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Was sich in Zukunft in der Lausitz ändern muss

Rolf Kuhn, der Ex-Chef der Internationalen Bauausstellung, hat viele Visionen für die Region. Im Interview erklärt er, was sich ändern muss.

Mehr als zehn Jahre sind seit Flutungsbeginn des ausgekohlten Tagebaus Meuro vergangen. Zum Saisonstart 2019 wurde der rund 770 Hektar große Großräschener See vom Bergbausanierer LMBV zur Nutzung übergeben.
Mehr als zehn Jahre sind seit Flutungsbeginn des ausgekohlten Tagebaus Meuro vergangen. Zum Saisonstart 2019 wurde der rund 770 Hektar große Großräschener See vom Bergbausanierer LMBV zur Nutzung übergeben. © Rainer Weißflog

Vor zehn Jahren endet die Internationale Bauausstellung „Fürst-Pückler-Land“ (IBA). Sie half mit teils umstrittenen Projekten dabei, der vom Bergbau geprägten und durch die Wende wirtschaftlich abgehängten Lausitz eine Perspektive zu geben.

Herr Kuhn, ab Ende der 1990er-Jahre haben Sie mit der IBA den Wandel der Tagebau-Region mitgestaltet. Nun steht die Lausitz durch den Kohleausstieg erneut vor großen Umbrüchen. Und angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen möchte man meinen, selbst mit dem Kohle-Ende 2038 ist der Wandel nicht abgeschlossen?

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Wandel hört nicht auf. Auch nicht, wenn der letzte Tagebau geflutet ist. Aber das, was wir jetzt haben, ist eine Art Gründerzeit. Es entsteht schnell viel Neues: Architektur, gestaltete Landschaft. Man kann das vergleichen mit Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das, was sich damals entwickelt hat, wirkt über Jahrhunderte nach, wobei das Verändern bleibt. Wichtig ist aber, dass man so einer Zeit mit viel Aufmerksamkeit begegnet.

Warum?

Im Gegensatz zu früher prosperiert die wirtschaftliche Entwicklung nicht unbedingt dort am meisten, wo es Rohstoffe, Erze, Kohle und die besten Anbindungen per Schiff, über die Bahn oder die Straße gibt. Entscheidend heute ist neben Fachkräften, Partnern und steuerlich günstigen Bedingungen auch die Anziehungskraft einer Region. Deswegen ist es wichtig, dass hier in der Lausitz so viel Attraktivität wie möglich entsteht. Die Voraussetzungen dafür sind hervorragend – zahlreiche Seen, davon zehn verbunden über zwölf Kanäle. Darum beneidet man uns beispielsweise im Leipziger Neuseenland und anderswo.

Wenn die Basis so gut ist, was ist dann noch zu tun?

Wir müssen die Lausitz gesamträumlich so gestalten, dass sie für hohe Qualität steht, dass sie zu einem der anziehendesten Lebensräume in Deutschland wird. Das war Ende der 1990er-Jahre nicht vorstellbar. Als ich hierher kam, war es schrecklich. Eine zerstörte Landschaft, das Image negativ, die Menschen hoffnungslos, es gab kaum Arbeit. Die Leute haben sich an den Kopf gegriffen, wenn von einer attraktiven Region die Rede war. Und heute – zehn Jahre nach dem Ende der IBA – kann man das greifen. Es klingt nach Klischee, aber wir wohnen und arbeiten da, wo andere Urlaub machen. Und die IBA hat Grundlagen geschaffen, dies mit neuen Arbeits- und Lebensformen zu verbinden.

Haben Sie ein Beispiel?

Die IBA-Terrassen mit den Gebäuden am Großräschener See. Der hiesige Bürgermeister möchte hier Co-Working-Spaces schaffen. Das sind Räume, in denen Freiberufler, mobil Tätige oder kleine Start-up-Firmen arbeiten können, ohne selbst ein ganzes Büro zu mieten oder zu kaufen.

Dafür braucht es eine Vision. Wie haben Sie Ihre Vision fürs Seenland entwickelt? Durch reisen und lesen?

