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Görlitz

Wie Görlitzer Gastronomen mit der Schließung umgehen

Um das Coronavirus einzudämmen, sind jetzt auch Gaststätten zu. Drei Gastronomen erzählen, wie es ihnen geht und was sie jetzt tun. Größte Belastung: das Ungewisse.

Nancy Scholz vom Café Herzstück näht derzeit Munschutzmasken.
Nancy Scholz vom Café Herzstück näht derzeit Munschutzmasken. © Susanne Sodan

Nancy Scholz näht jetzt Mundschutzmasken fürs Klinikum. Aus weißer Kochbaumwolle. Ob sie je angefordert werden, sie hofft es zwar nicht, "aber wir fangen jetzt an", sagte sie am Sonnabend. Am Sonntag erreichte sie dann ein Aufruf  der  Kinderkrebsstation Dresden, dass Schutzmasken für Personal und die Kinder gebraucht werden. Nancy Scholz ist die Inhaberin des Café Herzstück in der Görlitzer Altstadt. Das erste vegane Café in Görlitz - und Nähcafé. "Wir nehmen jeden Tag, wie er kommt", sagt sie.

Laut Allgemeinverfügung  durften Gaststätten Ende der Woche noch von 6 bis 18 Uhr öffnen. Zwei Tage später wurde die Regelung verschärft, die in der Nacht zu Sonntag in Kraft trat: Auch Friseure, Baumärkte und Gaststätten müssen schließen. Für Letztere ist weiterhin ein Außer-Haus-Verkauf zwischen 6 und 20 Uhr sowie Abhol- und Lieferservice erlaubt. 

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Die Brüderstraße, Untermarkt und Neißstraße sind in Görlitz die Restaurant-Straßen. Dieser Tage bleibt es hier still. 
Die Brüderstraße, Untermarkt und Neißstraße sind in Görlitz die Restaurant-Straßen. Dieser Tage bleibt es hier still.  ©  Nikolai Schmidt

"Ich erlebe gerade ganz viel Solidarität"

"Ich bin sehr ruhig", sagt Nancy Scholz. "Vielleicht, weil wir es nicht ändern können." Das sei für sie gleichzeitig das Belastendste. "Uns fehlt das Adrenalin." Wie viele andere Gastronomen auch, bietet sie einen Lieferservice an. "Wir erfahren eine ganz große Solidarität." Zum Beispiel durch Arztpraxen und Firmen im Viertel, die Sammelbestellungen fürs Mittagessen aufgegeben haben, "oder jemand hat einen Gutschein für 50 Euro gekauft." Das Café Herzstück auf der anderen Seite hat Lebensmittel zur Görlitzer Tafel gebracht, näht Mundschutzmasken. "Wir sitzen jetzt alle im selben Boot. Alle scheinen zu denken, sie müssen da jetzt alleine durch. Aber das ist nicht so, wir können uns gegenseitig unterstützen." 

Das Café ist jetzt zu, den Abhol- und Lieferservice betreibt Nancy Scholz weiter. Ums Geld gehe es dabei nicht. "Das können wir derzeit sowieso nicht reinholen." Es sei vielmehr ein Spagat zwischen Verantwortung, Moral und Versorgung. "Es gab welche, die haben angerufen, um zu fragen, ob am Sonntag Brunch ist. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln", erzählt Nancy Scholz. "Wir sind ständig mit dem Gesundheitsamt in Verbindung, desinfizieren alles". Maximal vier bis sechs Personen durften in den vergangenen Tagen noch ins Café. Tatsächlich war es die meiste Zeit leer, so auch am Sonnabendnachmittag. Die andere Seite: Vereinzelt kamen zum Beispiel ältere, alleinstehende Menschen zu ihr, "weil sie einfach mal kurz mit jemanden reden wollen. Ich merke das an mir selbst: Ich rede gerade total viel", sagt Nancy Scholz. "Es ist wirklich ein Spagat: Wir versuchen, für die Leute da zu sein, so verantwortungsvoll wie wir können." 

