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Wie drei Dresdner das Leben von Vierbeinern retten

Die SZ stellt Erfindungen von hier vor, die unser Leben verbessern. Teil 9: Purapep - ein neuer Blutdrucksenker für Hunde und Katzen.

Das Team von Purapep: die Lebensmittelchemikerinnen Diana Hagemann (l.), Julia Degen und der Wirtschaftsingenieur Geralf Zimmermann.
Das Team von Purapep: die Lebensmittelchemikerinnen Diana Hagemann (l.), Julia Degen und der Wirtschaftsingenieur Geralf Zimmermann. © Norbert Millauer

Sie lieben es, draußen unterwegs zu sein. Sie kuscheln gern und manche dürfen sogar mit im Bett schlafen. So ein Leben als Hund oder Katze ist in den meisten Fällen sehr bequem. Für viele Halter sind sie richtige Familienmitglieder, nur eben mit Fell. Umso schwieriger ist es für die Menschen, wenn ihr flauschiger Liebling plötzlich krank wird. 

Arthrose beim Hund oder Diabetes bei der Katze sind längst keine Seltenheit mehr. Immer mehr Vierbeiner leiden an Bluthochdruck. Je mehr Blut das Herz in die Hauptschlagader pumpt, je weniger dehnbar die Gefäßwand der Adern ist, umso höher ist der Blutdruck. Wie beim Menschen kann das auch den Tieren gefährlich werden. Dresdner Lebensmittelchemiker wollen ihnen in dieser Situation helfen – mit Molke.

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Ein Milchprodukt für Hund und Katze? Das Ganze hat einen guten Grund, und der ist mit bloßem Auge allerdings gar nicht zu erkennen. Es geht um bioaktive Peptide. Sie entstehen beim Spalten von Eiweißen und kommen in verschiedensten Lebensmitteln vor, vor allem jedoch in Milchprodukten. „Mit den positiven Auswirkungen auf den menschlichen Organismus beschäftigt sich die Forschung schon länger“, erklärt die Lebensmittelchemikerin Diana Hagemann. Peptide, die bei Entzündungen helfen oder Schmerzen lindern, wurden schon gefunden. Sie können außerdem Cholesterin senken oder auch krebshemmend wirken.

Vor einigen Jahren zeigte eine Gruppe von Dresdner Lebensmittelchemikern und Wissenschaftlern des Instituts für Physiologie der TU Dresden bereits, was bioaktive Peptide aus der Molke können. Sie interagieren im Körper mit dem Enzym ACE, das für die Blutregulation zuständig ist. Durch die Peptide wird das Enzym gehemmt. Es ist eine Möglichkeit, das Herz-Kreislauf-System positiv zu beeinflussen.

Lebensmitztelchemikerin Diana Hagemann macht im Labor aus Milch ein Mittel gegen Bluthochdruck.
Lebensmitztelchemikerin Diana Hagemann macht im Labor aus Milch ein Mittel gegen Bluthochdruck. © Norbert Millauer

In den vergangenen Monaten sind Diana Hagemann und Julia Degen immer wieder zwischen Labor und Container unterwegs. Sie gehören zum Lehrstuhl für Lebensmittelchemie, kümmern sich nun aber auch darum, dass Hunde und Katzen schon bald von den positiven Eigenschaften der bioaktiven Peptide zu spüren bekomen. In einem kleinen Baucontainer hinter dem Hörsaalzenturm der TU Dresden arbeiten sie daran. Dort ist ihr Start-up, die Peptrition GmbH, erst einmal untergebracht.

Mit dem Wirtschaftsingenieur Geralf Zimmermann bereiten sie die Markteinführung von Purapep vor, einer speziellen Futterergänzung für Haustiere. „Wir wollen das erste Produkt im Spätsommer auf den Markt bringen“, sagt Julia Degen. Wie soll es verpackt sein, wie im großen Stil produziert und vertrieben werden? Aus Chemikerinnen werden jetzt Marketingexperten und Logistiker.

