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Gagfah hilft verzweifelter Mutter

Eine junge Frau leidet unter dem Baulärm der Flutsanierung. Ausgerechnet der umstrittene Großvermieter hat eine Lösung.

© Sven Ellger

Von Kay Haufe

Fabius weint. Der elf Wochen alte Säugling wird immer wieder vom lauten Bohren wach. Presslufthämmer dröhnen durch das Treppenhaus in der Österreicher Straße 53. Die Nerven seiner Mutter Cindy Klose liegen blank. Denn der Lärm ist nicht ihr einziges Problem. Seit einigen Wochen wird der Mieterin auch immer wieder unangekündigt das Wasser abgestellt. „Ich halte diesen Zustand einfach nicht länger aus“, sagt die 28-Jährige.

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Für die Eigentümergemeinschaft des Gebäudes ist das offenbar kein Problem. Sie hat Cindy Klose unmissverständlich klargemacht, dass sie diese Einschränkungen noch über viele Monate ertragen muss. „Wir können nur bedingt auf Mieter und Nutzer Rücksicht nehmen“, schreibt Eigentümer-Beiratsvorsitzende Uta Seydewitz. Und wird noch direkter in einem Telefonat mit der Sächsischen Zeitung: „Es ist mir egal, ob Frau Klose ein Baby hat.“ Das Haus müsse dringend saniert werden. Über einen Meter hoch stand das Elbwasser im Juni 2013 im Erdgeschoss. Tiefgarage und Keller waren voller Schlamm. Zudem habe sie in ihrer Zahnarztpraxis einen zusätzlichen Wasserschaden erlitten, der repariert werden müsse. Durch das Missmanagement einer im Dezember letzten Jahres abgesetzten Hausverwaltung hätten sich die Sanierungsarbeiten bis jetzt hinausgezögert, sagt Seydewitz.

Seit neun Monaten muss Cindy Klose bis nach Striesen fahren, um ihre Wäsche im Waschsalon zu waschen. Der Keller ist nicht nutzbar, wo ihre Waschmaschine stand. Bis Ende 2014 dauere die Sanierung im Untergeschoss noch, sagt Zahnärztin Seydewitz. Ersatzräume für die Waschmaschine gibt es nicht. Angst hat die junge Mutter derzeit um ihren Kinderwagen. Täglich werde er von Bauarbeitern hin- und hergeschoben, oft in nicht abschließbare Räume. Die Verwaltungsbeiratsvorsitzende hat ihr geschrieben, dass sie ihre Privatsachen nicht in Gängen und Fluchtwegen des Hauses lassen dürfe. Dabei wurde vor Gericht bereits geklärt, dass Kinderwagen im Treppenhaus stehen dürfen.

Der Ton zwischen Klose und Frau Seydewitz ist in den vergangenen Wochen zunehmend rauer geworden. Denn die junge Mutter hat auf Anraten ihrer Anwältin Susanne Krevet die Miete um 100 Prozent gekürzt und zahlt nur noch die Nebenkosten. „Die Einschränkungen für Frau Klose sind seit dem Hochwasser so groß, dass dies gerechtfertigt ist. Das geht von fehlender Heizung im Vorjahr bis hin zur bis heute nicht möglichen vertragsgemäßen Nutzung der Mietwohnung“, begründet Krevet das Vorgehen. Zahnärztin Seydewitz indes bezeichnet Cindy Klose im Telefonat mit der SZ als Mietnomadin, obwohl sie nicht ihre Vermieterin ist. Kloses emotionale Ausbrüche würden die anstrengende Sanierung immer wieder stören, schreibt Seydewitz. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Situation wie sie ist, und wir müssen sie alle tragen. Willkommen im Leben möchten wir dieser Mieterin sagen“, so die Zahnärztin. Im Schreiben an die SZ kündigt sie sogleich 1.500 Bohrungen in 30 Stunden am Wochenende an. „Eine Maßnahme, die das Haus in ein absolutes Lärm-Inferno verwandeln wird“, schätzt sie selbst ein.

Die junge Mutter hält Lärm und Auseinandersetzungen inzwischen nervlich nicht mehr stand. Nachdem das Wasser wieder einmal abgestellt wurde, stürmte sie in die Zahnarztpraxis und beschimpfte Uta Seydewitz. Kurze Zeit später hat sie sich per E-Mail entschuldigt. „Das ist mir sehr schwergefallen, wurde aber nicht akzeptiert“, sagt Klose. Trotzdem wollte sie ein Zeichen der Versöhnung setzen. Oft ruft sie ihre Freundin an und erzählt ihr unter Tränen, wie ihr Sohn unter dem Baulärm leidet.

„Diese Situation lässt sich nur lösen, indem die junge Mutter auszieht“, sagt Mathias Wagner vom Mieterverein. Es sei schwierig, dass Frau Klose die Miete voll gekürzt hat. „Das führt zwangsläufig zu Konfrontationen“, so Wagner. Allerdings hat er für die Art und Weise der Sanierung in der Österreicher Straße 53 kein Verständnis. „Bestimmte Arbeiten müssen ausreichend lange vorher angekündigt und dürfen auch nur zu festgelegten Zeiten ausgeführt werden“, sagt der Mietsrechtsexperte.

Schon lange will auch Cindy Klose ausziehen. Allerdings fehlt ihr dafür ein entscheidendes Dokument – die Mietschuldenfreiheits-Bescheinigung. Dies ist eine der wichtigsten Unterlagen, die Vermieter sehen wollen. „Ich habe mich auf einige Wohnungen beworben und hatte nie eine Chance“, sagt die ausgebildete Altenpflegerin. Außerdem wolle sie gern im Stadtteil bleiben und für Fabius ein Kinderzimmer haben. Doch Dreiraum-Wohnungen seien in Laubegast schwer zu bekommen.

Als die SZ der Gagfah von Cindy Kloses Situation berichtete, hat Kommunikationschef Dirk Schmitt sofort Hilfe zugesagt. Er hat die Leiterinnen seiner Kundenzentren informiert, die innerhalb weniger Tage Wohnungsangebote für die junge Frau und ihr Baby herausgesucht haben. Voraussichtlich Mitte Mai kann sie ganz in die Nähe umziehen. „Ich bin sprachlos. Das hätte ich allein nie geschafft“, sagt Cindy Klose. Die Wochen voller Lärm und Einschränkungen haben ihr so zugesetzt, dass die Freude fast verhalten wirkt. Sie hofft, dass ihr Baby künftig ganz in Ruhe schlafen und groß werden kann.