"Ich habe noch nie erlebt, dass wir so gehemmt sind"

Renate Kruppas hat am Sonntag das Restaurant Schwibbogen geschlossen, ebenso das gleichnamige Hotel. "Ich weiß gar nicht richtig, was ich jetzt in der Zeit mache", sagt sie. "In den vergangenen Wochen haben die Gäste in einer Tour storniert. Fast alles wurde abgesagt", erzählt sie. "Ich habe Verständnis dafür. Das ist klar in der jetzigen Situation." Aber auch Angst, wie es weitergehen soll. "Wir müssen einfach sehen, dass wir es schaffen." 

Im Tourismus lege man sich Geld für die schwächeren Wintermonate zurück, erklärt sie. Aber der Winter ist jetzt eigentlich vorbei. "Maximal drei Monate kann ich so durchhalten." Ihre Hoffnung: Dass sich das Virus mit dem Runterfahren des öffentlichen Lebens möglichst rasch eindämmen lässt. Und die Menschen nach dieser Zeit Lust haben, die hiesigen Gastronomen zu unterstützen und hingehen. "Ich denke gerade oft an die Kollegen, die gerade erst neu angefangen haben. Für die ist das alles noch viel schwerer." Und an ihre Mitarbeiter. "Das sind alles Leute mit Familie, die verlassen sich auf mich." 

Für die Wirtschaft sind von Bund und Freistaat verschiedene Hilfsprogramme angekündigt, darunter vereinfachtes Kurzarbeitergeld, unbegrenzte Kredite für Firmen, Soforthilfen für Selbstständige. Viele, auch Renate Kruppas, fragen sich, ob das so schnell ankommt. 

"Eigentlich bin ich schockiert. In all meinen Berufsjahren habe ich es noch nie erlebt, dass wir so gehemmt sind." Die Mitarbeiter von Restaurant und Hotel machen im Winter Jahresurlaub. "Wir hatten jetzt alle frei. Jetzt nochmal über mehrere Wochen. Ich weiß gar nicht richtig, was ich jetzt mache. Nochmal den Kleiderschrank sortieren?" 

"Ich dachte, wir müssen viel früher schließen"

Frohe Weihnachten, ruft ein Gast Gerd Lehmann im Gehen zu. "Guten Rutsch!", antwortet er. Er ist der Inhaber des Irish Pub an der Hospitalstraße. Dass es so lange dauert mit der Schließung vieler Einrichtungen wie seinem Pub, hofft er nicht gerade. Er hat ihn bereits Mitte der Woche geschlossen. "Mich betrifft das zwar, aber ich sehe ein, dass diese Maßnahmen notwendig sind", sagt Lehmann. "Es ist eine besondere Situation, eine Notsituation."

Gerd Lehmann ist der Inhaber des "Kings Pub" auf der Hospitalstraße. 
Gerd Lehmann ist der Inhaber des "Kings Pub" auf der Hospitalstraße.  © Archiv: Nikolai Schmidt

Am Dienstag, 17. März, wäre bei Gerd Lehmann normalerweise Hochbetrieb gewesen: St. Patricks Day. "Da kann man hier eigentlich kaum stehen", erzählt er. Dieses Mal war es anders. Geöffnet hatte Lehmann am Dienstag zwar noch, Programm ebenso den Live-Musikern, die eingeladen waren, hat er aber abgesagt. "Man hat in den Tagen davor schon gemerkt, dass weniger Gäste kamen", erzählt er. "Ehrlich gesagt hatte ich gedacht, wir müssten viel früher schon schließen", sagt er. "Ich hätte die Entscheidung sogar radikaler getroffen: 14 Tage alles zu außer die wirklich lebensnotwendigen Einrichtungen." 

Manchen Punkt fand Lehmann in der ersten Allgemeinverfügung für sich als Betreiber eines Pubs nicht ganz eindeutig. Aber vermutlich hätte auch er noch öffnen dürfen. "In meiner Gewerbeanmeldung steht Schank- und Speisewirtschaft", erklärt er. Er hat sich dagegen entschieden. "Viele Touristen, auf die wir angewiesen sind, sind nicht da", sagt er. Spagat auch bei ihm. Auch er hofft darauf, dass sich die Schließzeit nicht zu lange hinzieht. Auf der anderen Seite: "Es gibt gerade Wichtigeres. Ein Pub ist kein Krankenhaus", sagt er. "Es ist eine ernste Lage, aber viele sind die vorigen Tage trotzdem noch miteinander umgegangen wie vor Monaten." 

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