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Wie Dresdens Friedhöfe zerbröseln

Zahlreiche barocke Denkmäler verfallen. Auch Ellen Hönl kann auf dem Neustädter Friedhof nur das Nötigste sichern. Nun soll die Stadt ihr Versprechen halten.

Friedhofsverwalterin Ellen Hönl hofft auf ein baldiges Umdenken in der Gesellschaft, "bevor es zu spät ist".
Friedhofsverwalterin Ellen Hönl hofft auf ein baldiges Umdenken in der Gesellschaft, "bevor es zu spät ist". © Sven Ellger

Dresden. Irgendwann ist der Grabstein einfach umgefallen. Und so liegt er nun da, mit dem Gesicht nach unten. Das steinerne Dach ist abgefallen, die eiserne Zaunumrandung der Grabstätte aus der Verankerung gerissen. Ellen Hönl schmerzt der Anblick jedes Mal aufs Neue, wenn sie hier vorbeikommt. 

Da müsste doch der Friedhof rasch etwas unternehmen, könnte man jetzt sagen. Aufstellen, Sanieren und die Grabstelle danach am besten gleich neu vergeben. Allein, die Realität sieht anders aus: Seit Jahren kämpfen die Dresdner Friedhöfe mit knappen Mitteln. Anstelle der früher üblichen Erdbestattungen entscheiden sich immer mehr Menschen für Urnen-Gemeinschaftsgräber - wenn sie denn überhaupt den Weg auf den Friedhof finden. Bestattungswälder und Seebestattungen boomen.

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Längst hat diese Entwicklung sichtbare Konsequenzen: Mit dem St.-Pauli-Friedhof in der Neustadt musste 2016 bereits der erste Dresdner Friedhof schließen. Auf dem nur zwei Kilometer entfernten Innere Neustädter Friedhof war ein Jahr zuvor eine von drei Teilflächen stillgelegt worden. "Damit gibt es für diesen Teil auch keine Einnahmen durch Gebühren mehr", sagt Ellen Hönl, die Leiterin der beiden Neustädter Friedhöfe. "Die Kosten laufen aber weiter und steigen sogar." 

Die 45-Jährige verwaltet den Mangel. Von den Gebühren und Fördergeldern kann sie jedes Jahr gerade einmal die nötigsten Sicherungen und Instandsetzungen vornehmen lassen. Für sonstige Investitionen fehlt das Geld.

Gerade bekam sie immerhin die Fördermittel für die Sanierung eines akut einsturzgefährdeten Grufthauses bewilligt, das bereits seit Jahren von einer grüne Plane anstelle eines Daches bedeckt ist. "Das wird wirklich Rettung in letzter Minute", sagt Ellen Hönl. Nun muss sie nur noch geeignete Fachleute für die Arbeiten finden, darunter Tischler, Glaser und Steinmetze.

"Rettung in letzter Minute": Die einsturzgefährdete Peterson-Gruft kann in diesem Jahr instandgesetzt werden.
"Rettung in letzter Minute": Die einsturzgefährdete Peterson-Gruft kann in diesem Jahr instandgesetzt werden. © Sven Ellger

Unzählige andere Denkmäler, zum Teil aus der Gründungszeit des Friedhofs Mitte des 18. Jahrhunderts, müssten dringend restauriert werden. Was 1731 auf Erlass Augusts des Starken errichtet wurde, zerbröselt nun vor aller Augen: Die Außen- und Zwischenmauern des Friedhofs können nur immer wieder notdürftig gesichert werden und auch für die Erneuerung der von dicken Wurzeln gesprengten Wege reichen die Budgets nichts. 

"Wenn sich nichts ändert, werden wir bald barocke Denkmäler einlagern müssen und auf bessere Zeiten hoffen", sagt Ellen Hönl, die Anfang der 90er-Jahre als Gärtnerin auf dem Friedhof begann und vor drei Jahren die Verwaltung übernahm.

Auf den meisten der insgesamt 58 Dresdner Friedhöfe ist die Lage ähnlich. Besonders die beiden Annenfriedhöfe in Löbtau und Plauen leiden unter dem fortschreitenden Verfall historischer Bausubstanz.

Deswegen haben sich nun Mitte Juni kommunale, evangelisch-lutherische, katholische und jüdische Dresdner Friedhofsträger mit einem gemeinsamen Appell an den Dresdner Stadtrat gewandt. In ihrem Brief fordern sie die Erhöhung der städtischen Fördermittel entsprechend eines vor zwei Jahren beschlossenen Friedhofsentwicklungskonzepts.

Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr erhielten alle Dresdner Friedhöfe zusammen Fördermittel in Höhe von 624.000 Euro für Grünpflege, Baumaßnahmen und den Erhalt von Grabdenkmalen und Grabstätten besonderer Persönlichkeiten. Der jährliche Bedarf wird jedoch im Konzept auf das Doppelte geschätzt. 

"Dieser Wert ließe sich bereits jetzt deutlich nach oben korrigieren", mahnen die Friedhofsträger. Hauptgründe seien die gestiegenen Baukosten, der fortschreitende Verfall der Anlagen und die massiven Schäden an den Baumbeständen durch die lange Trockenheit der vergangenen Jahre.

"Kaum eine andere Stadt Deutschlands hat so viele Friedhöfe mit einem derartigen Reichtum an Kulturdenkmälern, historischer Handwerkskunst und artenreichen Grünflächen zu bieten", schreiben die Initiatoren des Aufrufs. In den Friedhöfen spiegele sich die Kulturgeschichte Dresdens wieder. "Sie leisten einen Beitrag zu Stadtklima und Artenschutz und bieten regionalen Handwerksbetrieben eine Lebensgrundlage."

Der barocke Wappenstein inmitten des Inneren Neustädter Friedhofs müsste dringend restaustriert werden. Doch die knappen Budget geben das nicht her.
Der barocke Wappenstein inmitten des Inneren Neustädter Friedhofs müsste dringend restaustriert werden. Doch die knappen Budget geben das nicht her. © Sven Ellger

All das sei nun durch die jahrzehntelange Unterfinanzierung in höchster Gefahr. „Lange Zeit steckten die Friedhöfe bei der Förderung geduldig zurück. Jetzt aber ist der Punkt erreicht, an dem massiver kultureller Substanzverlust droht."

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Sanft streicht Ellen Hönl mit ihren Fingern über einen barocken Wappenstein, der mitten im ältesten Bereich des Inneren Neustädter Friedhofs steht. Noch. "Hier müsste dringend etwas gemacht werden", sagt sie und fügt leise hinzu: "Bevor es zu spät ist." 

Der so genannte Reitzenstein konnte im vergangenen Jahr mithilfe von Fördergeldern durch Experten gerettet werden.
Der so genannte Reitzenstein konnte im vergangenen Jahr mithilfe von Fördergeldern durch Experten gerettet werden. © Sven Ellger

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