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Wie die Leag in die Zukunft ohne Kohle einsteigt

Beim Aufbau neuer Geschäftsfelder geht Boxberg allerdings noch weitgehend leer aus.

Ein Kraftakt ist das Neujahrssteigen für den Feuerwehr-Nachwuchs in Jänschwalde. Sie nutzen dafür den Übungsturm der Werksfeuerwehr des Braunkohlekraftwerks.
Ein Kraftakt ist das Neujahrssteigen für den Feuerwehr-Nachwuchs in Jänschwalde. Sie nutzen dafür den Übungsturm der Werksfeuerwehr des Braunkohlekraftwerks. © dpa

Rund 8.000 Jobs werden sie nicht erhalten können bei der Lausitz Energie Bergbau AG und der Lausitz Energie Kraftwerke AG, zusammen kurz Leag. „Aber so viele wie möglich, gerade auch für die jungen Leute bei uns“, sagt Leag-Pressesprecher Thoralf Schirmer. Der Braunkohleförderer und -verstromer mit Verwaltungssitz in Cottbus muss sich wegen des beschlossenen Kohleausstiegs umorientieren, wenn er in Südbrandenburg und Nordostsachsen weiter als großes Unternehmen und Arbeitgeber am Markt bleiben will.

Thoralf Schirmer macht aber auch deutlich: „Wir können die Strukturentwicklung nicht allein leisten. Das kann man nicht von uns erwarten.“ Die Politik sei gefragt. Sei müsse die Basis bereitstellen, um Industriearbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen. Die Leag arbeitet indes schon an neuen Geschäftsfeldern. Die SZ gibt einen Überblick, dazu wie die Strategie aussieht, was schon läuft und was künftig geplant ist.

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Die Grundlage: Unternehmen setzt auf drei Säulen für die Entwicklung

Frank Mehlow, ein gebürtiger Lausitzer, der beruflich schon in München, Bayreuth und Hannover tätig war, kümmert sich bei der Leag mit Kollegen um die Entwicklung neuer Zukunftsfelder außerhalb des Braunkohlesektors. Er spricht von drei Säulen, mit denen das Unternehmen den Wandel schaffen will. Säule eins bleibe so lange wie es möglich sei das Kerngeschäft, also Kohle fördern und verstromen. „Damit verdienen wir Geld, um anderswo zu investieren“, so Pressesprecher Thoralf Schirmer. 

Säule zwei ist es, „Teile des Kerngeschäfts daraufhin zu prüfen, ob sich damit Drittkunden gewinnen und bedienen lassen“, so Frank Mehlow. Ein Beispiel sei die Leag-Hauptwerkstatt in Schwarze Pumpe. Dort warten und reparieren rund 300 Mitarbeiter Maschinentechnik und Schienenfahrzeuge – bis vor Kurzem nur für das „eigene Haus“, nun auch für andere Kunden. Die dritte Säule widme sich neuen Bereichen, zum Beispiel den erneuerbaren Energien. „Auch Zukäufe von Unternehmen sind denkbar“, sagt Frank Mehlow.

Überall denkbar: Bahnbetrieb, Prozessdampf, Ansiedlungen

Es gibt Geschäftsfelder, die die Leag prinzipiell an allen Standorten entwickeln oder als Drittkundengeschäft anbieten kann. Derzeit arbeitet das Unternehmen daran, im Bahnsektor in die Logistik- und Cargobranche einzusteigen. Dafür warte man auf die Genehmigung des Eisenbahnbundesamtes. Dann könne das eigene Schienennetz ausgebaut werden, außerdem möchte die Leag andere Netze nutzen. Man könne dann beispielsweise für Dritte Waren transportieren oder das Leag-Netz zur Verfügung stellen. 

„Eine Diesellok haben wir angeschafft“, sagt Thoralf Schirmer. Das sei nötig, weil im internen Betrieb elektrische Züge fahren. Weiter setzen will man auf Prozessdampf, also Wasserdampf, der bei der Kohleverstromung entsteht. Der werde schon an andere Betriebe, so an eine Papierfabrik, und an Städte zur Fernwärmeversorgung geliefert. Auch ein Projekt: Nicht genutzte Flächen an Kraftwerksstandorten können für die Ansiedlung von Industriebetrieben vorbereitet und zur Verfügung gestellt werden. „Damit helfen wir anderen Firmen und gewinnen so vielleicht auch Drittkunden“, schätzt Mehlow.

Ein Kraftakt anderer Art ist es für die Leag selbst, den Weg aus der Kohle zu meistern.  
Ein Kraftakt anderer Art ist es für die Leag selbst, den Weg aus der Kohle zu meistern.   © dpa

Im Netz: Virtuelle Kraftwerke für erneuerbare Energien bieten

Auf reges Interesse stoße es, virtuelle Kraftwerke der Leag auch Drittkunden anzubieten. Die Anlagen für die Energieerzeugung bei der Leag sind seit 2007 intelligent vernetzt. Der Stromerzeuger bindet nun zum Beispiel Fotovoltaikanlagen und Windkraftwerke – also dezentrale Anlagen – auf Wunsch ein ins System. Leag energy cubes (Energiewürfel) heißt das Projekt. Die Partner werden von der Leag vermarktet und über ein zentrales Leitsystem ferngesteuert sowie überwacht; die Leag übernimmt die Kommunikation mit dem Netzbetreiber. „Und wir sichern ab, dass Energie auch zur Verfügung steht, wenn eine der Partneranlagen ausfällt“, so Thoralf Schirmer.

