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Wie ein Unfall auf eine Postkarte kommt

Karl-Heinz Teichert hat sein wahrscheinlich letztes Buch geschrieben. Das regt zum Nachdenken und Schmunzeln an.

Mit „Kurioses aus Waldheim“ ist das wahrscheinlich letzte Buch von Karl-Heinz Teichert überschrieben. In seinen Händen hält er den Vorabdruck. Inzwischen liegt es gedruckt vor.
Mit „Kurioses aus Waldheim“ ist das wahrscheinlich letzte Buch von Karl-Heinz Teichert überschrieben. In seinen Händen hält er den Vorabdruck. Inzwischen liegt es gedruckt vor. © Dietmar Thomas

Waldheim. Der Meinsberger Berg ist gefährlich. Zumindest, wenn am Auto die Bremsen versagen. Das musste auch der Fahrer eines kleinen Lasters feststellen, der bergab immer schneller wurde und anscheinend auch nicht mehr lenken konnte. Statt unten rechts abzubiegen, fuhr er geradeaus und krachte in ein Wohnhaus.

Dieser Unfall ereignete sich am 28. April 1926 und ist eine von 32 Geschichten im neuen Buch von Karl-Heinz Teichert. Die Waldheimer sprachen damals vom Schokoladenunfall. Denn der Laster der Firma Hildebrand hatte diese Süßigkeit geladen. „Die Unterlagen dazu habe ich im Nachlass meines Onkels gefunden“, erzählt Teichert. Eine frühere Klassenkameradin habe sogar noch den Unfallbericht besessen. Kurz nach dem Unfall passierte etwas, das heute undenkbar scheint. Obwohl der Fahrer tödlich verunglückt und ein Großteil des Hauses zerstört war, wurde das Foto vom Unfall als Postkarte gedruckt.

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Dieses und anderes „Kurioses aus Waldheim“ hat Karl-Heinz Teichert in seinem – wie er selbst sagt – letzten Buch verarbeitet. „Aber Kurioses ist nicht nur Lustiges“, meint der 80-Jährige. Auch Merkwürdiges, Eigenartiges, Abnormes, Seltsames, Sonderbares, Unübliches, Geniales und Verwunderliches gehöre dazu.

Streit um den Platz für die Kirche

Die Geschichten, die das Buch füllen, hat er lange gesammelt und in den vergangenen zwei Jahren verarbeitet. Etwa den Streit um den Standort der Kirche. Rund 600 Jahre lang war deren Platz auf dem Markt. Im Jahr 1832 brannte das Gotteshaus bis auf die Grundmauern nieder. Anschließend gab es mehr als sieben Jahre lang keine Kirche in Waldheim. Denn so lange wurde im Stadtparlament darüber debattiert, ob sie am alten Platz wieder aufgebaut werden soll. „Dann haben sich die Neukirchler durchgesetzt“, erzählt Teichert.

Die bevorzugten den heutigen Standort der Kirche auf dem Kellerberg. Dort sei sie vor Hochwasser geschützt und die Häuser rund um den Markt besser vor Bränden, so die Argumente. Die Stadt habe die Grundstücke gekauft, und Pferdewagen schafften die Steine des Fundaments der abgebrannten Kirche nach oben. Mit denen sei dann das Fundament für die neue Kirche gebaut und diese innerhalb von nur zwei Jahren errichtet worden.

Vieles, das Kar-Heinz Teichert in dem 137 Seiten starken Buch zusammengefasst hat, kennt er aus Berichten in Medien vergangener Zeiten oder durch Erzählungen. Manches hat er aber auch selbst erlebt. „Als ich 1990 ins Rathaus einzog, wurde gerade das Dach repariert – mit Eternitschindeln“, erinnert sich der Ex-Bürgermeister. Aber die mussten sich möglichst farblich an den noch intakten Dachteil anpassen. Deshalb kamen ein Dachdecker und ein Maler auf eine Idee. „Sie haben das Eternit in Platten geschnitten, rechts und links ein Loch hineingebohrt, in eine alte Badewanne mit Farbe getaucht und auf einer Wäscheleine aufgehangen, die sie auf einem Boden gespannt hatten“, so Teichert. 

Als dieser Test erfolgreich verlief, sind sie „mit ihrer Dachplattenproduktion auf den Markt umgezogen. Im Jahr 1996 sei das Dach halb mit Eternit und halb mit Dachziegeln gedeckt gewesen. Und der Stadtrat habe den Beschluss gefasst: Das Eternit muss weg. Das Rathausdach wurde komplett neu mit Ziegeln gedeckt. „Zum Heimatfest 1998 war alles fertig“, freut sich Teichert heute noch.

Er hat in dem Buch auch Kurioses aus der DDR verewigt und mit Bildern illustriert. 1953 gab es die einzige Portosenkung bei der Deutschen Post. Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt viele Briefmarken schon gedruckt. Sie wurden nicht etwa weggeworfen, sondern der alte Betrag mit einem X unkenntlich gemacht und der neue Betrag mitten auf die Marke gedruckt.

Das letzte Kapitel ist ein besonderes und fasst unter der Überschrift „Wussten Sie, dass....“ in kurzen Abschnitten Erinnerungswürdiges zusammen. So befand sich am Waldheimer Bahnhof früher die Kaiserliche Post, die Briefe aber nicht abstempeln durfte. In Kriebstein fuhr der Zug bis zur Sprengung einer Brücke im Jahr 1945 bis unterhalb der Burg und an der Talsperre befand sich der Parkplatz 1932 direkt am Wasser.

Ab sofort in der Buchhandlung

„Kurioses in Waldheim“ wurde in einer Auflage von vorerst 250 Stück gedruckt und ist ab sofort in der Buchhandlung Dierbooks erhältlich.

Seit Karl-Heinz Teichert die Amtskette des Bürgermeisters an seinen Nachfolger übergeben hat, widmet er sich der Aufarbeitung der Geschichte Waldheims und der Region in verschiedenen Bereichen. Er hat mindestens zehn Heimathefte geschrieben und fünf Bücher mit jeweils mehr als 100 Seiten. Themen waren unter anderen die mittelsächsische Landwirtschaft, ausgestorbene Berufe, der Fischer von Waldheim, aber auch „Mein Leben“ und „Einmal um die ganze Welt“. Material habe er bereits als Kind gesammelt, einfach, weil es ihm interessant erschien. „Damals wusste ich noch nicht, wofür“, sagt er.

Auch wenn er nun nicht mehr schreiben will, werde ihm nicht langweilig, ist sich Teichert sicher. Er habe einen großen Garten, in dem er unter anderen 22 Tomatensorten gezüchtet hat, und er engagiert sich im Verschönerungs- sowie Schützenverein. Und wenn es wieder möglich und er noch fit ist, will er weiter die Welt bereisen.

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