Von allem etwas. Ich habe natürlich Bücher von Hermann von Pückler-Muskau gelesen, der den Muskauer und Branitzer Park erdacht hat. Ich habe dann, als die Vorbereitung lief, eine kleine Expertengruppe berufen. Wir haben die erste grobe Vision entwickelt. Wir wollten die Landschaft gliedern, wir wählten dafür den Begriff Landschaftsinseln. Das alles hier war ja eine Art riesiger Brei. Wir haben dann genau geschaut, welche Schwerpunkte zu einer „Insel“ passen. Da gab es die Landschaft mit besonders viel Industriekultur, wie der Abraumförderbrücke F60 bei Lichterfeld. Es gab ein Gebiet, wo vorindustrielle Kultur prägend ist: am ehemaligen Tagebau Schlagendorf mit dem Wasserschloss von Fürstlich Drehna. In Wanninchen bei Luckau steht die Natur im Mittelpunkt. Und im Muskauer Geopark sowie Guben/Gubin konnten wir das deutsch-polnische Element in den Vordergrund stellen. Wir haben dann Konzepte entwickelt und für die Seen Schwerpunkte gesetzt: Familien, Kultur, Sport, Jugend, Natur, Architektur. Ich hatte anfangs die Befürchtung, dass Hemmnisse entstehen könnten, wenn wir schon so früh eine so klare Struktur schaffen. Aber das war nicht so. Wichtig war, dass die Voraussetzungen für die IBA gestimmt haben.

Welche waren das?

Es gab eine gute Vorbereitung der Internationalen Bauausstellung als Grundgedanke durch ein Kuratorium. Aber trotzdem hatten wir völlig freie Hand für neue Ideen und bei der Wahl der Mitarbeiter und Partner. Das war eine Erleichterung für uns, aber auch für die Geldgeber des Landes Brandenburg, für Landräte und Bürgermeister. Die konnten letztlich immer auf uns verweisen und sagen: Das macht die IBA. Es war klar: Das IBA-Büro wählt mit einem Fachbeirat die Projekte aus. Nicht Bürgermeister oder Landräte, die sich dabei wohl von ökonomischen und juristischen Gesichtspunkten hätten leiten lassen.

Das ist bei den Vorhaben zum gegenwärtigen Strukturwandel jetzt anders – da wirft die Politik ein Projekt nach dem anderen über das Land.

Es gibt kein unabhängiges Gremium, das völlig neue Ideen entwickelt. Darum werden Vorhaben angegangen, die irgendwo in den Schubladen lagen, die man immer schon machen wollte. Für das, was wir getan haben, brauchen Politik und Verwaltung eine Agentur, die auch mal scheitern darf. Wesentlich war der absolute Freiheitsgrad, den wir hatten. Doch Politik lässt sich nicht dauerhaft auf ein solch experimentelles und unabhängiges Handeln ein.

Geld war demnach bei der IBA „Fürst-Pückler-Land“ nicht das Wichtigste?

Wir haben Geld gebraucht. Brandenburg hat die IBA GmbH jährlich mit 1,2 Millionen Euro finanziert. Die vier Lausitzer Landkreise in Brandenburg sowie die Stadt Cottbus haben weitere 0,25 Millionen beigesteuert. So kamen wir auf etwa 1,5 Millionen Euro im Jahr. Damit konnten wir aber keine Projekte umsetzen. Wir mussten das Geld dafür besorgen, zum Beispiel bei der Europäischen Union. Oder wir mussten Überzeugungsarbeit leisten. Unter anderem bei den Biotürmen in Lauchhammer. Das waren Überbleibsel aus der Kokerei, in denen Abwässer gereinigt wurden. Die sollten weg. Wir haben erreicht, dass die Mittel für den Abriss durch den Bergbausanierer LMBV in die Herrichtung der Türme geflossen sind. Heute sind sie ein Aushängeschild, mit denen die Stadt Lauchhammer wirbt. Obwohl ich nicht zufrieden damit bin, wie sie genutzt werden.

