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Wie ein Sachse seit Jahrzehnten die Justiz in Europa narrt

Zur Wendezeit zog der Markranstädter Swen Uwe Palisch in die Welt hinaus, um das große Geld zu machen. Das gelang. Doch legal? Ermittler aus drei Staaten zweifeln daran.

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Szenen aus dem Leben des Swen Uwe Palisch in Spanien: Prediger, Geschäftsmann, Gastronom und Pferdeliebhaber.
Szenen aus dem Leben des Swen Uwe Palisch in Spanien: Prediger, Geschäftsmann, Gastronom und Pferdeliebhaber. © Fotos: Facebook, öffentliche Seite Yeguada Swen Uw

Von Ulrich Wolf und Martin Dahms, Madrid

Dieser Mann ist unglaublich. Er arbeitet als Generalmanager, Direktor, Unternehmensberater. Er macht Geschäfte in den Branchen Finanzwesen, Energiehandel, Import & Export, Versicherungen, Immobilien, Luxus und Gastronomie. In Spanien, Liberia, Dubai, den USA und der Schweiz. Ausgebildet an der University of Central Lancashire in Preston, der sechstgrößten Universität Englands, abgeschlossen mit einem Doktortitel in Ökonomie und einem Master of Business Administration. Und ist ehrenamtlich auch noch als Prediger, Missionar und Evangelist für eine US-amerikanische Baptistenkirche unterwegs.

So stellt Swen Uwe Palisch sich dar. Auf seinen Profilen in sozialen Netzwerken, in dreiseitigen Biografien, die er Geschäftspartnern als „absolut vertraulich“ zukommen lässt. Swen Uwe Palisch, ein Sachse, gebürtig aus Markranstädt im Landkreis Leipzig. Ein heute 47 Jahre alter Mann, der in der Wendezeit auszog, die Welt zu erobern. Der ein Vermögen machte, in Spanien eine neue Heimat fand. Der dort in die gut situierte Gesellschaft einheiratete, Vater wurde und erfolgreich eine Pferdezucht aufbaute. Der sich eine goldene Krone als Firmenlogo zulegt. Palisch, der Super-Sachse. Oder eher ein Hochstapler, wie Thomas Mann ihn bereits in seinem Roman „Felix Krull“ beschrieb? Ein „Felix Krull 2.0“ sozusagen?

Derzeit spricht mehr für den Hochstapler als für den Super-Sachsen.

Razzien in Spanien, Deutschland und der Schweiz

Es ist der vergangene Dienstagmorgen, als Polizisten in Deutschland, Spanien und der Schweiz ausschwärmen, um einer international agierenden, mutmaßlichen Geldwäscher- und Betrugsbande das Handwerk zu legen. Die EU-Justitzbehörde Eurojust in Den Haag koordiniert die Aktion. Vier Jahre lang sei verdeckt ermittelt worden, teilt die für den deutschen Part zuständige Staatsanwaltschaft in Köln mit. Im Fokus: Swen Uwe Palisch.

Um acht Uhr an jenem Dienstagmorgen klingeln Beamte der Guardia Civil am Tor eines mit Überwachungskameras gesicherten Grundstücks im nordwestspanischen Samieira, einem 1.000-Einwohner-Dorf an der galicischen Atlantikküste. Das Haus liegt idyllisch am Rande eines Kiefernwalds. Dort lebt Palisch mit seiner Familie, schon seit Jahren.

Die Polizisten zeigen ihm einen Durchsuchungsbeschluss und einen Haftbefehl. Elf Stunden lang durchkämen die Ermittler das Anwesen. Extra aus Madrid herangeschafft wurde ein auf Bargeld trainierter Spürhund. Henry heißt er. Die spanische Polizei veröffentlicht im Internet ein Video, das zeigt, wie Henry sich im Schlafzimmer durch die Bettwäsche schnüffelt. Es dunkelt bereits wieder, da wird Palisch abgeführt.

„Versteinert“ sei sie gewesen, als sie in den Nachrichten von der Festnahme im Dorf erfahren habe, erzählt Margarita, die in Samieira eine Ferienwohnung vermietet, man kenne „diese Leute, die von außerhalb kommen“, ja gar nicht. Ein anderer Nachbar beschreibt Palisch als „ausgesprochen freundlich“, bescheinigt ihm „eine besondere Begabung im Umgang mit Menschen“. Ein deutscher Geschäftspartner sagt, Palisch sei „herzensgut“, ein „sehr christlicher Mensch“, man fühle sich bei ihm willkommen. „Das mag alles sein“, wird darauf später der Einsatzleiter und Oberstleutnant Manuel Touceda von der Guarda Civil auf einer Pressekonferenz in der Provinzhauptstadt Pontevedra sagen. „Diese Beschreibung trifft aber auch exakt auf das Profil des perfekten Betrügers zu“.

