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Wie Dynamos kuriose Verletzungen zu erklären sind

Kapitän Marco Hartmann hatte unterschiedliche Diagnosen. Jetzt erklärt der Arzt, wie so etwas passiert.

Leider ein gewohntes Bild: Mannschaftsarzt Dr. Tino Lorenz (r.) begleitet den verletzten Dynamo-Kapitän Marco Hartmann.
Leider ein gewohntes Bild: Mannschaftsarzt Dr. Tino Lorenz (r.) begleitet den verletzten Dynamo-Kapitän Marco Hartmann. © Robert Michael

Der Trainer spricht von kuriosen Verletzungen, von einem Fall für die Forscher an der Uniklinik. Tatsächlich ist die Krankengeschichte von Dynamos Kapitän eine besondere, und das nicht nur, weil sie ungewöhnlich lang ist. Marco Hartmann ist in dieser Saison schon zweimal mit einer Diagnose ausgefallen, die sich letztlich nicht bestätigt hat. Oder eben nur die halbe Wahrheit war. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls von außen haben wie gerade wieder. Erst war allgemein von Oberschenkel-Problemen die Rede, dann sprach Maik Walpurgis von einer geplatzten Vene und Anfang dieser Woche gab der Verein bekannt, dass Hartmann wegen einer angerissenen Sehne doch länger ausfällt.

Was ist da schiefgelaufen? Gar nichts! Zumindest nicht aus medizinischer Sicht. Das erklärt Dr. Tino Lorenz, der die Dynamo-Profis seit 2006 in Nebentätigkeit als Mannschaftsarzt betreut. Er schildert die Entwicklung so: Zuerst wurde bei Hartmann ein Hämatom festgestellt, eine erste MRT-Untersuchung am 12. Februar ergab, dass eine Faszie beschädigt ist, also das Bindegewebe. Hartmann pausierte, eine Woche später ergab das Kontroll-MRT einen positiven Befund, er konnte wieder trainieren. Den Ball führen, Pässe spielen, sogar schießen. Doch bei zwei Bewegungen spürte er Schmerzen: beim Abstoppen und wenn er das Bein nach hinten streckte.

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„Das passte nicht zu dem ursprünglichen Verletzungsbild“, sagt Lorenz. „Deshalb haben wir ein spezielles MRT veranlasst, bei dem die Muskelschichten im Bild bis auf einen Millimeter zerlegt werden.“ Erst dadurch wurde der minimale Einriss einer Sehne an einem kleinen Muskel sichtbar. Den unterschwelligen Vorwurf, wieso das nicht früher erkannt wurde, weist Lorenz zurück. Es gab eine richtige Diagnose und keinen Anlass, eine weitere Beschädigung des Muskels anzunehmen, und damit keinen Grund für die spezielle und zeitaufwendige Untersuchung. „Da liegt der Spieler eine Stunde im MRT.“

„Man könnte bei einer Faszienverletzung auch sagen: Wir nehmen ihn vier Wochen raus und gucken danach, wie es verheilt ist“, meint der Mediziner. „Aber das macht weder der Sportler noch der Trainer mit. Wir müssen versuchen, den Grat zu finden, wie der Muskel weiter trainiert werden kann, ohne dem Spieler zu schaden.“ Eine komplette Ruhe hätte einen Muskelschwund und damit eine längere Aufbauphase zur Folge. Im Leistungssport ist es deshalb üblich, möglichst ohne Pause mit dem Reha-Training zu beginnen. „Der Belastungsaufbau ist natürlich beschwerdeabhängig“, erklärt Lorenz, der sich dabei auf Dynamos leitenden Physiotherapeuten Tobias Lange verlassen kann. „Wir besprechen die Fälle an jedem Morgen. Er ist sehr sensibilisiert. Wenn etwas auffällig ist, steht er bei mir auf der Matte.“

Auch Justin Eilers war zu seiner Zeit bei Dynamo öfter Patient bei Dr. Tino Lorenz wie hier im Oktober 2014 beim Pokalspiel in Freiberg.
Auch Justin Eilers war zu seiner Zeit bei Dynamo öfter Patient bei Dr. Tino Lorenz wie hier im Oktober 2014 beim Pokalspiel in Freiberg. © Robert Michael

Wie war das mit dem Rippenbruch?

