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Wie die Kabine zum Biersee wird

Der FC Oberlausitz Neugersdorf hat den Aufstieg geschafft. Auch die Fans feiern. Viele stehen seit Jahrzehnten hinter dem Verein.

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© SZ Thomas Eichler

Von Susanne Sodan

Neugersdorf. Das Freibier fließt. Draußen für die Fans, drinnen für die Spieler des FC Oberlausitz Neugersdorf. Draußen wird lautstark gefeiert, drinnen noch lauter. Das Bier landet kaum in, sondern eher auf den Köpfen der Spieler, auf dem Boden und auf den Regalen. Nichts bleibt trocken. Vereinspräsident Ernst Lieb kommt herein. Wer denkt, es würde ein großes Donnerwetter geben, irrt. Lieb feiert mit, tanzt sogar mit. Das Ziel ist geschafft. Sein Ziel, das Ziel der Mannschaft: Der FC Oberlausitz ist an diesem Sonntag in die Regionalliga aufgestigen. Das Zwei zu Null gegen die zweite Mannschaft von FC Erzgebirge Aue hat den Aufstieg besiegelt. „Wir haben ein Jahr auf dieses Ziel hingearbeitet“, sagt Lieb.

Neunzig Minuten vorher: Die Lautsprecher schweigen. Keine basslastige Unterhaltungsmusik mehr. Eine Trommel übernimmt den Takt. Sonst herrscht Ruhe, nur für einen Moment. Die Spieler des FCO laufen aufs Feld. Aus den Lautsprechern dringt der Name jedes einzelnen, untermalt von Trommelwirbel. Auf der anderen Seite steht die zweite Mannschaft des FC Erzgebirge Aue. Ist dieses eine Spiel gewonnen, dann ist der Aufstieg für den FCO vollbracht, komme, was wolle. Fast jeder Platz auf der Tribüne ist besetzt. Auch bei den Fans liegen die Nerven blank.

Einer von ihnen ist Andre Kunze. Blau-weißes Trikot, blau-weißer Schal – Kunze ist einer der Exterm-Fans des FCO. Die kleine Gruppe steht ganz in Blau-Weiß gehüllt am Spielfeldrand. Einer schlägt die Trommel, die anderen machen den Chor, Kunze stimmt den Fangesang an: „Wir singen Blau, wir singen Weiß, wir singen Blau-Weiß-FCO“, schallt es über das Spielfeld. Seit über 20 Jahren ist Kunze Anhänger des FCO. „Früher bin ich immer mit meiner Tochter zu den Spielen gegangen.“ Vater-Tochter-Zeit am Spielfeldrand. Irgendwann hat die Tochter zur Mutter gesagt: Dort sind so viele Frauen dabei, komm doch auch mit. „Und dann hat mich das Fußballfieber auch gepackt“, erzählt Beate Kunze. Mittlerweile ist die Tochter aus dem Haus, dafür ist jetzt die Enkelin oft mit bei den Spielen dabei. Ein „Ohhhhh“ geht durch die Reihen. Erster Applaus für eine erste Chance für Neugersdorf. Noch kein Tor. Egal, die Fans singen trotzdem. „Auf geht’s, Neugersdorf schießt ein Tor, schießt ein Tor, schießt ein Tor!“ Bis das tatsächlich passiert, dauert es 38 Minuten.

Die Neugersdorfer haben mit ihrem Gegner auch Glück. Die zweite Mannschaft von Aue ist ohne einen einzigen Ersatzspieler in Neugersdorf angereist. Und auf der Gästetribüne sitzen nur fünf Aue-Fans. In Gedanken sind sie nicht nur in Neugersdorf, sondern auch in Heidenheim. Dort spielt fast parallel die erste Mannschaft von Aue. Für die zweite geht es um nichts, für die erste um alles. Ein Sieg muss her, sonst ist sie aus der 2. Liga abgestiegen.

Kein guter Tag für Aue: Mit dem Zwei zu Null in der zweiten Halbzeit räumen die Neugersdorfer alle Zweifel aus. Noch 20 Minuten zu spielen, da wird schon gesungen: „Regionalliga – Neugersdorf ist dabei!“ und „Oberliga – nie mehr“. Und so ist es am Ende auch, es bleibt bei dem Ergebnis für den FCO. Kein Halten mehr.

Kunze steht längst nicht mehr am Spielfeldrand. Mit den anderen Fans läuft er auf den Rasen zu den Spielern. Von den Aue-Fans ist da schon nichts mehr zu sehen. Dass die Zweite von Aue verloren hat, mag zwar verschmerzbar sein. Aber zu derselben Zeit verliert die erste Mannschaft – und steigt ab. Ein bitterer Tag für die Aue-Fans, Freibier für die Neugersdorfer.