Der damalige Chef der Internationalen Bauausstellung (IBA), Prof. Rolf Kuhn. Die IBA „Fürst-Pückler-Land“ lief von 2000 bis 2010. Sie sollte für die Bergbauregion in Südbrandenburg Zukunftsideen liefern. Sachsen beteiligte sich nicht.
Der damalige Chef der Internationalen Bauausstellung (IBA), Prof. Rolf Kuhn. Die IBA „Fürst-Pückler-Land“ lief von 2000 bis 2010. Sie sollte für die Bergbauregion in Südbrandenburg Zukunftsideen liefern. Sachsen beteiligte sich nicht. © Ronald Bonß

Aber vor knapp 20 Jahren wollten große Teile der Bevölkerung den Abriss der Türme. Sie haben den Erhalt gegen die Mehrheitsmeinung durchgesetzt. Man muss also nicht unbedingt immer alle mitnehmen?

Als Stadt- und Gebietsplaner muss man Dinge denken, die sich andere nicht vorstellen können. Sonst hat man den Beruf verfehlt. Das hieß konkret in diesem Fall, als die Lausitzer ihre Industrie-Geschichte verschwinden lassen wollten, für den bewussten Erhalt solcher Zeugnisse zu kämpfen. Da braucht man Geduld, Beharrlichkeit. Viele Menschen damals, gerade auch die Bergleute, wollten von der alten Industrie, von der Kohle nichts mehr wissen. Das stand für Lärm, Schmutz, Zerstörung. Andere, die zu DDR-Zeiten Karriere gemacht hatten, waren arbeitslos geworden. Die Idee der Leute war, hier eine Art zweite Mecklenburger Seenplatte entstehen zu lassen. Aber wieso sollen Touristen in eine drittklassige Seenplatte reisen, wenn sie das Original haben können? Wir haben damals unsere Projektideen verfolgt und versucht, sie umzusetzen. Und wir mussten jeden Tag dafür kämpfen, die Menschen dafür zu gewinnen. Oft gelingt so etwas aber erst, wenn die Leute das Ergebnis sehen. Wenn sie die Menschen fragen, was sie wollen, kriegen sie ein paar Radwege. Doch Sie erhalten keine 500 Meter lange Abraumförderbrücke als Besucherbergwerk.

Waren die Voraussetzungen damals schwieriger als heute?

Sie sind heute auf jeden Fall besser. Schon in finanzieller Hinsicht. Die Bundesregierung stellt 40 Milliarden Euro bereit, davon fließen 17 Milliarden in die Lausitz. Es gibt die breite Erfahrung der IBA und der letzten 30 Jahre, auf die man aufbauen kann. Die Brandenburgische Technische Universität in Cottbus und Senftenberg hat dazugelernt. Zur Zeit der IBA kannten 80 Prozent der Studenten das Seenland nicht. Wenn es an der Hochschule um Stadt- und Regionalplanung ging, haben die Professoren nach Berlin geblickt, oder ins Ausland. Das hat sich geändert. Jetzt gibt es eine Kooperation mit dem Bergbauunternehmen Leag. In einem Praxissemester untersuchen Studenten, wie Bereiche der Leag nach dem Ende der Kohleverstromung weiter genutzt werden können. Allerdings stellt sich grundsätzlich die Frage, wie viel Freiheit und großes Denken zugelassen wird. Es kann keine neue IBA geben. Aber man kann Formen finden, die daraus etwas in die Zukunft tragen.

Momentan scheint die Devise: Arbeitsplätze schaffen, die durch das Kohle-Ende wegfallen …

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Das haben wir auch bei der IBA erlebt. Es gab Kommentare wie: F60, so ein Blödsinn. Wir wollen Gewerbegebiete, neue Betriebe, Arbeitsplätze. Wo ist das in euren Plänen? Wie viele Jobs entstehen? Dann haben wir erklärt, dass es darum geht, attraktive Landschaften zu schaffen. Danach können Jobs entstehen. Welche und wie viele, das ist aber Sache der Firmen. Wir hatten keine DDR-Plankommission mehr, die so etwas hätte festlegen können. Aber das, was hier entstanden ist, zieht tatsächlich Unternehmer an. Ein Beispiel sind die IBA-Terrassen in Großräschen. Nur wenige Meter davon entfernt hat der Inhaber eines hiesigen Möbelzentrums eine Ruine gerettet und zum Hotel ausgebaut. Er hat uns gesagt: Hättet ihr die IBA-Terrassen nicht gebaut, hätte ich das nie in Angriff genommen.

Das Gespräch führte Irmela Hennig.

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