Wenn Probleme auftreten, wird das Pensum reduziert oder der Patient im Zweifelsfall noch mal untersucht. Das ist nicht ganz wie im normalen Leben, weil Fußball-Profis eher privilegiert sind, was solche Termine betrifft. Der Körper ist ihr Kapital – und auch das ihrer Arbeitgeber, der Vereine. Das macht das Thema so sensibel. „Wir verwenden viel Energie darauf, es den Leuten hinterher zu erklären, denen das Fachwissen bei derartigen komplexen Verletzungsgeschehen fehlt.“ Im Eishockey verzichtet man deshalb in der Regel darauf, Diagnosen bekanntzugeben. Es ist lediglich von Ober- oder Unterkörperverletzungen die Rede. Damit soll Missverständnissen vorgebeugt werden, wie es sie bei Dynamo zuletzt öfter gegeben hat.

Da wäre noch mal Hartmann. Ende November 2018 wurde bei ihm eine Einblutung im Rippenbereich gemeldet. Beim Testspiel gegen Union Berlin hatte er einen Check bekommen, aber eher gegen die Schulter als gegen die Brust. Eine Rippe bricht normalerweise nur bei einem direkten Stoß. „Unmittelbar danach hatte er keine Beschwerden“, erzählt Lorenz, „erst nachts spürte er bei einer Bewegung einen Stich im Brustkorb.“ Im Ultraschallbild war die Einblutung zu erkennen, der Arzt ging von einem kleinen Einriss der Rippenmuskulatur aus, wie er auch bei starkem Husten passieren kann. Diese Annahme passte zum Verlauf.

"Mit den Schlagzeilen müssen wir umgehen"

Tino Lorenz hat als Notarzt im Rettungshubschrauber und Oberarzt in der Chirurgie viele Menschenleben gerettet. Außer Dynamo betreut er als Mannschaftsarzt die Volleyballerinnen des Dresdner SC.
Tino Lorenz hat als Notarzt im Rettungshubschrauber und Oberarzt in der Chirurgie viele Menschenleben gerettet. Außer Dynamo betreut er als Mannschaftsarzt die Volleyballerinnen des Dresdner SC. © Robert Michael

Hartmann hat danach gespielt gegen Ingolstadt, musste allerdings zur Pause mit starken Schmerzen ins Krankenhaus gebracht werden. Das Röntgen ergab keinen Befund, also wurde eine Computertomographie (CT) gemacht. Erst im dritten Versuch, erzählt Lorenz, sei der Haarriss an der Rippe zu erkennen gewesen. „Es war ja nicht so, dass sie abstand. Aber nach außen hieß es: Rippenfraktur, schon vor 14 Tagen passiert. Das sind die Schlagzeilen, mit denen wir umgehen müssen.“ Lorenz hat viel erlebt als Mediziner, er war mit dem Hubschrauber auf Rettungseinsatz. Die Fälle, die er in seinem Buch „Am Leben“ schildert, sind erschütternd und beeindruckend zugleich. Der 56-Jährige hat vielen Menschen das Leben gerettet, auch als leitender Oberarzt in der Chirurgie.

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Seit ein paar Jahren konzentriert er sich auf seine Dresdner Praxis und die beiden Nebenjobs als Mannschaftsarzt bei Dynamo und den Dresdner Volleyballerinen. Bei ihnen spürt er keine Skepsis. „Die Mädels schicken dir eine SMS: Vielen Dank, dass ich schmerzfrei spielen konnte.“ Im Fußball wird dagegen alles öffentlich diskutiert und fahrlässig von Fehldiagnosen gesprochen. „Das ist oft sehr komplex“, sagt Lorenz. „Es geht um Muskelketten, kein Muskel funktioniert alleine.“ Manchmal verursacht eine Verletzung die nächste. Und über die mehr als 90 Prozent der Fälle, in denen der Heilungsverlauf unspektakulär ist, wird sowieso nicht berichtet.