Von einem weiteren überraschenden Besuch der Polizei berichtet das Hipódromo de Antela, eine Pferderennbahn mit angeschlossenen Ställen: Dort, in der galicischen Provinz Ourense, mehr als 100 Kilometer von seinem Wohnhaus entfernt, hat Palisch 14 Rassepferde zur Pflege untergebracht. Sie werden von den Beamten beschlagnahmt, weil sie zu Palischs Vermögen gehören. Auch im Zentrum von Ponteverda tauchen die Fahnder auf und schleppen aus einem Büro- und Appartementhaus jede Menge Kisten mit konfiszierten Unterlagen. Von dort aus soll Palisch als Chef und Repräsentant einer Kapitalanlage-Firma namens United Investment Federation (UIF) agiert haben.

Der schöne Schein auf Mallorca

Auch auf Mallorca ist die spanische Polizei an jenem Morgen im Einsatz. Sie klingelt an der Pforte eines mondänen Chalets in Costa d’en Blanes, einer vornehmen Siedlung in der Nähe von Palma de Mallorca. Dort residiert Erich Bennekemper. Der 62-jährige ist der Ex-Mann des deutsch-russischen TV-Sternchens Svetlana Nadel. Die hatte 2016 versucht, in der RTL 2-Serie „Reich & Sexy“ als Millionärsgattin berühmt zu werden. In einem YouTube-Video erzählt sie ganz unverblümt, wie sie das Geld ihres damaligen Mannes Erich verprasst. Wohl auch deshalb durchsucht die Polizei ihre Villa in Bendinat an der Westküste Mallorcas sowie Büros und Wohnungen in Inca im Südosten der Insel.

TV-Sternchen Svetlana Nadel und ihr damaliger Ehemann Erich Bennekemper aus einer Szene des Videos: "Luxusleben dank dem Ehemann".
TV-Sternchen Svetlana Nadel und ihr damaliger Ehemann Erich Bennekemper aus einer Szene des Videos: "Luxusleben dank dem Ehemann". © Screenshot youtube/szo

Die Verbindung zu Palisch ist offensichtlich: Der hatte vor drei Jahren auf Mallorca Schlagzeilen gemacht, weil er in Inca einen Polo-Klub für fünf Millionen Euro errichten wollte. Als Beraterin für das Projekt stehe ihm die Tochter der Dressurreiter- und Versandhandel-Legende Josef Neckermann zur Seite, tönte Palisch damals. Weitere Millionen sollten in den Bau eines Windparks fließen. Man sammle das Geld dafür bei Privatinvestoren, hieß es.

Alsbald bezeichneten mallorquinische Zeitungen die Vorhaben als „Geisterprojekte“. Interessierte Investoren aber muss es gegeben haben. Ihre Anzahlungen für diese und andere vorgeblich hochrentablen Projekte, so die These der Staatsanwaltschaft Köln, seien auf Konten in Spanien, Portugal und der Schweiz gelandet, auf die nur Palisch und seine Leute Zugriff gehabt hätten. Die Behörde beziffert die Zahl der mutmaßlich betrogenen Anleger auf 60, in Spanien ist von 76 die Rede. Einig sind sich die Ermittler in der bislang bekannten Schadenshöhe: zwölf Millionen Euro.

Geld, von dem auch der Palisch-Partner Bennekemper auf Mallorca profitiert hat? Sein Name findet sich in den Paradise Papers. Dort taucht er als Gesellschafter und Chef einer Energiehandelsfirma auf, die ihren Sitz auf Malta und ein Postfach in Dubai hat. Die Indizien und Beweise gegen Bennekemper reichten zumindest aus, um ihn festzunehmen. Sein Porsche Cayenne wurde beschlagnahmt.

Ein Netzwerk für Anlagebetrug und Geldwäsche?

Eurojust sieht in dem Fall „ein großes europäisches Netzwerk für Anlagebetrug und Geldwäsche“. Bislang gebe es 14 Beschuldigte. Neben den Razzien in Spanien gab es Durchsuchungen in der Schweiz. Dort sei „ein für die Ermittlungen wichtiges Konto“ eingefroren worden, heißt es. In Italien läuft gegen die mutmaßliche Bande rund um Palisch ein gesondertes Ermittlungsverfahren der Finanzpolizei Brixen sowie der Staatsanwaltschaft Bozen.

Und in Deutschland? Hier filzte die Polizei Häuser, Wohnungen und Büros in Recke bei Osnabrück, in Unterföhring bei München sowie in den nordrhein-westfälischen Städten Ratingen, Düsseldorf und Mönchengladbach. Die Polizei verhaftete zwei weitere Männer, einer von ihnen ist krankheitsbedingt bereits wieder auf freiem Fuß. Es seien mehrere Konten gepfändet sowie „Unterlagen in schriftlicher und digitaler Form“ beschlagnahmt worden, teilte die Staatsanwaltschaft Köln mit.

Als Kronzeuge vor Gericht in Irland

Palisch auf die mögliche Schliche zu kommen, ist für die Ermittler sicher nicht einfach. Nach seinen Fortzug aus Sachsen gründet er 1996 eine Versicherungsmakler- und Finanzberateragentur in Saarbrücken. Zwei Jahre später steht er erstmals vor Gericht: in Irlands erstem großen Geldwäsche-Prozess. In Cork wird er jedoch als Kronzeuge der Anklage vernommen. Dem Richter erzählte er, er bewundere den „ausschweifende Luxus in Monaco“. So wolle er auch leben.

