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Löbau

Wie die Lausitz von oben aussieht

Aussichtstürme haben eins gemeinsam: Sie zu erklimmen, ist anstrengend. Dafür wartet oben eine Belohnung.

Wer die 266 Stufen zum Aussichtsturm der Johanniskirche geschafft hat, wird von Gabriele Engler und Kater Johannis begrüßt.
Wer die 266 Stufen zum Aussichtsturm der Johanniskirche geschafft hat, wird von Gabriele Engler und Kater Johannis begrüßt. © Matthias Weber

Oben wartet Johannis schon sehnsüchtig. Jetzt muss doch gleich die Türe aufgehen. Aber ja! Pünktlich um zehn dreht Gabriele Engler den Schlüssel im Schloss. Sie ist nicht mal ansatzweise außer Puste nach den 260 Treppenstufen, die sie nehmen muss bis hier herauf auf den Turm der Zittauer Johanniskirche. „Tägliches Training“, sagt die 64-jährige, die hier oben in 60 Metern Höhe ihren Dienst tut, schmunzelnd. Normalerweise geht sie diesen Weg nur dreimal pro Woche, aber gerade hat der Türmer Urlaub, da kommt sie täglich her.

Kaum ist die Türe offen, streicht Johannis ihr um die Beine und will gestreichelt sein. Dann kriegt der rot-getigerte Findelkater erst einmal sein Futter. Und erst dann hat Gabriele Engler Zeit für ihre Gäste. Aber die Besucher auf dem Johanniskirchen-Turm brauchen nach dem Aufstieg ja ohnehin erstmal ein paar Minuten zum Luftholen.

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Eins haben alle Aussichtstürme gemeinsam: Sie zu erklimmen, ist anstrengend. Aber einmal oben angekommen, wartet dafür meistens ein grandioser Ausblick. Und manchmal eben auch mehr. Kater Johannis wohnt hier oben, seit er seinem Herrchen, dem Zittauer Türmer, zugelaufen ist. Manche, vor allem Kinder, sagt Gabriele Engler, kommen immer wieder hier hoch, nur um zu sehen, wie es dem Kater geht. Felix Weickelt, der Türmer, wohnt auch hier oben in 60 Metern Höhe. Der Turm der Zittauer Johanniskirche ist der einzige bewohnte Aussichtsturm weit und breit. Seit die Kirche um 1800 herum nach einem Brand wieder aufgebaut worden ist, gibt es die kleine Türmerwohnung hier oben. Und seitdem ist sie immer bewohnt gewesen: Mit der Toilette ein paar halbe Treppen tiefer, mit einem Kachelofen, für den der Türmer die Kohlen mit zwei Eimern nach oben schleppt, und so eng, dass nicht viel Komfort hereinpasst –aber dafür mit einem ganz besonderen Lebensgefühl, das es wohl nirgendwo anders gibt.

„Manche wollen das gar nicht glauben“, sagt Gabriele Engler, die den Türmer seit über fünf Jahren vertritt, wenn der nicht da ist. Sie füttert Johannis, gießt die Blumen, wischt Staub, geht mit den Besuchern hinaus auf den Balkon, der rund um den Turm führt. Hier nennt sie ihnen die Namen der Berge, die sich rundherum am Horizont erheben, erzählt ihnen aus Zittaus Geschichte, zeigt ihnen, in welcher Richtung das Jonsdorfer Schmetterlingshaus, der Campingplatz am Olbersdorfer See oder die Oderwitzer Sommerrodelbahn liegen, schwärmt davon, wie schön es im Zittauer Gebirge und auf dem Oybin ist und was die Besucher unbedingt noch sehen und erleben müssen, ehe sie wieder nach Hause fahren. Es heißt, nach einem Besuch auf dem Johannisturm seien manche gleich länger geblieben. Nur eines kann Gabriele Engler leider nicht: Trompete spielen. Wenn der Türmer zu Hause ist, dann bläst er zweimal täglich in alle vier Himmelsrichtungen, mittags kurz vor zwölf und abends kurz vor sechs bis zum Glockenläuten. So ist es Tradition in Zittau, und so hält es auch Felix Weickelt.

Johannis streift um den Turm und will die Vögel fangen. Gabriele Engler hebt ihn lachend auf den Arm. „Es ist herrlich hier“, sagt sie, und jeder merkt sofort, mit wie viel Freude sie hier oben ihre Arbeit macht. Und mit wie viel Wissen über die Kirche und die anderen bedeutenden Bauten der Stadt. Die gelernte Wirtschaftskauffrau war lange arbeitslos, ehe sie über eine ABM zur Johanniskirche kam – und blieb. Den Job hier oben macht sie seitdem ehrenamtlich. Gabriele Engler zeigt auf die Zittauer Gebirgskette, aus der sich der steinerne Turm auf dem Hochwald erhebt. Sie hat noch einen guten Tipp: Der Turm auf dem Hochwald ist – noch – der höchstgelegene in der Region. „Wer dort hinaufsteigt, hat einen Rundumblick-Blick, der ist unbeschreiblich“, sagt sie. „Da kann man die ganze Oberlausitz von oben sehen und weit hinein ins Iser- und Riesengebirge.“

Wenn alles nach Plan läuft, könnte der auf 744 Metern höchstgelegene Hochwald-Turm aber bald seinen Spitzenplatz verlieren. Denn nur ein paar Kilometer weiter, auf der 793 Meter hohen Lausche, dem höchsten Berg des Zittauer Gebirges, wird gerade eine neue Aussichtsplattform gebaut. Wer übrigens alle Türme der Lausitz besteigen will, der hat einen sportlichen Marathon vor sich: 32 Aussichtstürme gibt es in der Region. Auf fast allen Gipfeln stehen sie: vom Valtenberg bei Neukirch und dem Bischofswerdaer Butterberg über Czorneboh und Bieleboh bis hin zum Gusseisernen auf dem Löbauer Berg, zum Breiteberg bei Hainewalde und zur Görlitzer Landeskrone. In den Landschaften nach dem Bergbau sind in jüngster Zeit neue Türme in den Himmel gewachsen: auf der Berzdorfer Höhe über dem Berzdorfer See und im Lausitzer Seenland. Wenn wir schon bei Türmen sind: Der mit einem Architekturpreis gekrönte auf dem Jeschken ist ein Muss. Neben dem Jeschken gibt es noch 15 weitere in der Liberecer Region.

Kater Johannis interessieren die anderen Türme nicht. Er könnte über ein offenes Fenster vom Johannisturm aus über die Dächer Zittaus streifen. Will er nicht. Er rollt sich im Schreibtischsessel des Türmers zusammen und hält Mittagsschlaf.

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