiges Karriereende. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung vor zwei Jahren redete Ampler Klartext. „Ich war Kapitän und im Frühjahr krank gewesen. Ich stand unter Druck und habe das Falsche genommen.“

Als Führender in der Gesamtwertung nach sieben Etappen der 51. Internationalen Friedensfahrt steht Uwe Ampler 1998 im Etappenziel Zwickau auf dem Siegerpodest. 
Als Führender in der Gesamtwertung nach sieben Etappen der 51. Internationalen Friedensfahrt steht Uwe Ampler 1998 im Etappenziel Zwickau auf dem Siegerpodest.  © dpa

Im Leben nach dem Sport war Ampler lange auf der Suche nach einer neuen Erfüllung. Ein schwerer Unfall warf ihn 2003 weit zurück. Ohne Helm war er beim Radfahren mit einem Jeep zusammengeprallt, der ihm die Vorfahrt genommen hatte. Von seinen schweren Kopfverletzungen erholte er sich nur sehr langsam, konnte erst vier Jahre später wieder arbeiten. „Ich war ja fast tot“, sagt er. Es habe sich angefühlt, „als wenn der Computer auf den Boden knallt und die Festplatte gelöscht ist“.

Sein Anker im Leben ist der Sport. Mittlerweile hat Ampler in Leipzig seine Nische gefunden. Als Personaltrainer hat er einige private Kunden, die er manchmal auch auf dem Rennrad betreut. In den vergangenen Jahren hat er sich im Reha- und Gesundheitssport einen zweiten Arbeitsbereich aufgebaut. „Als ehemaliger Leistungssportler musste ich viel umdenken und mir neues Wissen aneignen. Es geht jetzt darum, dass sich die Leute überhaupt bewegen und Spaß haben“, meint er. Wie wichtig Rehasport ist, weiß Ampler aus eigener Erfahrung. Und die gibt er jetzt weiter.


Bisher erschienen:

Teil 1: Wie die Friedensfahrt zum Mythos wurde

Hunderttausende Zuschauer, Sieger als Volkshelden und plötzlich eine steile Wand - das Radrennen begeisterte die Massen. Die SZ erinnert an Triumphe und Tragödien.

Teil 2: Das turbulente Leben des Friedensfahrt-Ausreißers

Andreas Petermann wird mit dem Team Weltmeister über 100 Kilometer, aber bei der Friedensfahrt sorgt er allein für einen Husarenritt. Nach seiner Karriere arbeitet er auch in Marokko.

Teil 3: Die Wessis und die Friedensfahrt

Werner Stauff gelingt 1988 als viertem Fahrer der BRD ein Etappensieg – und er fragt sich danach, was er mit dem Preisgeld anfangen soll.

Teil 4: Friedensfahrtsieger macht Millionen-Umsätze - aber nur kurz

Seine Frau sagt: Ich war ja total stolz auf ihn. Doch Hans-Joachim Hartnick ist die Popularität nach dem Triumph 1976 eher unangenehm. 

Teil 5: Die Friedensfahrt im Schatten der Katastrophe

Trotz des Unglücks in Tschernobyl startet die Friedensfahrt 1986 in Kiew – für die DDR-Sportler gibt es keine Diskussion.

Nächste Folge: Wie aus Lebemann Steffen Wesemann der Friedensfahrt-Dauersieger nach der Wende wurde.