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„Wie die Kaputten“

Acht Schulbusbegleiter sind mit Schülern im Landkreis unterwegs. Schnell bekommen sie mit, wo es hakt.

Von Franz Werfel

Wir stehen an der Bushaltestelle in der Bad Gottleubaer Ernst-Hackebeil-Straße. Der Fußweg ist schmal, es gibt keine extra Haltebucht für den Bus. Einige Schüler rauchen, unterhalten sich, die jüngeren toben ein wenig. Schubsen inklusive. Mit 50 Stundenkilometern fahren die Autos an den jungen Teenagern vorbei.

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Dann kommt er, der Bus, der die Schüler in ihre Heimatdörfer bringt. Sofort bildet sich eine Traube an der Fahrertür, 54 Schüler drängeln in den Bus. Erst brüllt der Busfahrer: „Ey, nicht so schieben da hinten!“ Dann schließt er plötzlich kurz die Tür, während die Schüler einsteigen – „damit wieder Ordnung herrscht“, wie er sagt.

André Liebscher kennt Szenen wie diese mittlerweile ganz gut. Denn seit Jahresbeginn ist der Pirnaer ehrenamtlich als Schulbusbegleiter in Pirnas Umgebung unterwegs. Er soll im Auftrag des Landratsamtes herausfinden, was dran ist an Beschwerden von Schülern, Eltern und Busunternehmen. Diese monieren unter anderem, dass die Busse unpünktlich fahren oder Anschlüsse nicht erreicht werden können, dass Busse verdreckt sind oder dass die Sicherheit der Kinder an Bushaltestellen nicht gewährleistet ist.

Um diesen Kritiken nachzugehen, hat Landrat Michael Geisler (CDU), Ende 2014 die Initiative Schulbusbegleiter ausgerufen. Derzeit begleiten acht Ehrenamtler, vom Schüler bis zum Rentner, stichprobenartig Busfahrten im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Im Schnitt sind sie viermal monatlich unterwegs, zum Beispiel in Freital, Sebnitz, Neustadt oder eben Pirna. Wann genau sie mitfahren, bestimmen sie selbst. Die gelbe Warnweste des Ordnungsamtes weist sie aus – verrät den Schülern aber auch: Begleiter mit an Bord.

Was motiviert den 45-jährigen Steuerfachangestellten André Liebscher, in seiner Freizeit mit Schülern Bus zu fahren? „Ich wollte mich schon länger ehrenamtlich engagieren und auch mal außerhalb des Büros aktiv sein“, sagt er. Die Verantwortung der Busfahrer schätzt er als sehr hoch ein. Außerdem hat er eine sechsjährige Tochter, die in diesem Sommer eingeschult wird. An die muss er während seiner Busfahrten oft denken.

Eltern, Busfahrer und die meisten Schüler würden positiv auf ihn reagieren. „Die freuen sich natürlich, dass der Landkreis auf die Kritik reagiert“, so Liebscher. Es kommt schon vor, dass Eltern ihn grüßen oder Schüler ihm anerkennend auf die Schulter klopfen. Nicht immer kennt er den genauen Hintergrund seiner Auftragsfahrten, kann sich den aber oft zusammenreimen. Denn das Landratsamt geht Hinweisen besorgter Eltern direkt nach und setzt die Schulbusbegleiter vornehmlich auf Problemstrecken ein.

Gefahr an Bushaltestellen

So zieht Liebscher ein positives Fazit seiner bisherigen Tätigkeit. Die Busfahrer seien immer freundlich und die von ihm überprüften Busse bisher immer sauber. Das ist insofern ein gutes Zeugnis für die Busunternehmen, als dass er seine Probefahrten bei diesen nicht anmeldet. Doch André Liebscher kann einige Kritikpunkte auch gut nachvollziehen. So sei die Taktung der Busse tatsächlich recht eng, und an einigen Haltestellen gehe es gefährlich zu.

So wie an der in der Hackebeilstraße in Bad Gottleuba. Bis 2012 durften Autos die Haltestelle nur mit 30 km/h passieren. Dann montierte der Landkreis die Tempo-30-Schilder ab, nach einer „Verkehrsschau“, wie das Bauamt mitteilt. Die SZ-Nachfrage, warum dies ohne ersichtlichen Grund geschah, beantwortet die Verkehrsabteilung des Landratsamtes nicht.

Louis besucht die Oberschule in Bad Gottleuba. Der 12-Jährige findet es gut, dass André Liebscher mitfährt. Die älteren Schüler würden drängeln, weil es im Bus zu wenig Sitzplätze gibt: heute 45 Plätze für 54 Schüler. „Manchmal kokeln die auch die Gummi-Haltegriffe an den Sitzen an.“ Das bestätigt der Busfahrer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Manche benehmen sich wie die Kaputten“, sagt er. Da fehle wohl einiges im Elternhaus. Wie er die Lautstärke im Bus und das Verhalten seiner Fahrgäste aushält? „Man schaltet ab.“ Kommentar