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"Die Trucker werden allein gelassen"

Ein Schlafplatz, eine Mahlzeit, ein Arztbesuch - ein Bautzener Verein hilft, wenn Fernfahrer nicht mehr weiterwissen. Dafür sind die Mitglieder täglich unterwegs.

Bernd Treffkorn war selbst gut 30 Jahre als Fernfahrer auf den Straßen Europas unterwegs. Jetzt unterstützt er als Projektleiter des Fernfahrer-Nothilfe-Vereins andere Trucker.
Bernd Treffkorn war selbst gut 30 Jahre als Fernfahrer auf den Straßen Europas unterwegs. Jetzt unterstützt er als Projektleiter des Fernfahrer-Nothilfe-Vereins andere Trucker. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Country-Songs nennen sie die Helden oder Könige der Landstraße. Doch Bernd Treffkorn weiß: So romantisch wie in vielen Liedern ist das Fernfahrer-Dasein selten. Der 67-Jährige verbrachte selbst den größten Teil seines Berufslebens hinterm Lenkrad. Rund 30 Jahre war der Bautzener mit dem Laster zwischen Russland, Spanien und England unterwegs, brachte Frachten kreuz und quer durch Europa.

Und er weiß, wie es ist, nach langer Fahrt todmüde auf die Pritsche im Fahrerhaus zu sinken. Vorausgesetzt, der Brummifahrer hat einen Parkplatz gefunden. Und gerade davon, weiß Bernd Treffkorn, gibt es entlang der vielbefahrenen Autobahnen durch Sachsen viel zu wenige.

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Schlafplätze fehlen

Er könnte sich jetzt zurücklehnen und sein Rentnerleben genießen. Aber dann ändert sich weiterhin nichts für die Fernfahrer, ist Bernd Treffkorn überzeugt. "Die Fahrer werden doch mit ihren Problemen allein gelassen. Sie haben, wenn überhaupt, Kontakt zu ihren Dispatchern. Aber die sitzen oft Hunderte oder sogar Tausende Kilometer weit weg." In den Regionen, wo sie unterwegs sind, sehen die Menschen zwar die großen Brummis auf den Straßen, doch für die Frauen oder Männer am Lenkrad interessiere sich niemand. "Aber die Fahrer sind keine Touristen. Sie sind für uns alle unterwegs, ihre Frachten halten die Wirtschaft am Laufen."

Um die Trucker zu unterstützen, gründete Treffkorn Ende vergangenen Jahres den Verein Fernfahrer-Nothilfe-Service. Und damit traf er offenbar den Nerv vieler Oberlausitzer. Denn inzwischen zählt der Bautzener Verein schon um die 260 Mitglieder. Die meisten von ihnen sind selbst Berufskraftfahrer. Vier kreuzen tagtäglich als Helfer auf den Autobahnen, einer von ihnen ist Projektleiter Bernd Treffkorn selbst.

Um für Fernfahrer erkennbar zu sein, besorgte und beschriftete der Verein zwei Einsatzfahrzeuge, druckte Flyer mit seinen Hilfsangeboten und verteilt Karten mit der Notfall-Telefonnummer. "Wir fahren jeden Abend zwischen Görlitz und Chemnitz, in Richtung Berlin und auch auf der Cottbuser Autobahn", erklärt der Projektleiter. "Und jeden Abend treffen wir irgendwo Fahrer, die Hilfe brauchen. Meist wissen sie noch nicht, wo sie schlafen können." Hotels oder Pensionen könnten sich die Trucker von ihren meist schmalen Gehältern nicht leisten. "Wir wissen, wo noch freie Parkflächen sind, und lotsen die Fahrer dann dorthin."

Sponsoren gesucht

Es kommt auch vor, dass Fernfahrer irgendwo ein paar Lebensmittel kaufen müssen. Bernd Treffkorn und seine Mitstreiter kennen die günstigsten Einkaufsmöglichkeiten beiderseits der Autobahn und fahren mit den Truckern dorthin. Denn in Raststätten kosten eine Bockwurst und ein Kaffee schnell mal sechs Euro, das können sich die meisten Fernfahrer nicht leisten.

Ebenso begleiten die Helfer des Vereins Fahrer zum Arzt oder Zahnarzt. Als erste Nothilfe haben die Einsatzfahrzeuge Schmerztabletten und Wasserflaschen an Bord.

All das machen die Vereinsmitglieder ehrenamtlich, ohne Bezahlung. Da das Ganze aber trotzdem Geld kostet - zum Beispiel für Benzin -,  ist der Fernfahrer-Nothilfe-Service dankbar für Unterstützung. Hauptsponsor ist eine Spedition in Baden-Württemberg, die Bernd Treffkorn noch aus seinem Berufsleben kennt. "Hier in der Region hat bisher kein Spediteur Interesse gezeigt", ärgert sich der 67-Jährige.

Nachtquartiere entstehen

Mit seiner ehrenamtlichen Arbeit will der Verein dazu beitragen, dass die Tätigkeit der Fernfahrer mehr geschätzt wird. Dazu planen die Nothelfer auch Aktionen an Schulen und Jugendeinrichtungen: "Wir möchten die Wertschätzung und das Image von Berufskraftfahrern verbessern und für dieses Berufsbild und dessen Ausbildung motivieren."

Als nächstes sucht der Verein Kontakt zu einem regionalen Radiosender, der in seinen Verkehrsnachrichten auch auf freie Parkflächen für Fernfahrer hinweisen könnte. Und die Fernfahrer-Nothelfer wollen am Grenzübergang Ludwigsdorf bei Görlitz nicht mehr benötigte Gebäude der ehemaligen Zollabfertigung anmieten und dort Nachtquartiere für Fernfahrer einrichten. Da die meisten Trucker aus Ländern wie Polen oder der Ukraine kommen, sucht der Verein Mitstreiter mit osteuropäischen Fremdsprachen-Kenntnissen.

Kontakt für Hilfesuchende sowie für Unterstützer: Telefon 0157 34729887

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