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Wie die Profis aus dem Erzgebirge

Der Rothenburger Bernd Krämer ist Hobbyschnitzer. Manche seiner Werke kann man in der Region bewundern. Nur in seiner Heimatstadt noch nicht.

© André Schulze

Von Frank-Uwe Michel

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Rothenburg. In der Mitte der Werkstatt steht sein wichtigstes Hilfsmittel: der Schnitzergalgen. Natürlich selbst hergestellt. Wie auch manches der vielen Werkzeuge, die in langer Reihe an den Wänden hängen oder – wie eine Schleifmaschine – auf der Werkbank auf ihren Einsatz warten. Zwischendurch stehen auf Regalen jene Schnitzereien, mit denen es Bernd Krämer in den vergangenen Jahren zu lokaler Berühmtheit gebracht hat. Denn: In und um Rothenburg schätzt man die Arbeiten des Hobbyschnitzers, der diese Tugend zwar nicht aus der Not heraus, sie aber wohl darin zu einer großen Kunst gemacht hat.

Es war irgendwann Mitte der 2000er Jahre. Da plauschte der Rothenburger, wie so oft, wieder mal mit seinen Nachbarn, die aus dem Erzgebirge stammen, wo man berühmt ist für filigrane Schnitzerei. „Wie es manchmal so ist – ein Wort ergibt das andere. Weil ich schon immer gern gezeichnet habe und mir das räumliche Denken nie schwergefallen ist, ließ ich mich zu der Bemerkung hinreißen, Schnitzen könne doch gar nicht so schwer sein“, erzählt der 62-Jährige. Nach diesem Satz steht Krämer unvermittelt auf und nimmt einen Bergmann von der Wand: „Das ist mein Erstlingswerk. Recht unbeholfen“, findet er. Dass daraus bald Perfektion werden sollte, konnte er damals noch nicht ahnen. Immerhin schenkten ihm der Nachbar und seine inzwischen verstorbene Frau einen einwöchigen Schnitzerurlaub in Annaberg-Buchholz. „Dort habe ich das Methodische gelernt, die Grundlagen. Zum Beispiel, wie man die Proportionen hinbekommt und dass ein Kopf von der Größe her achtmal in einen Körper passen muss.“ Seitdem war Krämer mehrmals im Erzgebirge und hat sich bei den Könnern der Zunft manchen Trick abgeschaut.

Als EU-Rentner, der einen dreifachen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule verkraften musste, hat er seit 2007 noch mehr Zeit als früher. Gleichzeitig aber ist das Schnitzen für ihn eine Möglichkeit, Freude und sinnvolle Beschäftigung gleichermaßen in seine Tage zu bringen. „Ich sitze sehr oft in meiner Werkstatt, im Winter noch mehr als im Sommer.“ Doch auch in der warmen Jahreszeit hat Bernd Krämer mit seinem Hobby alle Hände voll zu tun. Erst jüngst ist hinter seinem Haus eine Blockhütte entstanden, vor der – natürlich – ein Bär wacht. Ein Adler beäugt aufmerksam die Umgebung.

Vor vier Jahren hat Krämer beim Countryfest in Daubitz beobachtet, wie aus Holzblöcken mithilfe von Motorsägen zwar etwas grobe, auf jeden Fall aber stattliche Kunstwerke werden können. „Das, dachte ich mir, probierst du auch. Seitdem habe ich mir einige Sägen angeschafft, mit denen ich ganz unterschiedlich arbeiten kann.“ Das geschieht meist auf einem separaten Platz im Vorgarten seines Grundstücks in Rothenburg – unter den Augen von Elka, einer altdeutschen Schäferhündin, die seine neue Lebenspartnerin mit in die Familie gebracht und die ihren Lieblingsplatz auf einem Hügel aus Sägespänen gefunden hat. Von dort aus beobachtet sie geradezu abgöttisch ihren „Chef“, wie er aus Baumstämmen Adler, Bären oder andere Figuren macht. Der bekannteste von Bernd Krämer geschaffene Teddy hat seinen Platz auf dem Spielplatz in Geheege gefunden, von wo er zwischenzeitlich gestohlen wurde, inzwischen aber wieder aufgetaucht ist und nun diebstahlsicher montiert werden soll. Den Geheegern hat der Hobbyschnitzer fürs Feierabendbier noch einen Stammtisch spendiert. In Dunkelhäuser beobachtet eine Eule aufmerksam die Gegend, in Biehain hat ein Adler seinen Platz gefunden.

Kleinere Figuren für den Innenbereich stellt Bernd Krämer am liebsten aus Linde her, wobei das Holz aus dem Erzgebirge qualitativ noch besser ist als das einheimische, hat er festgestellt. Bei Skulpturen für draußen greift er auch auf Eiche, Fichte oder Douglasie zurück. „Freunde rufen mich immer wieder an, wenn sie passendes Holz für mich entdeckt haben. Auch ein Bekannter, der Forstingenieur ist. Der hat natürlich einen besonders gut geschulten Blick.“

Der Hobbyschnitzer lebt gern in Rothenburg, doch in seiner Heimatstadt hat er sich noch nicht verewigt. Jetzt, im 750. Jahr ihres Bestehens, wäre das zumindest eine Überlegung wert. „Noch ist niemand auf mich zugekommen. Aber wer weiß, vielleicht ergibt sich das ja in den nächsten Monaten noch.“