Wenige Gramm Purapep dem Futter beigemischt, das korrigiert den Bluthochdruck von Hund und Katze. 
Wenige Gramm Purapep dem Futter beigemischt, das korrigiert den Bluthochdruck von Hund und Katze.  © Norbert Millauer

Das Verfahren, das die Molkeproteine mithilfe von Enzymen aufspaltet, hat Diana Hagemann entwickelt. Dabei entstehen nicht nur die bioaktiven Peptide, sondern auch die essenzielle Aminosäure Tryptophan, eine Vorstufe des Glückshormons Serotonin. Der Stoff beeinflusst den Nährwert positiv. „Für Hunde und Katzen ist das eine sehr hochwertige und natürliche Proteinquelle, die gut vom Körper aufgenommen werden kann“, erklärt es die Wissenschaftlerin. Das wirke sich positiv auf das Wohlbefinden der Tiere aus. Aus rechtlichen Gründen dürfen die Forscher noch nicht auf ihr Produkt schreiben, dass es bei Bluthochdruck wirkt. „Obwohl das natürlich unsere eigentliche Innovation ist.“

Gerade hat eine große Feldstudie begonnen, die ein unabhängiger Studienanbieter für die Gründer durchführt. Sechs Wochen läuft die und soll am Ende die Wirkweise von Purapep untermauern und bestätigen. „Dann haben wir etwas in der Hand, das wir auch offiziellen Behörden vorlegen können“, erklärt Geralf Zimmermann den Grund für die Studie. Wenn die Peptrition GmbH mit dieser Wirkung für sich werben könnte, wäre es in Zukunft leichter. Wichtige Partner sind die Tierärzte. Immer wieder tauschen sich die Wissenschaftler mit ihnen aus, stellen ihnen auch ihre Neuentwicklung vor.

Das weiße Pulver wird zusätzlich zum eigentlichen Futter gegeben. Wenige Gramm pro Tag werden dafür über das Trocken- oder Nassfutter der Fellnasen gestreut.
Das weiße Pulver wird zusätzlich zum eigentlichen Futter gegeben. Wenige Gramm pro Tag werden dafür über das Trocken- oder Nassfutter der Fellnasen gestreut. © Norbert Millauer

Mit der Forschung an bioaktiven Peptiden soll es weitergehen. Bisher hatten die Lebensmittelchemikerinnen vor allem das Tryptophan im Blick. Doch auch andere gute Aminosäuren könnten in der Tierernährung noch eine wichtige Rolle spielen. „Wir richten unseren Fokus deshalb nun auf solche Stoffe“, sagt Diana Hagemann. 

Auch die Produktpalette soll wachsen. Purapep Comfort, das noch dieses Jahr auf den Markt kommt, ist sehr tryptophanhaltig. Anfang 2020 soll es dann eine Cardio-Version speziell für die Unterstützung von Herz und Kreislauf geben. „Heilen kann unser Mittel Bluthochdruck natürlich nicht“, macht Geralf Zimmermann deutlich. Vielmehr sei es bei Problemen als Prävention und Prophylaxe gedacht. Auch eine Essential-Variante von Purapep ist geplant. Durch eine andere Proteinquelle sollen Muskelaufbau und Vitalität vor allem bei älteren Hunden und Katzen unterstützt werden. 

Die Anwendung soll bei allen Produkten einfach bleiben. Das weiße Pulver wird zusätzlich zum eigentlichen Futter gegeben. Wenige Gramm pro Tag werden dafür über das Trocken- oder Nassfutter der Fellnasen gestreut. Für die bleibt es bequem. Draußen toben, mit Herrchen und Frauchen kuscheln und beim Fressen noch was für die Gesundheit tun.

Der Elevator-Pitch

Skurriler geht's kaum. 50 Sekunden im Fahrstuhl aufwärts, es bleiben genau elf Stockwerke Zeit, eine wichtige Erfindung oder Idee vorzustellen. Wir haben es bei Sächsische.de im Dresdner Haus der Presse gefilmt. Dann öffnet sich die Fahrstuhltür, und nichts geht mehr. Schnitt, aus. Der Elevator-Pitch mit den Erfindern ist hier im Video zu sehen. Seinen Ursprung hat das Ganze darin: Erst mal muss man eine richtig gute Idee haben, und dann zufällig eine wichtige Person im Fahrstuhl treffen. Es bleibt genau diese Zeit, um von der Idee oder dem Produkt zu überzeugen. Kommt der Fahrstuhl an, verabredet man sich auf einen Termin oder sieht sich zu diesem Thema halt nie wieder.

Erfinder-Meetup

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Die Erfinder treffen, in der Pitch-Show zuhören, mit ihnen reden und die Produkte testen - zum Erfinder-Meetup mit Wissens-Show im Haus der Presse (Dresden, Ostra-Allee 20). Die Dachterrasse vom SZ-Hochhaus mit Blick auf Dresden ist dann geöffnet, und wir stellen erstmals den neuen Newsroom von Sächsische.de und Sächsischer Zeitung vor.

Ankommen, hinschauen, staunen - am 17. Juni im Haus der Presse ab 19 Uhr, Dresden, Ostra-Allee 20.

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