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Wie ein Traktor gefahren wird

Lommatzscher Kinder werden von Berufsschülern an die Landwirtschaft herangeführt. Beide Seiten sind mit viel Freude dabei.

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Von Jürgen Müller

Einmal in einem Traktor sitzen, für viele Neunjährige ist das ein Traum. Nicht für Ole. Der hat das schon öfter gemacht. Sein Vater ist schließlich Landwirt, arbeitet im Agrarunternehmen Lommatzscher Pflege in Barmenitz. Er repariert Traktoren und Mähdrescher. Heute ist Ole mit einer Schulklasse aus der Grundschule Lommatzsch im Betrieb seines Papas. Ausflug im Fach Sachkunde. Es ist in doppelter Hinsicht eine ungewöhnliche Unterrichtsstunde. Nicht nur, dass sie außerhalb des Klassenzimmers stattfindet. Die „Lehrer“ könnten die großen Geschwister der Grundschüler sein. Dennis Matt (23), Markus Jentzsch (21) und Benjamin Dubiel (21) sind selbst noch Schüler. Alle drei lernen an der Landwirtschaftsschule in Großenhain. Sie qualifizieren sich dort zum Staatlich geprüften Wirtschafter für Landwirtschaft“.

Mit viel Lampenfieber

Der Unterricht „Schüler unterrichten Schüler“ gehört zum Ausbildungsprogramm. Nunmehr zum zweiten Mal sollen Schüler Schülern der regional ansässigen Grundschulen Unterricht in landwirtschaftlichen Dingen erteilen. Diese Art des Projektunterrichts gab es erstmalig 2010 mit der vorangegangenen Wirtschafterklasse. „Dabei war die Begeisterung auf beiden Seiten groß und vor allem die Grundschulen riefen nach einer Wiederholung“, sagt Schulleiter Egbert Thierbach.

In neun Schülergruppen werden die Projekte umgesetzt, die in diesem Jahr doch mehr von der Milchproduktion und damit den Kühen geprägt sind. Trotzdem geht es auch um Getreide, um Futterbau, um den Weg der Kartoffeln und viele andere Dinge rund um die Landwirtschaft. Ausgestattet mit Folienvorträgen und anfassbarem Unterrichtsmaterial aus dem Landleben, wie Milchkannen, Futtermittel und auch Probierpäckchen gehen am Freitag alle Schüler in ihren Projektgruppen zu zweit oder dritt an die Grundschulen wie zum Beispiel in Pulsen, Kalkreuth, Niederau, Lampertswalde, Lommatzsch, Riesa, Burkhardswalde oder auch entsprechend der Schülerherkünfte in Langenwolmsdorf und Laußnitz.

„Das Lampenfieber steigt gewaltig, denn nun sitzen jeweils um die 20 erwartungsvolle Kindergesichter der Klassenstufen 1 bis 4 vor den Fachschülern“, so Thierbach. Karin Dietze, Klassenleiterin der Lommatzscher Grundschüler, ist zufrieden mit ihren Kollegen für einen Tag: „Klar, ein bisschen Aufregung war schon zu spüren. Aber die drei Jungs haben das gut gemacht“, sagt sie. Wie gut, wird sich noch zeigen. Denn die Projektteilnehmer bekommen für die gezeigte Leistung auch eine Note.

Den Kinder jedenfalls gefällt es. „Hier lernt man viel über die Landwirtschaft. Wir sehen, wie ausgesät wird und mit welchen Maschinen die Bauern arbeiten“, sagt die neunjährige Annalena. Die Landwirtschaft ist für sie ziemlich neu. Ihre Eltern haben jedenfalls keine landwirtschaftlichen Berufe.

Kinder kennen sich aus

„Wir möchten die Kinder vor allem in den Städten an die Landwirtschaft heranführen, ihnen zeigen, wie Kühe gemolken werden und dass die Milch nicht einfach aus der Tüte im Supermarkt kommt und auch nicht von lila Kühen kommt“, sagt Dr. Gerda Strehle, Lehrerin an der Landwirtschaftsschule Großenhain. Es soll Verständnis für grüne Berufe entstehen, dafür, dass die Landwirte in mühevoller Arbeit qualitativ hochwertige Produkte herstellen. Und natürlich gehe es auch darum, Nachwuchs zu finden. Damit könne man nicht zeitig genug anfangen. Demnächst soll es das Projekt auch an Mittelschulen geben.

„Die Kinder sollen sehen, wie viel Mühe die Landwirtschaft macht, wie viel Arbeit dahinter steht, was passiert“, sagt Dennis Matt, einer der Lehrer für einen Tag.

Lehrerin Karin Dietze hat für das Projekt sogar ihren Unterricht umgestellt. Das Thema „Vom Korn zum Brot“ ist eigentlich erst im Sommer dran. Es wurde vorgezogen. „Viele Kinder kennen sich aber schon ganz gut aus in der Landwirtschaft, sie kommen ja aus den Dörfern“, sagt sie. Auch Ole kennt sich aus, einen Beruf in der Landwirtschaft kann sich der Neunjährige aber nicht vorstellen. Er möchte Meeresbiologe werden.