2003 beginnt die Staatsanwaltschaft Saarbrücken, gegen Palisch zu ermitteln. Wieder geht es um Geldwäsche. Und um den illegalen Verkauf von Daten des Hamburger Vereins „Kinder in Not“. Zehntausende standen mit Adresse und Bankverbindungen in dem Datensatz. Diese spendeten in dem Glauben, ihr Geld lande bei dem Verein. Tatsächlich aber wurde es auf ein Konto bei der Schweizer Großbank Credit Suisse geleitet. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte dort 1,3 Millionen Euro. Doch trotz einer letztendlich 1 500 Seiten umfassenden Ermittlungsakte kommt es nicht zum Prozess: 2015 zahlt Pahlisch 6 500 Euro, das Verfahren gegen ihn in Saarbrücken wird daraufhin eingestellt.

Zwischenzeitlich taucht der Name des Sachsen im Zusammenhang mit allerlei dubiosen Firmen, Personen und Projekten auf. So mit Roosevelt Quiah, einen ehemaligen Minister für Investitionen ausländischer Geldgeber in Liberia, der Jahre später wegen Betrugs verurteilt werden sollte. Oder mit einem deutschen Geschäftsmann im spanischen Alicante, gegen den die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelte. Oder mit jenen zwei Herren, die nun in Deutschland verhaftet wurden, und mit denen er die UIF aufbaute. Über diese Firma behauptete Palisch schon 2003: „Unser Stammkapital beträgt stolze zehn Milliarden Dollar.“

Der Sachse gründete Firmen in England, den USA, in Dubai, auf den britischen Jungfern-Inseln, in der Schweiz, in Luxemburg. Und er macht aus seiner Liebe für Pferde in Spanien ein Geschäft. In Galicien baut er eine Zucht auf, seine Pferde gewinnen Preise. Er beteiligt sich an einer Sicherheitsfirma, an einem Juweliergeschäft und an einem Gourmetunternehmen. Im Mittelpunkt aber bleibt die UIF. Auf ihrer längst abgeschalteten Homepage hieß es: „Jeder Kunde erhält ab einer Geldanlage von 100 000 Euro eine gewinnunabhängige Kapitalverzinsung von fünf Prozent per annum.“ Um dabei sein zu können, möge man das Geld auf ein Konto der spanischen Banco Gallego überweisen. Der UIF-Firmensitz wird derweil innerhalb Spaniens immer wieder verlegt. Das führt zum einen zu einem Zuständigkeitsgerangel der Behörden, zum anderen verschafft es Palisch und seinen Leuten Zeit. Denn von 2011 an häufen sich die Meldungen von angeblich betrogenen Investoren.

Im Juni 2013 untersagt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht einer UIF-Partnerfirma das Einlagen- und Kreditgeschäft, im April 2016 verbietet die spanische Finanzaufsicht der UIF den Wertpapierhandel. Dennoch geht das Einsammeln von Kapital offensichtlich weiter. Zuletzt wirbt Palisch im August 2017 für Investitionen in ein 350 Millionen Euro schweres Geothermie-Projekt, für das er „eine Jahresrendite von 20 Prozent ohne Bank oder Finanzkonzern“ in Aussicht stellt.

In einem Chat mit einem der Autoren dieses Artikels schreibt Palisch: „Es waren wirklich irre Zeiten nach der Wende.“

Kaum im Gefängnis, schon wieder frei

Die könnten nun zu Ende gehen. Die Staatsanwaltschaft Köln hat sowohl für Bennekemper wie auch für Palisch die Auslieferung beantragt. Am vergangenen Donnerstag sind deshalb beide einer Strafkammer der Audiencia Nacional in Madrid vorgeführt worden, einer Kammer am obersten Gerichtshof, die auf organisierte Kriminalität spezialisiert ist. Bennekemper hat nach Angaben des Gerichts seiner Auslieferung zugestimmt. Die soll in spätestens zehn Tagen erfolgen, bis dahin bleibt der aus Düsseldorf stammende, angebliche Multimillionär in Haft.

Und Palisch? Der ist bereits wieder frei. „Vorläufig“, betont das Gericht. Sein Anwalt sagt, sein Mandant habe der Auslieferung widersprochen. So lange darüber nicht entschieden sei, dürfe er das Land nicht verlassen. Zudem müsse Palisch sich wöchentlich bei Gericht melden. Die Audiencia Nacional erkenne keine Fluchtgefahr, Palisch habe einen legalen Wohnsitz in Spanien und sei familiär gebunden.

Also doch, Palisch, der Super-Sachse? Oder „Felix Krull 2.0“? Oder beides? Wie heißt es in einer Interpretation zu der Romanfigur von Thomas Mann: „Felix Krull wickelt mit seinem schauspielerischen Talent alle um den Finger. Seine pfiffige Hochstapelei katapultiert ihn bis in die höchsten gesellschaftlichen Ebenen und auf den Gipfel von Ruhm und Reichtum.“