Jänschwalde & Welzow: Neues Kraftwerk, Recycling und Solaranlage

Ab 2021 errichten die Leag und Veolia Deutschland in Jänschwalde ein neues Kraftwerk auf Basis von Ersatzbrennstoffen, also Abfall. 50 Jobs entstehen. Das Kraftwerk kann rund 100.000 Haushalte mit Strom und 30.000 Haushalte mit Fernwärme versorgen. Gerade angekündigt wurde der Bau eines Sekundär-Rohstoff-Zentrums auf den heutigen Tagesanlagen des Tagebaus Jänschwalde. 

Ab 2023 sollen da überwiegend mineralische Abfälle aus Bau- und Abbrucharbeiten aufbereitet werden. Sie können zum Beispiel beim Straßenbau zum Einsatz kommen. Die Leag könne damit auch Baustoffe aus eigenen Anlagen verarbeiten, die abgerissen werden. Geplant ist in Jänschwalde zudem eine Deponie für nicht verwertbare Abfälle. In Welzow Ende 2019 ging in Welzow ein Zehn-Megawatt-Solarpark in Betrieb.

Schwarze Pumpe: Großbatterie, Solarpark und Wasserstoffzentrum

Mitte 2020 soll die BigBattery, eine Großbatterie, im Industriepark Schwarze Pumpe in Betrieb gehen. 13 Container mit den Batteriemodulen wurden aufgebaut. Die 50-Megawatt-Anlage sei derzeit die größte ihrer Art in Europa, wie Frank Mehlow sagt. 25 Millionen Euro werden investiert. Brandenburg fördert das Vorhaben. Der Speicher solle künftig helfen, das Netz zu entlasten, wenn zu viel Strom in diesem sei. Er sei groß genug, um Teil eines Verbundes von Großspeichern zu werden. Die Leag ist in Schwarze Pumpe auch beteiligt an einem Reallabor-Vorhaben. 

Bis 2025 soll mit fünf weiteren Partnern ein Wasserstoff- und Speicherkraftwerk entstehen. Dort wird durch Wind- und Solarproduktion zu viel erzeugter Strom zur Elektrolyse von Wasser genutzt. Mit dem so produzierten Wasserstoff kann man zum Beispiel wieder Strom erzeugen oder Busse antreiben. Auch die erwähnte Hauptwerkstatt für die Wartung von Schienenfahrzeugen hat ihren Standort in Schwarze Pumpe.

Cottbuser Ostsee: Neue Wohnformen, aber die Leag wird kein Touristiker

Eine zweite Museums-F60 wird die Leag nicht aufstellen am Cottbuser Ostsee oder an einem der Tagebaue. Gemeint ist eine über 500 Meter lange Förderbrücken zum Transport von Abraum. Noch sind vier aktiv in den Tagebauen Welzow-Süd, Nochten, Jänschwalde und Reichwalde. In Lichterfeld im südbrandenburgischen Landkreis Elbe-Elster wurde eine als Besucherbergwerk platziert und lockt um die 100.000 Gäste pro Jahr an. „Das wird einzigartig bleiben“, verspricht Thoralf Schirmer. Keine der noch genutzten Stahlkolosse werde zur Lichterfelder F60 in Konkurrenz treten. 

Die Leag plane nicht, ins Tourismusgeschäft einzusteigen. Mit Blick auf den entstehenden Cottbuser Ostsee gebe es aber Interesse an einer Quartiers- und Immobilienentwicklung, an neuartigen Wohnformen. Für die sächsischen Tagebaue liege das Thema noch in der Ferne, so Mehlow.

Boxberg: Erste Ideen, aber noch keine konkreten Projekte

Projekte wir für die anderen Standorte gibt es für Boxberg derzeit noch nicht. Auf unternehmenseigenen Flächen sei die Ansiedlung von Industriebetrieben denkbar. Fotovoltaik könne ein Thema werden. Die Großbatterie hätte man auch hier bauen können, so Thoralf Schirmer. Aber Schwarze Pumpe biete einen großen Industriepark mit vielen potenziellen Kunden. „Und so eine Großinvestition ist nicht mehrmals zu machen“, sagt Schirmer. Das geplante Wasserstoff-Referenzkraftwerk soll hier entstehen – da mache die Nähe der BigBattery Sinn. Zudem laufen die Kraftwerke Schwarze Pumpe und Boxberg noch bis Ende 2038. „Die Zeit brauchen wir“, meint Thoralf Schirmer. Neue Geschäftsfelder für die Leag suchen, sei ein Prozess. „Was wir nicht wollen, ist, die Leag zurückzubauen, aus Kraftwerksblöcken zum Beispiel Zuchthallen für Champignons machen.“ Es gehe um Industriearbeitsplätze. Da sei die Politik am Zug. 

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Investitionsanreize seien nötig. Auch die Wirtschaft müsse Zugang haben zu den Angeboten aus dem Strukturstärkungsgesetz. Durch die Länder Sachsen und Brandenburg gebe es bereits gute Unterstützung. Der Bund müsse nachziehen. Sachsens Wirtschaftsministerium sieht als Dreh- und Angelpunkt mit Blick auf die Leag und gemeinsame Aktivitäten zunächst auch den sächsisch-brandenburgischen Industriepark Schwarze Pumpe. Nennt aber auch das Kraftwerk Boxberg und andere „Altstandorte“wie zum Beispiel Hagenwerder. Auf dortigen Flächen sollen „innovative Unternehmen angesiedelt werden (...), die zusätzlichen Wissens- und Ideenreichtum in die Region bringen.“

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