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Wie ein Moslem die dänische Literatur aufmischt

Yahya Hassan ist Sohn palästinensischer Flüchtlinge. Seine Lyrik polarisiert extrem. Er bekommt Lob und Todesdrohungen.

© picture alliance / dpa

Von André Anwar, SZ-Korrespondent, Stockholm

Wenn Yahya Hassan ein blonder Urdäne gewesen wäre, hätten Kulturkritiker seine moslemkritische Gedichtsammlung wohl gar nicht wahrgenommen. Denn Hassan dichtet unter anderem über die moslemischen Einwanderer, „die zum Freitagsgebet gehen, aber an den anderen Tagen stehlen, hehlen, saufen und huren“. Aber Hassan ist kein Urdäne.

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Er ist das, was man im politisch korrekten Land nicht mehr Ausländer, sondern Neudäne nennt. Seine strenggläubige, moslemische Familie emigrierte einst aus dem arabischen Palästina in einen sozialschwachen Einwandererbetonvorort der dänischen Stadt Aarhus. Dort wurde der seit einigen Monaten in Dänemark als Sensation der Lyrikszene gefeierte junge Mann vor 18 Jahren geboren. Hassan selbst kiffte, stahl und stand gar wegen Raubversuchs vor Gericht. Und über jene Verhältnisse in „zerrütteten moslemischen Familien“ wie seiner eigenen, schreibt er nun so rücksichtslos, wie noch nie zuvor ein Einwandererkind mit moslemischem Hintergrund in Dänemark.

Im ersten Gedicht seines Bandes, der nun im Vorweihnachtsgeschäft zum absoluten Verkaufsschlager avanciert ist, heißt es unter dem Titel „Kindheit“: „Fünf Kinder aufgereiht und ein Vater mit Schlagstock. Viel Geheul und eine Pfütze Pisse“. Es geht darum, wie albtraumhaft die Kinder in diesen Familien zum einen ihre aggressiven Eltern und dann auch noch die unverständigen, feindlich gesinnten Dänen im „kalten Land“, ertragen müssen.

So fucking wütend

Er ist sprachlich nicht brillant, aber die Kombination aus klassischem schönen Dänisch und grobem jugendlichen Einwandererdialekt begeistert derzeit die dänischen Kulturkritiker. Den Stein ins Rollen brachte, dass ein Ghettobewohner so rücksichtslos und undifferenziert über die Eigenen referiert.

„Ich bin so fucking wütend auf meine Elterngeneration“, sagte er Anfang Oktober in „Politiken“. Seine Eltern hätten ihn – wie die vieler Einwandererkinder – nach Dänemark gebracht und ihn dann mit einer Portion Hass sich selbst überlassen. Ständig hieß es zu Hause, wie schlecht Dänemark ist, wie verkommen die Dänen sind. Dass diese die Moslems verabscheuen. Dass es gar keinen Sinn habe, sich mit den falschen, ungläubigen Dänen anzufreunden. Es gab keine Vorbilder bis auf das abstrakt muffige Bild Allahs, so Yahya Hassan. Jede aufkeimende Motivation der Kinder, in dem neuen Land wohltuende, integrative Wurzeln zu schlagen, Vertrauen in die Gesellschaft Dänemarks aufzubauen, wäre durch psychische und körperliche Misshandlung der Eltern zunichte gemacht worden, so der Tenor des jungen Dichters.

Zwei Wochen nach dem Interview erschien der Gedichtband in einer sagenhaften Auflage von 25 000 Exemplaren. Das Buch trägt, weil so persönlich, den Namen des Dichters als Titel. Die Bücher – vor allem von der konservativ-rechten Presse in den Himmel gelobt – verkauften sich wie warme Semmeln und sollen nun im Vorweihnachtsgeschäft alle Rekorde für Gedichtbände brechen.

Hassan ist „unfreiwillig“, wie er sagt, zu einem Sprecher der „jungen, wütenden Generation moslemischer Eltern geworden“. Der Ruhm hat seinen Preis.

Polizeischutz rund um die Uhr

Nicht nur seine gläubige Mutter hat sich von ihm losgesagt. Hassan wurde auf der Straße von Moslems angegriffen. Er erhielt so viele Morddrohungen, dass er nun rund um die Uhr von der Polizei beschützt werden muss, wie der Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard. Er sei ein Nestbeschmutzer, ein Verräter.

Gleichzeitig feiern die Fremdenfeinde in Dänemark den arabischstämmigen Dichter. Der bestätige alle Vorurteile, nach dem Motto: „der ist einer von denen und sagt, was wir schon immer wussten: Moslems passen nicht nach Dänemark.“

Er selbst sieht sich weder auf der einen noch der anderen Seite. Er äußere sich nicht als Teilnehmer einer Einwanderungsdebatte, sondern als Dichter.