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Feuilleton

Wie die Notbremsung eines Düsenjets

Die einen feiern eine "Corona-Party", die anderen plagen Existenzängste. Teil 2 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Bildstelle

Bin sehr früh aufgewacht. Sofort am Schreibtisch losarbeiten kann ich nicht. Ich setzte mich ins Auto, fahre ein paar Kilometer nach Schmorsdorf. Das liegt hoch über dem Müglitztal. Ich kurve ein Stück Richtung Maxen, parke an der Friedenslinde. Das Elbtal liegt ausgebreitet vor mir, die Sächsische Schweiz zeigt im Sonnenaufgang ihre Gipfel. 300 Meter über Null ein strategisch weitsichtiger Platz. Im Siebenjährigen Krieg standen Feldherren hier, später blickte Napoleon über das Land und noch später Generäle der Sowjetarmee. Die Sonne geht auf, Vögel zwitschern, der Wind reißt an meiner Jacke.

Ich renne runter nach Schmorsdorf zu der Linde, die schon fast 1.000 Jahre hier stehen soll. Sie hält, wie eine feine Dame, ihr Geburtsdatum geheim, ist aber alt genug, um alle Feldherren überlebt zu haben. Ich krieche in die Höhle des Stammes, rede mir etwas von Energie ein, die der Baum ausstrahlt und komme mir total komisch vor, als ich mich bauchwärts an die Rinde lehne. Dann laufe ich zurück, entdecke im Wald kurz vorm Parkplatz ein vielleicht 80 Zentimeter hohes steinernes Modell, das aussieht wie die Frauenkirche. Wer stellt die Frauenkirche mitten in den Wald?, frage ich mich.

Die gesunde Drittelstunde

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Von hundertzwanzig auf null Prozent

Auf der Rückfahrt höre ich Radio und Emmanuel Macrons Stimme, die sagt, wir seien im Krieg gegen einen unsichtbaren Feind. Plötzlich klingelt mein Telefon. Ein Freunde fragt mich, wie es mir gehe. Ich frage ihn dasselbe. Er sagt etwas von durchhalten. Der Dresdner arbeitet als selbstständiger Veranstaltungstechniker, bekommt gerade keinen einzigen Auftrag, obwohl er noch vor wenigen Tagen klagte, dass er die Arbeit kaum schaffe. „Von hundertzwanzig auf null Prozent in Nullkommanichts, das ist wie eine Notbremsung eines Düsenjets ohne Fallschirm“, sagt er. 

Bei der IHK habe er angerufen und gefragt, ob es Ideen für Hilfen gebe, aber die konnten keinerlei Auskunft geben. „Wir kriegen das hin“, sagt er. „Ganz bestimmt“, sage ich. Inzwischen bin ich in meinem Home-Office angekommen, arbeite am Schreibtisch.

Wie in einem Roman von Juli Zeh

Meine Frau ist Deutschlehrerin, fährt im Moment noch arbeiten. Seit Montag organisiert sie mit Kolleginnen und Kollegen in ihrem Gymnasium die Notbetreuung, bereitet Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler vor. Ein Thema für ihrer Abiturklasse ist das Buch „Corpus Delicti“ von Juli Zeh. Der Roman spielt in der Zukunft in einem Überwachungsstaat, der seinen Bürgern ein gesundes und langes Leben ermöglichen will. Zur Erreichung des Ziels kontrolliert der Staat die Lebensführung jedes Einzelnen. Körperliche Gesundheit der Bürger gilt als herrschende „Methode“. Sie beansprucht für sich Unfehlbarkeit. Als die anfänglich methodentreue Protagonistin Mia Holl das System des Unrechts beschuldigt, wird sie zur Staatsfeindin und Integrationsfigur von Widerstandszellen. Unterstützt von Mias Gegenspieler, dem Intellektuellen und Journalisten Heinrich Kramer, bringt die Justiz sie zum Schweigen.

Ich bekomme eine Whatsapp-Nachricht mit einer Einladung zu einer „Corona-Party“. Es gehe darum, sich zu treffen, zu feiern, um sich gegenseitig mit dem Virus anzustecken, die Krankheit zu überstehen und dann immun zu sein. Ich lehne ab, antworte, dass ich das für eine dämliche Idee halte. Bekomme einen Smiley mit hochrotem Kopf zurück.

Den Virus ins Abseits befördern

Den ganzen Tag halte ich Kontakt zu meinem Sohn. Er fährt von München mit dem Zug nach Hause. Er hat Semesterferien, bekam aber von der bayerischen Hochschule, wo er studiert, die Nachricht, dass erst nach den Osterferien entschieden werde, wann das Semester wieder startet. Der ICE verspätet sich um zwei Stunden. Mein Sohn schreibt: „Hatte ganz vergessen, dass es ja immer noch die Deutsche Bahn ist.“​

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Am späten Nachmittag klingelt es an der Wohnungstür. Der DHL-Bote bringt ein Paket für die Nachbarn. Im gleichen Augenblick kommt auch schon der Junge von nebenan und holt das Päckchen. Er geht in die erste Klasse und muss jetzt zu Hause bleiben. Meine Frau und ich hatten schon am Sonntag dem Ehepaar in der Nachbarschaft, das weiterhin täglich auf Arbeit fährt, angeboten, sie könnten gern ihren Sohn ab und an mal zu uns bringen, ich sei ja im Home-Office. Wir könnten dem Nachwuchs irgendwelche Aufgaben geben. Die Mutter bedankte sich, wollte es sich überlegen. Der Erstklässler sagt jetzt: „Wenn ich diesen Corona treffe, dann spiele ich mit ihm Fußball und haue ihn ins Abseits. Das schaffe ich, kannst du mir glauben.“

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer

Teil 1: Einfach mal anhalten, wenn die Welt durchdreht